2.9 Thomas von Aquin vs. Jean-Paul Sartre#

Essenz vor Existenz vs. Existenz vor Essenz – Gottesordnung vs. radikale Freiheit


Thomas von Aquin (1225-1274)#

Ziele#

Visio beatifica – Gottesschau – Das höchste Ziel des Menschen ist die Schau Gottes (visio beatifica) im Jenseits. In diesem Leben: Lebe gemäß der natürlichen Ordnung (Vernunft, Tugend) und bereite dich auf die übernatürliche Vollendung (durch Gnade) vor. Erkenne Gottes Ordnung (in Natur und Offenbarung) und verwirkliche deine gottgegebene Essenz.

Regeln#

1. Essenz vor Existenz – Die Ordnung der Schöpfung

Thomas’ Grundthese (scholastische Metaphysik):

Bei geschaffenen Dingen geht die Essenz (essentia, Wesen) der Existenz (existentia, Dasein) voraus.

Was heißt das?

  • Essenz: Was ein Ding ist (seine Natur, Definition, Zweck)

  • Existenz: Dass ein Ding ist (sein Dasein)

Beispiel: Ein Messer hat eine Essenz (zum Schneiden da) – diese Essenz ist vor der Existenz (bevor es hergestellt wird, ist schon klar, was ein Messer ist).

Beim Menschen: Gott hat eine Idee des Menschen (Essenz: vernünftiges Tier, geschaffen zum Bild Gottes, bestimmt zur Gottesschau). Diese Essenz geht der Existenz voraus – du wirst als Mensch geboren (nicht als unbeschriebenes Blatt).

Nur bei Gott: Essenz = Existenz. Gott ist reines Sein (ipsum esse subsistens). “Ich bin, der ich bin” (Exodus 3,14).

Regel: Erkenne deine Essenz (was du als Mensch bist) und verwirkliche sie. Du hast eine Natur, die dich definiert – lebe gemäß ihr.

Lebensführung: Frage nicht “Wer will ich sein?” (das ist Hybris), sondern “Was bin ich?” (Mensch, geschaffen von Gott, bestimmt zur Gottesschau). Deine Essenz ist vorgegeben – lebe sie aus.

2. Die fünf Wege – Gottesbeweise

Thomas beweist Gottes Existenz durch Vernunft (nicht nur Offenbarung).

Die fünf Wege (Summa Theologiae I, q.2, a.3):

  1. Bewegung (ex motu): Alles Bewegte wird bewegt. Es muss einen unbewegten Beweger geben (Gott).

  2. Wirkursache (ex causa efficiente): Alles Verursachte hat eine Ursache. Es muss eine erste Ursache geben (Gott).

  3. Kontingenz (ex contingentia): Alles Kontingente (könnte nicht sein) setzt Notwendiges voraus. Es muss ein notwendiges Wesen geben (Gott).

  4. Gradation (ex gradibus): Es gibt Grade der Vollkommenheit. Es muss ein Maximum geben (Gott als vollkommenstes Wesen).

  5. Teleologie (ex fine): Alles strebt zu einem Zweck. Es muss einen obersten Zwecksetzer geben (Gott).

Regel: Gott ist vernünftig erkennbar (nicht nur Glaube). Die Natur zeigt seine Existenz.

Lebensführung: Nutze deine Vernunft. Glaube und Vernunft widersprechen sich nicht – sie ergänzen sich (fides et ratio).

3. Natürliches Gesetz – Lex Naturalis

Das natürliche Gesetz (lex naturalis) ist in die menschliche Natur eingeschrieben (von Gott).

Grundprinzip: “Das Gute ist zu tun, das Böse zu meiden.”

Wie erkennt man es? Durch Vernunft (synderesis, das Gewissen erkennt die Grundprinzipien).

Primäre Gebote (aus der Natur ableitbar):

  • Selbsterhaltung: Strebe nach Leben (daher: Selbstmord ist falsch)

  • Fortpflanzung: Erhalte die Art (daher: Sexualität in der Ehe)

  • Gemeinschaft: Lebe in Gesellschaft (daher: Lüge und Diebstahl sind falsch)

  • Wahrheit: Strebe nach Erkenntnis Gottes (daher: Gottesverehrung)

Regel: Das moralische Gesetz ist objektiv (nicht subjektiv, nicht kulturell relativ). Es folgt aus der Natur des Menschen.

Lebensführung: Höre auf dein Gewissen (richtig gebildet). Es zeigt dir das natürliche Gesetz. Handle gemäß der Vernunft.

4. Tugend – Natürliche und übernatürliche

Thomas übernimmt Aristoteles (Tugendethik), aber christianisiert sie.

Kardinaltugenden (natürlich, durch Übung erreichbar):

  1. Klugheit (prudentia) – praktische Weisheit

  2. Gerechtigkeit (iustitia) – jedem das Seine

  3. Tapferkeit (fortitudo) – Mut

  4. Mäßigung (temperantia) – Selbstbeherrschung

Theologische Tugenden (übernatürlich, durch Gnade geschenkt):

  1. Glaube (fides) – an Gott glauben

  2. Hoffnung (spes) – auf Erlösung hoffen

  3. Liebe (caritas) – Gott und Nächsten lieben

Regel: Natürliche Tugenden sind notwendig, aber nicht ausreichend. Du brauchst Gnade (theologische Tugenden) zur Vollendung.

Lebensführung: Übe die Kardinaltugenden (wie Aristoteles). Aber: Bete um Gnade (theologische Tugenden). Beides zusammen führt zur beatitudo (Seligkeit).

5. Gnade vervollkommnet Natur – Gratia perficit naturam

Thomas’ berühmter Satz: “Gnade zerstört Natur nicht, sondern vervollkommnet sie” (gratia non tollit naturam sed perficit).

Was heißt das?

  • Die Natur (Vernunft, natürliche Tugenden, natürliches Gesetz) ist gut (von Gott geschaffen)

  • Aber durch den Sündenfall geschwächt

  • Gnade heilt und vollendet die Natur (führt zur übernatürlichen Vollendung: Gottesschau)

Gegen:

  • Pelagianismus: “Mensch kann sich selbst erlösen” (Nein! Gnade ist nötig)

  • Augustinismus (radikal): “Natur ist völlig verdorben” (Nein! Natur ist gut, nur geschwächt)

Regel: Vertraue auf die Natur (Vernunft) und die Gnade (Offenbarung). Beides wirkt zusammen.

Lebensführung: Nutze deine natürlichen Fähigkeiten (Vernunft, Tugend). Aber: Erkenne, dass du Gnade brauchst (Sakramente, Gebet). Natur und Gnade.

6. Analogia entis – Analogie des Seins

Wie können wir über Gott sprechen, wenn er transzendent ist (jenseits unserer Erfahrung)?

Thomas’ Lösung: Analogie (analogia entis).

Nicht:

  • Univok: “Gott ist gut” im gleichen Sinn wie “Mensch ist gut” (Nein! Gott ist unendlich, wir endlich)

  • Äquivok: “Gott ist gut” bedeutet etwas völlig anderes als “Mensch ist gut” (Nein! Dann wüssten wir gar nichts über Gott)

Sondern:

  • Analog: “Gott ist gut” bedeutet etwas Ähnliches, aber Höheres als “Mensch ist gut”. Wir erkennen Gott durch Schöpfung (wie Künstler am Werk), aber unvollkommen.

Regel: Wir können über Gott sprechen, aber immer nur unvollkommen. Analogie, nicht Gleichheit.

Lebensführung: Erkenne Gottes Spuren in der Schöpfung. Aber: Bleib demütig – du begreifst Gott nie vollständig (erst in der visio beatifica).

7. Gewissen – Synderesis und Conscientia

Thomas unterscheidet:

Synderesis: Die angeborene Fähigkeit, Grundprinzipien des Guten zu erkennen (“Das Gute ist zu tun, das Böse zu meiden”). Präzise: Sie ist der Habitus (bleibende Disposition) der ersten Prinzipien des praktischen Verstandes. Sie irrt nie im Allgemeinen (“Tue das Gute”), ist also unfehlbar auf dieser Ebene.

Conscientia (Gewissen): Die Anwendung der Prinzipien auf konkrete Situationen. Kann irren (durch Unwissenheit, Leidenschaft).

Regel: Folge deinem Gewissen (auch wenn es irrt – du bist subjektiv schuldlos). Aber: Bilde dein Gewissen (durch Vernunft, Lehre der Kirche).

Lebensführung: Wenn dein Gewissen dir etwas sagt – tue es. Aber: Prüfe, ob dein Gewissen richtig gebildet ist. Ignoranz schützt nicht vor objektiver Schuld.

8. Naturrecht und positives Recht

Ewiges Gesetz (lex aeterna): Gottes Plan für die Schöpfung (nur Gott kennt es vollständig)

Natürliches Gesetz (lex naturalis): Der Teil des ewigen Gesetzes, den die Vernunft erkennen kann (siehe Regel 3)

Menschliches Gesetz (lex humana): Konkrete Gesetze (Staat, Gesellschaft), abgeleitet aus dem Naturrecht

Göttliches Gesetz (lex divina): Offenbarung (Zehn Gebote, Evangelium)

Regel: Menschliche Gesetze sind nur gültig, wenn sie dem Naturrecht entsprechen. Ein ungerechtes Gesetz ist kein Gesetz (“lex iniusta non est lex”).

Lebensführung: Gehorche den Gesetzen (Römer 13,1: “Seid untertan der Obrigkeit”). Aber: Wenn ein Gesetz dem Naturrecht widerspricht → Widerstand ist erlaubt (z.B. gegen Tyrannei, gegen Abtreibungsgesetze).

8a. Bonum Commune – Das Gemeinwohl

Gegen Sartres individuellen Fokus steht bei Thomas das Bonum Commune (Gemeinwohl):

Der Mensch ist nicht nur für sich selbst oder für Gott da, sondern Teil eines sozialen Organismus.

Die Essenz des Menschen beinhaltet seine soziale Funktion:

  • Der Mensch ist von Natur aus ein soziales Wesen (animal sociale)

  • Das Gute des Einzelnen ist untergeordnet dem Gemeinwohl (wenn es Konflikt gibt)

  • Die Tugend verwirklicht sich im sozialen Kontext (Familie, Polis, Kirche)

Regel: Handle so, dass das Gemeinwohl (bonum commune) gefördert wird. Das Gute des Ganzen geht vor dem Guten des Teils (aber: nicht durch Unterdrückung des Einzelnen, sondern durch Harmonie).

Lebensführung:

  • Dein Wohl ist verbunden mit dem Wohl der Gemeinschaft

  • Handle nicht nur egoistisch (aber auch nicht nur altruistisch) – sondern so, dass du deine soziale Funktion erfüllst

  • Familie, Staat, Kirche sind natürliche Ordnungen, in denen du deine Essenz verwirklichst

Gegen Sartre: Sartre sieht den Menschen als isoliert (konfrontiert mit anderen Freiheiten, “Die Hölle sind die anderen”). Thomas sieht ihn als sozial (verbunden in einer natürlichen Ordnung). Der Mensch ist von Natur aus auf Gemeinschaft angelegt – nicht erst durch Wahl.

Moderne Kritik: Kann das Gemeinwohl missbraucht werden zur Unterdrückung des Einzelnen? Ja (Totalitarismus beruft sich auf “Gemeinwohl”). Thomas’ Antwort: Nur das wahre Gemeinwohl (das natürliche Gesetz respektiert) ist gültig.

9. Doppelte Wahrheit – Fides et Ratio

Problem: Was, wenn Glaube (Offenbarung) und Vernunft (Philosophie) sich widersprechen?

Averroismus (radikale Interpretation): Es gibt zwei Wahrheiten – philosophisch kann etwas falsch sein, theologisch wahr (und umgekehrt).

Thomas lehnt das ab: Es gibt nur eine Wahrheit. Glaube und Vernunft können sich nicht widersprechen, weil beide von Gott kommen.

Lösung:

  • Wo sie sich ergänzen: Vernunft beweist Gottes Existenz, Offenbarung zeigt Trinität (über Vernunft hinaus, aber nicht gegen sie)

  • Wo sie scheinbar widersprechen: Entweder falsche Philosophie oder falsche Theologie (prüfe!)

Regel: Glaube und Vernunft sind kompatibel. Nutze beide. Philosophie ist “Magd der Theologie” (ancilla theologiae).

Lebensführung: Nutze deine Vernunft voll aus (Wissenschaft, Philosophie). Sie führt zu Gott. Aber: Erkenne, dass Offenbarung darüber hinausgeht (Trinität, Inkarnation, Gnade).

10. Das höchste Ziel – Visio beatifica

Das höchste Gut ist die Schau Gottes (visio beatifica) im Jenseits.

In diesem Leben:

  • Imperfekte Glückseligkeit (beatitudo imperfecta): Durch Tugend, Kontemplation (Aristoteles)

  • Aber: Nie vollständig zufriedenstellend (Augustinus: “Unruhig ist unser Herz, bis es ruht in dir”)

Im Jenseits:

  • Perfekte Glückseligkeit (beatitudo perfecta): Gottesschau (visio beatifica) – direkte, unmittelbare Erkenntnis Gottes

  • Nicht durch Vernunft (die ist begrenzt), sondern durch Gnade (lumen gloriae, Licht der Herrlichkeit)

Regel: Das höchste Ziel ist nicht in diesem Leben erreichbar. Bereite dich vor (Tugend, Sakramente, Gnade), aber die Vollendung kommt im Jenseits.

Lebensführung: Lebe tugendhaft (Kardinaltugenden), aber: Dein wahres Ziel ist die Gottesschau. Alles andere ist Vorbereitung. “Unser Vaterland ist der Himmel” (Philipper 3,20).

Begründungen#

Metaphysisch: Essenz vor Existenz. Gott hat die Welt geschaffen mit festen Essenzen (Naturen). Der Mensch hat eine gottgegebene Natur (Vernunft, Wille, Bestimmung zur Gottesschau).

Erkenntnistheoretisch: Fides et ratio – Glaube und Vernunft ergänzen sich. Die Vernunft kann Gott erkennen (fünf Wege), aber nicht vollständig (Trinität, Inkarnation brauchen Offenbarung).

Ethisch: Naturrecht (objektiv, aus der Natur ableitbar) + Göttliches Gesetz (Offenbarung). Tugenden (natürlich) + Gnade (übernatürlich).

Teleologisch: Alles strebt zu seinem Zweck (telos). Der Mensch strebt zur Gottesschau (visio beatifica).

Besonderheiten#

  • Synthese: Aristoteles + Christentum (größte intellektuelle Leistung des Mittelalters)

  • Scholastik: Systematische, deduktive Methode (quaestio, disputatio)

  • Einflussreich: 1879 zur offiziellen Philosophie der katholischen Kirche erklärt (Thomismus)

  • Ordnung: Hierarchisch (Gott → Engel → Menschen → Tiere → Pflanzen → Unbelebtes)

  • Optimismus: Natur ist gut (gegen Augustins Pessimismus), Vernunft ist mächtig

  • Konservativ: Verteidigt feudale Ordnung, kirchliche Autorität. Aber: Bei der Staatsform bevorzugt Thomas (De regno) eine Mischverfassung (Monarchie kombiniert mit Aristokratie und Demokratie) zur Vermeidung von Tyrannei – er ist also weniger absolutistisch, als man im Mittelalter vermuten würde.


Jean-Paul Sartre (1905-1980)#

Ziele#

Authentizität und Engagement – Erkenne, dass du radikal frei bist (es gibt keine vorgegebene Essenz). Wähle dich selbst (Selbst-Schöpfung), übernimm Verantwortung, engagiere dich. Das Ziel ist nicht Glück, sondern Authentizität – lebe in Übereinstimmung mit deiner selbstgewählten Freiheit.

Regeln#

1. Existenz vor Essenz – Die Grundthese

Sartres berühmter Satz (L’existentialisme est un humanisme, 1946):

“Die Existenz geht der Essenz voraus.”

Was heißt das?

Bei Dingen (z.B. Messer): Essenz vor Existenz. Der Handwerker hat eine Idee (Essenz), dann stellt er das Messer her (Existenz).

Beim Menschen (im Atheismus): Existenz vor Essenz.

  • Du wirst zuerst geboren (Existenz)

  • Dann erschaffst du dich selbst (Essenz)

  • Es gibt keine Idee des Menschen (kein Gott, der dich entworfen hat)

Sartre: “Es gibt keinen Gott, also gibt es keine menschliche Natur. Der Mensch ist nichts anderes, als wozu er sich macht.”

Regel: Du hast keine vorgegebene Essenz. Du bist nicht “zum Menschen geboren” (das wäre Essentialismus). Du machst dich zum Menschen durch deine Wahl.

Lebensführung: Frage nicht “Was bin ich?” (als ob es eine Antwort gäbe), sondern “Was mache ich aus mir?” Du bist das Projekt deiner eigenen Schöpfung.

2. Radikale Freiheit – Zur Freiheit verurteilt

“Der Mensch ist zur Freiheit verurteilt.” (L’être et le néant, 1943)

Was heißt das?

  • Du bist radikal frei (kein Gott, keine Natur, keine Essenz schränkt dich ein)

  • Aber: Diese Freiheit ist Last, nicht Geschenk

  • Du kannst nicht nicht wählen. Selbst Nichtwählen ist eine Wahl.

“Wir sind dazu verdammt, frei zu sein.”

Regel: Du bist immer frei. Keine Ausreden (“Meine Natur”, “Meine Kindheit”, “Die Umstände”) – das ist mauvaise foi (Selbsttäuschung).

Lebensführung: Übernimm deine Freiheit. Wähle. Handle. Du bist verantwortlich für alles, was du tust (und nicht tust).

Präzisierung – Faktizität (Facticité) als Gegengewicht zur Freiheit:

Sartre ignoriert Grenzen nicht – aber er sagt: Diese Grenzen bekommen ihre Bedeutung erst durch deine Wahl, wie du dich zu ihnen verhältst.

Faktizität = Die gegebenen Umstände deiner Existenz:

  • Dein Körper (Geschlecht, Gesundheit, Behinderung)

  • Deine Situation (Armut, Reichtum, Herkunft)

  • Deine Vergangenheit (was bereits geschehen ist)

  • Dein Tod (Sterblichkeit)

Aber: Diese Fakten sind bedeutungsleer, bis du sie interpretierst durch deine Wahl.

Beispiel:

  • Eine körperliche Behinderung ist eine Faktizität (gegeben, unveränderbar)

  • Aber: Ob sie ein “Hindernis” oder eine “Herausforderung” ist, ob sie dich “definiert” oder nur “betrifft” – das wählst du durch deine Haltung

Regel: Freiheit ist nicht Abwesenheit von Grenzen, sondern Freiheit innerhalb der Faktizität – die Art, wie du dich zu den Grenzen verhältst.

Lebensführung: Du kannst deine Faktizität nicht ändern (Körper, Vergangenheit, Situation). Aber du bist frei, ihnen Bedeutung zu geben. Sartre: “Ich bin für meine Geburt verantwortlich” – nicht kausal, aber existenziell (wie ich sie interpretiere).

3. Mauvaise foi – Selbsttäuschung

Mauvaise foi (Unaufrichtigkeit, Selbsttäuschung): Wenn du leugnest, dass du frei bist.

Beispiele:

Der Kellner (L’être et le néant): Ein Kellner spielt seine Rolle zu perfekt – er identifiziert sich mit der Rolle “Kellner”, als ob das seine Essenz wäre. Aber er ist frei – er könnte jederzeit aufhören, Kellner zu sein.

Die Frau beim Date: Ein Mann macht ihr Avancen. Sie lässt ihre Hand in seiner, tut aber so, als bemerke sie es nicht. Selbsttäuschung: Sie leugnet ihre Freiheit (Wahl: Hand wegziehen oder nicht?).

Ausreden: “Ich konnte nicht anders” – Lüge! Du konntest immer anders. Du hast nur nicht gewollt.

Regel: Vermeide mauvaise foi. Erkenne deine Freiheit. Keine Ausreden.

Lebensführung: Wenn du dich auf “Natur”, “Pflicht”, “Zwang” berufst – prüfe: Täusche ich mich selbst? Versuche ich, meiner Freiheit zu entkommen?

4. Verantwortung – Für die ganze Menschheit

Wenn du wählst, wählst du nicht nur für dich, sondern für alle.

“Indem ich mich wähle, wähle ich den Menschen.” (L’existentialisme est un humanisme)

Warum? Wenn du handelst, sagst du implizit: “So sollte man handeln.” Du setzt ein Vorbild (auch wenn du es nicht willst).

Beispiel: Wenn du heiratest, sagst du: “Heiraten ist gut” (für Menschen im Allgemeinen). Wenn du nicht heiratest: “Nicht-Heiraten ist legitim.”

Regel: Du bist verantwortlich für alle. Deine Wahl betrifft die ganze Menschheit.

Lebensführung: Wähle so, als würdest du für alle wählen (Kant’s kategorischer Imperativ, aber ohne Essenz!). Frage: “Will ich, dass alle so handeln?”

5. Angst – Angoisse

Angoisse (Angst, Verzweiflung): Die Erfahrung der radikalen Freiheit.

Nicht Angst vor etwas (das wäre Furcht), sondern Angst über die Freiheit selbst.

Kierkegaards Beispiel (übernommen von Sartre): Du stehst am Abgrund. Angst nicht, dass du fallen könntest (das wäre Furcht), sondern dass du springen könntest. Du erkennst: Nichts hindert dich. Du bist frei.

Sartre: Diese Angst ist konstitutiv für menschliche Existenz. Wer sie leugnet, ist in mauvaise foi.

Regel: Akzeptiere die Angst. Sie ist Zeichen deiner Freiheit.

Lebensführung: Fliehe nicht vor der Angst (z.B. in Routinen, Rollen, “Natur”). Sie zeigt dir: Du bist frei.

6. Engagement – Die Notwendigkeit der Wahl

Nicht zu wählen ist unmöglich.” (L’existentialisme est un humanisme)

Der Mensch muss sich engagieren (s’engager).

Gegen Quietismus: “Ich bin frei, also tue ich nichts” – Nein! Nichts-Tun ist auch eine Wahl.

Politisch: Sartre fordert Engagement – in der Résistance (gegen Nazis), im Kommunismus (später), für Algerien.

Regel: Wähle. Handle. Engagiere dich. “Der Mensch ist seine Wahl.”

Lebensführung: Du kannst nicht neutral bleiben. Selbst Nicht-Wählen ist Wahl (du wählst dann, die Welt so zu lassen, wie sie ist). Engagiere dich.

7. Die Hölle, das sind die anderen – L’enfer, c’est les autres

Berühmtes Zitat aus “Huis clos” (Geschlossene Gesellschaft, 1944):

Die Hölle, das sind die anderen.” (L’enfer, c’est les autres)

Was heißt das? (Oft missverstanden!)

Nicht: “Menschen sind schlecht.”

Sondern: Der Blick des anderen (le regard) objektiviert mich. Der andere sieht mich als Objekt (Ding), nicht als Subjekt (Freiheit).

Beispiel: Ich sehe durch ein Schlüsselloch (Voyeur). Plötzlich höre ich Schritte – jemand kommt! In diesem Moment bin ich nicht mehr freies Subjekt, sondern Objekt (der Voyeur, der ertappt wurde).

Regel: Die Freiheit des anderen bedroht meine Freiheit. Wir sind in ständigem Konflikt (Dialektik von Subjekt und Objekt).

Lebensführung: Erkenne: Der andere versucht, dich zu definieren (als “Feigling”, “Held”, “Versager”). Aber du definierst dich selbst. Lass dich nicht vom Blick des anderen festlegen.

8. Authentizität – Bonne foi

Das Gegenteil von mauvaise foi: Authentizität (authenticité).

Der authentische Mensch:

  • Erkennt seine radikale Freiheit

  • Übernimmt Verantwortung

  • Täuscht sich nicht selbst

  • Wählt sich bewusst

Aber: Sartre gibt keine Regeln für Authentizität (das wäre Essentialismus!). Jeder muss selbst wählen.

Regel: Sei authentisch. Wähle dich selbst, nicht die Rolle, die andere von dir erwarten.

Lebensführung: Frage dich: Lebe ich mein Leben oder das, das andere von mir erwarten? Wenn letzteres – ändere es.

9. Keine menschliche Natur – Kein Essentialismus

Gegen jede Form von Essentialismus:

Kein “Wesen des Menschen” (keine Menschennatur) Kein “Wesen der Frau” (gegen Freud: “Anatomie ist Schicksal” – Nein! Beauvoir: “Man wird nicht als Frau geboren, man wird es”) Kein “Wesen des Homosexuellen”, des “Arbeiters”, des “Juden”

Sartre: Alle Kategorien (Rasse, Klasse, Geschlecht, Sexualität) sind konstruiert, nicht essentiell. Du bist frei, sie zu überschreiten.

Regel: Vermeide Essentialismus. Definiere niemanden (auch dich selbst nicht) durch “Natur” oder “Wesen”.

Lebensführung: Wenn jemand sagt “Frauen sind so”, “Männer sind so”, “Homosexuelle sind so” – lehne ab. Das ist Essentialismus (und meist mauvaise foi).

9a. Das ontologische Rückgrat – En-soi vs. Pour-soi

Sartres fundamentale Unterscheidung (L’être et le néant):

En-soi (An-sich):

  • Das Sein der Dinge (Steine, Tische, Bäume)

  • Vollständig identisch mit sich selbst: Ein Stein ist, was er ist

  • Keine Freiheit, kein Bewusstsein, keine Möglichkeit

  • Volle Positivität: keine Leere, keine Spannung, kein Werden

Pour-soi (Für-sich):

  • Das Sein des Bewusstseins (der Mensch)

  • Nicht identisch mit sich selbst: Der Mensch ist nicht, was er ist (er ist werdend, nicht seiend)

  • Ein “Loch im Sein”, ein Nicht-Sein (néant)

  • Negativität: Bewusstsein ist immer Bewusstsein von etwas (intentional) – also nicht das Ding selbst

Warum ist der Mensch Pour-soi (“Loch im Sein”)?

Weil das Bewusstsein immer auf etwas gerichtet ist (intentional), das es nicht ist. Es ist Distanz zu sich selbst:

  • Ich bin nicht meine Vergangenheit (sie ist fest, ich bin frei)

  • Ich bin nicht meine Zukunft (sie ist offen, nicht festgelegt)

  • Ich bin nicht meine Rolle (Kellner, Lehrer – ich kann sie jederzeit ablegen)

Konsequenz:

  • Dinge (en-soi) sind festgelegt – daher unfrei

  • Menschen (pour-soi) sind nicht festgelegt – daher radikal frei

Der Mensch ist nichts Festgelegtes – ein “Loch im Sein”, eine Leere, die sich selbst füllen muss (durch Wahl).

Regel: Der Mensch ist kein Ding. Er ist Bewusstsein – und Bewusstsein ist Freiheit (weil es keine feste Identität hat).

Lebensführung: Verstehe, dass du nicht bist wie ein Stein (festgelegt). Du bist Für-sich – offen, werdend, frei. Das ist deine Würde (Freiheit) und deine Last (Verantwortung).

10. Der Mensch ist ein nutzloses Leiden – L’homme est une passion inutile

Sartres pessimistische Einsicht (L’être et le néant):

“Der Mensch ist eine nutzlose Leidenschaft (passion inutile).”

Warum? Der Mensch will sein wie Gott (en-soi-pour-soi, An-sich-für-sich):

  • An-sich (en soi): Vollständig, notwendig, festgelegt (wie ein Ding)

  • Für-sich (pour soi): Frei, bewusst, offen (wie Bewusstsein)

Aber diese Synthese ist unmöglich. Der Mensch ist für-sich (frei), kann aber nie an-sich werden (festgelegt, vollständig).

Konsequenz: Leben ist absurd (gegen Camus: Sartre findet keine Versöhnung).

Regel: Es gibt kein höheres Ziel, keinen Sinn (außer dem, den du schaffst). Akzeptiere das.

Lebensführung: Erwarte keinen Sinn von außen (Gott, Natur, Geschichte). Du musst Sinn schaffen – durch deine Wahl, dein Engagement. Das Leben ist absurd – aber du gibst ihm Bedeutung.

Begründungen#

Metaphysisch: Existenz vor Essenz (Atheismus). Es gibt keinen Gott, also keine vorgegebene menschliche Natur. Der Mensch ist radikal frei.

Erkenntnistheoretisch: Phänomenologie (Husserl, Heidegger). Beschreibe Bewusstsein, wie es sich zeigt (nicht metaphysische Spekulation). Bewusstsein ist intentional (immer Bewusstsein von etwas).

Ethisch: Keine objektiven Werte. Du schaffst Werte durch deine Wahl. Aber: Verantwortung für alle (weil du Vorbild setzt).

Existenziell: Absurdität + Freiheit + Verantwortung = Existenzialismus.

Besonderheiten#

  • Atheistischer Existenzialismus: Gegen Kierkegaard (christlich), gegen Heidegger (nicht explizit atheistisch)

  • Radikale Freiheit: Extremer als andere Existenzialisten

  • Politisch engagiert: Marxist (zeitweise), Résistance, Algerien-Krieg, Mai 68

  • Literarisch: Romane (La Nausée, Le Mur), Theaterstücke (Huis clos, Les Mouches)

  • Simone de Beauvoir: Lebensgefährtin, Philosophin (Le Deuxième Sexe – Feminismus)

  • Nobelpreis: Abgelehnt (1964) – wollte nicht institutionalisiert werden


Direkter Vergleich: Thomas von Aquin vs. Jean-Paul Sartre#

Tabellarische Übersicht#

Dimension

Thomas von Aquin

Jean-Paul Sartre

Grundthese

Essenz vor Existenz

Existenz vor Essenz

Gott

Existiert (beweisbar durch Vernunft)

Existiert nicht (Atheismus)

Menschliche Natur

Fest, gottgegeben (vernünftiges Tier)

Keine (Mensch schafft sich selbst)

Freiheit

Begrenzt (durch Natur, Gnade, Gesetz)

Radikal (keine Grenzen außer Faktizität)

Moral

Objektiv (Naturrecht, göttliches Gesetz)

Subjektiv (jeder schafft eigene Werte)

Ziel

Visio beatifica (Gottesschau)

Authentizität (selbst gewählt)

Vernunft

Erkennt Wahrheit (Naturrecht, Gott)

Keine objektive Wahrheit (Wahl)

Glaube

Ergänzt Vernunft (fides et ratio)

Abgelehnt (Atheismus)

Verantwortung

Vor Gott (Gericht, Sünde)

Vor sich selbst und allen

Ordnung

Hierarchisch (Gott → Mensch → Natur)

Keine Ordnung (Absurdität)

Gewissen

Erkennt Naturrecht (synderesis)

Selbsttäuschung (mauvaise foi)

Tugend

Objektiv (Kardinaltugenden)

Selbst gewählt (keine festen Tugenden)

Leiden

Sinnvoll (Läuterung, Nachfolge)

Nutzlose Leidenschaft (absurd)

Jenseits

Ja (Himmel, Hölle, Fegefeuer)

Nein (nur dieses Leben)

Geschichte

Heilsgeschichte (göttlicher Plan)

Keine Teleologie (Mensch macht Geschichte)

Unterschiede#

1. Essenz vor Existenz vs. Existenz vor Essenz – Die Grundfrage

Thomas: Essenz geht der Existenz voraus. Gott hat eine Idee des Menschen (Essenz: vernünftiges Tier, geschaffen zum Bild Gottes, bestimmt zur Gottesschau). Diese Essenz ist vor deiner Existenz da – du wirst als Mensch geboren (nicht als unbeschriebenes Blatt).

Sartre: Existenz geht der Essenz voraus. Es gibt keinen Gott, also keine “Idee” des Menschen. Du wirst zuerst geboren (Existenz), dann erschaffst du dich selbst (Essenz). Du bist nichts – außer dem, wozu du dich machst.

Lebensführung:

  • Thomas: Frage “Was bin ich?” (Mensch, geschaffen von Gott). Verwirkliche deine gottgegebene Natur.

  • Sartre: Frage “Was mache ich aus mir?” Du hast keine Natur – erschaffe dich selbst.

Die Konsequenz:

  • Thomas: Du hast einen Zweck (telos) – die Gottesschau. Dein Leben hat objektiven Sinn.

  • Sartre: Du hast keinen Zweck (außer dem, den du wählst). Dein Leben ist absurd – aber du gibst ihm Sinn.

2. Gott existiert vs. Gott existiert nicht

Thomas: Gott existiert – beweisbar durch Vernunft (fünf Wege). Er ist Schöpfer, Zwecksetzer, Richter, Erlöser.

Sartre: Gott existiert nicht (Atheismus). “Wenn Gott nicht existiert, ist alles erlaubt” (Dostojewski, zitiert von Sartre). Konsequenz: Keine objektiven Werte, keine vorgegebene Essenz, radikale Freiheit.

Lebensführung:

  • Thomas: Lebe vor Gott (Gebet, Sakramente, Tugend). Bereite dich auf das Jenseits (Gericht, Himmel).

  • Sartre: Es gibt niemanden, vor dem du dich verantworten musst (außer dir selbst). Keine Hoffnung auf Jenseits – nur dieses Leben.

3. Objektive Moral vs. Subjektive Werte

Thomas: Naturrecht (lex naturalis) ist objektiv – in die menschliche Natur eingeschrieben, durch Vernunft erkennbar. Moralische Wahrheiten sind universal (nicht kulturell relativ).

Sartre: Es gibt keine objektiven Werte. “Wenn Gott tot ist, gibt es keine Werte mehr” (Nietzsche, aber Sartre akzeptiert das). Du schaffst Werte durch deine Wahl.

Lebensführung:

  • Thomas: Höre auf dein Gewissen (es erkennt das Naturrecht). Handle gemäß objektiven Prinzipien.

  • Sartre: Wähle deine Werte. Niemand kann dir sagen, was “gut” ist – du musst es selbst entscheiden.

Problem bei Sartre: Wenn jeder seine Werte wählt – ist dann alles erlaubt? Sartre sagt: Nein! Du bist verantwortlich für alle (weil du Vorbild setzt). Aber: Wie begründet er das ohne objektive Werte? (Kritiker: Inkonsistenz!)

4. Begrenzte Freiheit vs. Radikale Freiheit

Thomas: Freiheit ist begrenzt:

  • Durch Natur (du kannst nicht gegen deine Natur handeln – z.B. nicht fliegen)

  • Durch Gesetz (Naturrecht, göttliches Gesetz)

  • Durch Gnade (Sündenfall hat Freiheit geschwächt)

Sartre: Freiheit ist radikal:

  • Keine Natur, die dich einschränkt (außer Faktizität: Du bist Körper, sterblich, in Situation)

  • Keine objektiven Gesetze

  • “Der Mensch ist zur Freiheit verurteilt

Lebensführung:

  • Thomas: Nutze deine Freiheit innerhalb der Ordnung (Natur, Gesetz). Freiheit ist, das Gute zu wählen (nicht das Böse).

  • Sartre: Du bist immer frei (keine Ausreden!). Selbst in Zwangssituationen wählst du (wie reagiere ich darauf?).

Kritik an Sartre: Ist Freiheit wirklich so radikal? (Genetik, Sozialisation, Unbewusstes schränken ein – Sartre ignoriert das weitgehend.)

5. Teleologie vs. Absurdität

Thomas: Die Welt hat Zweck (telos). Alles strebt zu seinem Ziel (fünfter Weg: Teleologie). Der Mensch strebt zur Gottesschau.

Sartre: Die Welt ist absurd (kein Zweck, kein Sinn). “Der Mensch ist eine nutzlose Leidenschaft.” Es gibt keinen vorgegebenen Sinn – nur den, den du schaffst.

Lebensführung:

  • Thomas: Dein Leben hat objektiven Sinn (Gottesschau). Verwirkliche deinen Zweck.

  • Sartre: Dein Leben hat keinen Sinn (außer dem, den du wählst). Akzeptiere die Absurdität – aber schaffe deinen eigenen Sinn.

6. Hierarchie vs. Egalitarismus

Thomas: Die Welt ist hierarchisch geordnet:

  • Gott → Engel → Menschen → Tiere → Pflanzen → Unbelebtes

  • Innerhalb der Menschen: Unterschiede nach Essenz (Mann/Frau, König/Untertan, Priester/Laie)

Sartre: Keine Hierarchie (außer die, die Menschen schaffen). Alle sind gleich frei. Keine “Essenz” rechtfertigt Herrschaft.

Lebensführung:

  • Thomas: Akzeptiere die Ordnung (Römer 13,1: “Seid untertan der Obrigkeit”). Hierarchie ist natürlich und gottgewollt.

  • Sartre: Widerstand gegen Herrschaft (wenn sie Freiheit unterdrückt). Keine “natürliche” Ordnung rechtfertigt Unterdrückung.

7. Gewissen erkennt Wahrheit vs. Gewissen ist Selbsttäuschung

Thomas: Gewissen (synderesis) ist die Fähigkeit, Grundprinzipien des Guten zu erkennen. Es ist unfehlbar (auf dieser Ebene). Gewissen erkennt Wahrheit (nicht erschafft sie).

Sartre: “Gewissen” (im traditionellen Sinn) ist oft mauvaise foi (Selbsttäuschung). Wenn du sagst “Mein Gewissen sagt mir…”, täuschst du dich oft selbst – du versteckst deine Freiheit hinter “Gewissen” (als ob es eine objektive Instanz wäre).

Lebensführung:

  • Thomas: Höre auf dein Gewissen (richtig gebildet). Es zeigt dir das Naturrecht.

  • Sartre: Prüfe: Ist das wirklich “Gewissen” oder Ausrede (mauvaise foi)? Du bist frei – keine Instanz (Gewissen, Natur, Gott) nimmt dir die Wahl ab.

8. Visio beatifica vs. Authentizität

Thomas: Das höchste Ziel ist Gottesschau (visio beatifica) im Jenseits. In diesem Leben: Vorbereitung (Tugend, Sakramente, Gnade).

Sartre: Es gibt kein Jenseits, also kein jenseitiges Ziel. Das Ziel ist Authentizität (authenticité) – lebe in Übereinstimmung mit deiner selbstgewählten Freiheit.

Lebensführung:

  • Thomas: Lebe für das Jenseits. “Unser Vaterland ist der Himmel” (Philipper 3,20). Dieses Leben ist Vorbereitung.

  • Sartre: Lebe für dieses Leben. Es gibt kein anderes. Sei authentisch – wähle dich selbst, keine Selbsttäuschung.

9. Gnade vervollkommnet Natur vs. Keine Natur

Thomas: “Gnade zerstört Natur nicht, sondern vervollkommnet sie” (gratia perficit naturam). Die Natur ist gut (von Gott geschaffen), aber durch Sündenfall geschwächt. Gnade heilt und vollendet.

Sartre: Es gibt keine Natur (zu vervollkommnen). Der Mensch ist nichts – außer dem, wozu er sich macht. “Gnade” ist Illusion (kein Gott, der sie schenkt).

Lebensführung:

  • Thomas: Nutze deine natürlichen Fähigkeiten (Vernunft, Tugend), aber bete um Gnade (Sakramente). Beides zusammen führt zur Seligkeit.

  • Sartre: Du hast nur dich selbst. Keine “Natur” zu verwirklichen, keine “Gnade” zu empfangen. Du musst dich selbst erschaffen.

10. Optimismus vs. Pessimismus

Thomas: Optimistisch. Die Welt ist gut (von Gott geschaffen). Sündenfall hat sie geschwächt, aber Christus hat erlöst. Es gibt Hoffnung (Himmel, Erlösung).

Sartre: Pessimistisch (oder realistisch?). “Der Mensch ist eine nutzlose Leidenschaft.” Leben ist absurd, kein Sinn von außen, kein Trost (kein Gott, kein Jenseits). Aber: Du kannst trotzdem Sinn schaffen (Engagement, Authentizität).

Lebensführung:

  • Thomas: Hoffe. Gott liebt dich, Christus hat dich erlöst, das Beste kommt im Jenseits.

  • Sartre: Keine Hoffnung (auf Jenseits, auf Erlösung). Aber: Engagement in diesem Leben. Schaffe deinen eigenen Sinn.

Gemeinsamkeiten#

1. Beide fordern Verantwortung

  • Thomas: Verantwortung vor Gott (Gericht, Sünde, Tugend)

  • Sartre: Verantwortung vor sich selbst und allen (weil du Vorbild setzt)

2. Beide gegen Determinismus

  • Thomas: Freier Wille (gegen Determinismus der Stoiker, gegen islamischen Fatalismus)

  • Sartre: Radikale Freiheit (gegen Determinismus, gegen Freud’s “Anatomie ist Schicksal”)

3. Beide fordern Handeln

  • Thomas: Tugend durch Übung (ethos aus ethos, Aristoteles)

  • Sartre: Authentizität durch Engagement (Wahl, Handlung)

4. Beide gegen Selbsttäuschung

  • Thomas: Gewissen muss richtig gebildet sein (Unwissenheit schützt nicht vor objektiver Schuld)

  • Sartre: Mauvaise foi vermeiden (Selbsttäuschung, Leugnung der Freiheit)

5. Beide systematisch

  • Thomas: Summa Theologiae (systematische Theologie/Philosophie)

  • Sartre: L’être et le néant (systematische Ontologie)

Der fundamentale Unterschied#

Die Frage: Gibt es eine vorgegebene menschliche Natur (Essenz)?

Thomas: JA. Gott hat den Menschen mit einer Essenz erschaffen (vernünftiges Tier, geschaffen zum Bild Gottes, bestimmt zur Gottesschau). Diese Essenz ist objektiv, universal, unveränderlich. Deine Aufgabe: Verwirkliche diese Essenz.

Sartre: NEIN. Es gibt keinen Gott, also keine vorgegebene Essenz. “Der Mensch ist nichts anderes, als wozu er sich macht.” Deine Aufgabe: Erschaffe deine Essenz.

Thomas: Entdecken (was du bist – von Gott gegeben).

Sartre: Erfinden (was du sein willst – von dir selbst gewählt).

Thomas: Du hast einen Zweck (telos) – die Gottesschau. Verwirkliche ihn.

Sartre: Du hast keinen Zweck (außer dem, den du wählst). Erschaffe ihn.

Thomas: Optimistisch – Die Welt ist gut, Gott liebt dich, es gibt Hoffnung (Himmel).

Sartre: Pessimistisch/Realistisch – Die Welt ist absurd, kein Gott, kein Jenseits. Aber: Du schaffst Sinn.

Die praktische Frage:

Leben A (thomistisch): Lebe gemäß deiner Natur (Naturrecht), bereite dich auf die Gottesschau vor (Tugend, Sakramente, Gnade). Dein Leben hat objektiven Sinn (gottgegeben).

Leben B (existenzialistisch): Wähle dich selbst (keine Natur, keine Essenz). Übernimm Verantwortung. Sei authentisch. Schaffe deinen eigenen Sinn (kein Gott, kein Jenseits).

Wer hat recht?

  • Wenn Thomas recht hat: Du hast eine Essenz (gottgegeben). Verwirkliche sie – oder verfehle dein Ziel (Sünde). Hoffnung auf Erlösung (Himmel).

  • Wenn Sartre recht hat: Du hast keine Essenz. Du bist radikal frei (und verantwortlich). Kein Trost (kein Gott), aber du gibst deinem Leben Sinn.

Moderne Resonanz:

  • Thomismus: Katholische Kirche (Naturrecht, Abtreibung, Ehe), konservative Ethik

  • Existenzialismus: Individuelle Freiheit, Selbstbestimmung, Gender-Theorie (Beauvoir: “Man wird nicht als Frau geboren”), Postmoderne

Die härteste Frage: Ist der Mensch geschaffen (Thomas) oder selbstgeschaffen (Sartre)?

Oder ist die Frage falsch gestellt? Vielleicht gibt es weder vorgegebene Essenz noch totale Freiheit – sondern beides (Dialektik von Natur und Freiheit)?


Das IT-Duell: Enterprise Java vs. JavaScript ohne Schema#

Stellen wir uns vor, Thomas und Sartre müssten eine KI entwickeln:

Thomas von Aquin wäre der Architekt einer Enterprise-Java-Anwendung:

  • Alles ist in einer strengen Klassen-Hierarchie (ObjectLivingBeingRationalAnimalHuman)

  • Bevor ein Objekt instanziiert wird (Existenz), ist sein Interface und seine Funktionalität (Essenz) durch das System-Design (Gottes Plan) fest definiert

  • Jede Klasse hat definierte Methoden: seekGood(), avoidEvil(), strive ForBeatificVision()

  • Ein Fehler im Programm ist einfach eine Abweichung vom Interface (Bug = Privatio boni, Mangel an Vollkommenheit)

  • Das Ziel ist die vollständige Synchronisation mit dem Master-Server (Visio beatifica)

  • Vorteil: Typ-Sicherheit, klare Struktur, vorhersagbar

  • Nachteil: Rigide, keine Flexibilität, Kreativität ist Abweichung vom Plan

Jean-Paul Sartre hingegen würde das System in reinem JavaScript ohne Schemata bauen:

  • Es gibt keine Klassen, keine Interfaces, keine Typ-Prüfung beim Start

  • Das Objekt wird einfach in den Speicher geworfen (Existenz): let human = {};

  • Es hat keine Methoden, bis es sich zur Laufzeit selbst welche zuweist (Essenz):

    human.define = function() {
      this.purpose = "self-chosen";
      this.essence = "whatever I make it";
    };
    
  • Wenn das Objekt entscheidet, plötzlich eine String-Methode auf ein Integer-Feld anzuwenden, dann ist das eben seine radikale Freiheit

  • Das System ist permanent instabil und voller Angoisse (Runtime-Errors), aber dafür absolut “authentisch” und nicht durch einen Architekten bevormundet

  • Vorteil: Maximale Flexibilität, Kreativität, Selbstbestimmung

  • Nachteil: Keine Sicherheit, keine Garantien, ständige Gefahr von Abstürzen

Für den Programmierer:

  • Thomas: Stark typisierte Sprache (Java, C#, Haskell) – sicher, aber eingeschränkt

  • Sartre: Dynamische Sprache (JavaScript, Python, Ruby) – flexibel, aber gefährlich


Erweiterte Vergleichstabelle#

Konzept

Thomas von Aquin

Jean-Paul Sartre

Ontologie

Ordnung des Seins (Hierarchie: Gott → Engel → Mensch)

Das Nichts (Pour-soi als “Loch im Sein”)

Soziales

Bonum Commune (Gemeinwohl, soziale Essenz)

Konflikt der Freiheiten (“Die Hölle sind die anderen”)

Fehler/Böses

Privatio boni (Mangel an Vollkommenheit, Bug)

Mauvaise foi (Leugnung der Freiheit, Selbsttäuschung)

Metapher

Der Mensch als Entdeckung (entdecke deine Essenz)

Der Mensch als Erfindung (erfinde deine Essenz)

Freiheit

Begrenzt (durch Essenz, Natur, Gesetz)

Radikal (nur durch Faktizität begrenzt)

Verantwortung

Vor Gott (Gericht, Sünde)

Vor sich selbst und allen (Vorbild)

IT-Analogie

Enterprise Java (strenge Klassenstruktur)

JavaScript ohne Schema (dynamisch, zur Laufzeit)

Historische Anmerkung zum Bösen:

Thomas: Das Böse (malum) ist ein Mangel an Sein (privatio boni). Es hat keine eigene Realität – es ist wie ein Loch (Abwesenheit von Stoff), nicht wie eine Substanz. Ein Bug im Programm, keine eigenständige Entität. Daher ist Gott nicht Ursache des Bösen (er schafft nur Sein, nicht Nicht-Sein).

Sartre: Das Böse ist eine Wahl. Es gibt keine “Mängel” – nur unterschiedliche Entwürfe der Freiheit. Manche wählen mauvaise foi (Selbsttäuschung, Flucht vor Freiheit), andere wählen Grausamkeit. Aber es sind Wahlen, keine ontologischen Defizite. Das Böse ist real (nicht bloß Mangel), weil Freiheit real ist.