Kant und seine Zeit#

Johannes Siedersleben, Februar 2020

Kant ist neben Platon und Aristoteles einer der bedeutendsten Philosophen überhaupt. Dieses Papier gibt Auskunft über die Welt in der Kant lebte und beschreibt die wichtigsten Elemente der Kant’schen Philosophie.

Die Welt, in der Kant lebte#

Kant wurde 1724 in Königsberg geboren und starb 1804, also mit 80 Jahren, am selben Ort. Königsberg gehörte zu Preußen, und der für Kant maßgebliche König war Friedrich der Große (1712 – 1786), der Nachfolger von Friedrich Wilhelm I (1688 – 1740), des Soldatenkönigs. Dieser erließ im Jahr 1714 ein Gesetz, das die Hexenverfolgung faktisch beendete. Die letzte Hexe wurde allerdings erst im Jahr 1782 in Glarus (Schweiz) verbrannt. Friedrich der Große war ein aufgeklärter Monarch und selbst ein fleißiger Philosoph, der Voltaire (1694 – 1778) an seinen Hof holte und Kants Wirken mit Wohlwollen verfolgte. Sein Nachfolger, der rückwärtsgewandte Friedrich Wilhelm II (1744 – 1797), tat dies nicht. Er missbilligte Kants Aussagen zur Religion (vor allem die Schrift Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft, 1786) und dessen Begeisterung über die Französische Revolution, die Kant mit den Worten Simeons begrüßt hatte: Herr, nun lässest du deinen Diener in Frieden fahren, nachdem ich diesen Tag des Heils gesehen.

\[ Lukas 2.29-30 \]

Seine letzten Lebensjahren erlebte Kant unter Ludwig Wilhelm III, der die Niederlagen gegen Napoleon hinnehmen musste. Dieser König war volkstümlich und aufgeklärt wie Friedrich der Große; im Schloss von Paretz huldigte er Rousseaus Ideal vom einfachen Landleben.

Das Erdbeben von Lissabon (1755) veranlasste Kant zu einer Studie über Erdbeben und Voltaire zu Candide*, wo er Leibniz als Professor Pangloss bösartig karikiert. Im Siebenjährigen Krieg (1756 – 1763) kämpften England und Preußen gegen Frankreich, Österreich und Russland. Dabei verlor Frankreich die meisten seiner amerikanischen Kolonien an England, das zur dominierenden Weltmacht wurde. Der Siebenjährige Krieg war auf zahlreiche Kriegsschauplätze weltweit verteilt. Einer davon war Groß-Jägersdorf gleich neben Königsberg. In der dortigen Schlacht (1757) konnten sich die Preußen der russischen Übermacht nicht erwehren und räumten das Feld; wegen logistischen Problemen konnten die Russen von dem Sieg aber nicht profitieren – Königsberg blieb preußisch. All das muss Kant hautnah mitbekommen haben.

Aufklärung in England#

Das 17te Jahrhundert war für dramatisch England: Hinrichtung von Karl I, Bürgerkrieg, Interregnum, die Glorious Revolution von 1688, Jakobiterkriege und schließlich das Ende der Stuarts mit dem Tod von Königin Anne 1714. Es folgte der holperige Eintritt in die Georgianische Ära (1714 – 1837) mit fünf Hannoveraner Königen: Georg I, Georg II, Georg III, Georg IV und Wilhelm IV. Sie waren alle mehr der weniger unbeliebt und unfähig. Georg I war so desinteressiert an seiner Königsrolle (er sprach kaum Englisch und war am liebsten zuhause in Hannover), dass ein neues Amt nötig wurde: ein Premierminister, der sich um die Geschäfte kümmerte. Einige davon sind berühmt, z.B. Walpole, Lord North, Grenville, und die beiden Pitts. Lord North (im Amt 1770 – 1792) trägt eine erhebliche Mitschuld am Ausgang des amerikanischen Bürgerkriegs; der jüngere Pitt und Grenville waren die Gegenspieler Napoleons. England war im 18ten Jahrhundert eine konstitutionelle Monarchie, zwar mit einem eingeschränkten Wahlrecht, aber doch so liberal, dass der Druck im Kessel nicht zu hoch wurde. Dies ist sicher ein Grund für das Ausbleiben einer gewaltsamen Revolution in England. Das Wahlrecht wurde nach endlosen Diskussionen erst mit dem Reform Act von 1832 geändert, natürlich gewaltlos. Die politische Entwicklung hatte ihr Echo in der Philosophie. Der Leviathan von Hobbes (1588 – 1679) ist verständlich vor dem Hintergrund des damaligen Chaos. Hobbes war der Überzeugung, dass die Menschen von Natur aus böse sind, und dass nur ein Diktator (Leviathan) in der Lage ist, den Staat zu führen.

Trotz oder wegen der eigenartigen Könige erlebte England im 18ten Jahrhundert eine kulturelle Blüte: Die georgianische Architektur prägt Großbritannien bis heute, und hat sich auch anderswo, z.B. in den USA unter verschiedenen Namen verbreitet. Händel (1685 – 1759) ging 1710 nach London, noch zur Regierungszeit von Königin Anne, der letzten Stuart, und blieb dort bis zu seinem Tod. Der Verfall der königlichen Macht ab 1688 ging einher mit einer Blüte der Naturwissenschaften und der Philosophie. Bahnbrechend war Isaac Newton (1642 – 1726), der die Arbeiten von Kepler und Galilei in einer bis dahin unvorstellbaren Einheitlichkeit und Klarheit zusammenfasste: Der Fall eines Steins, der Flug einer Kugel gehorcht denselben Gesetzen wie die Erde beim Lauf um die Sonne und der Mond beim Lauf um die Erde. Etwas später kamen die Dampfmaschine (Watt 1765) und der Webstuhl (Cartwright 1786). Viele Wissenschaftler und Philosophen waren überzeugt, dass sie es jetzt geschafft hatten: Nun sind Natur, Weltall, unser eigenes Denken dem Verstand zugänglich. Von Leibniz (1646 – 1716) stammt der Ausdruck: Lasst uns rechnen! Damit meinte er, dass wir im Prinzip in der Lage sind, jedes vorstellbare Problem, von der Existenz Gottes bis zur Frage nach Gut und Böse, einfach auszurechnen.

+Die Geschichte der Logik und der Mathematik ist aus heutiger Sicht nichts anderes als die schrittweise Widerlegung von Leibniz: Wir kennen heute an vielen Stellen die Grenzen des menschlichen Denkens und die bewiesene Unlösbarkeit vieler Probleme.+

Spinoza (1632 – 1677) schrieb eine Ethik, nach der geometrischen Methode dargestellt. Diese Arbeit ist aufgebaut wie ein Mathematikbuch, mit Definition, Satz, Beweis, und entsprechend unlesbar. Die großen Namen der englischen Aufklärung sind Locke (1632 – 1704), Berkeley (1685 – 1753) und Hume (1711 – 1776). Alle drei sagen als Empiriker, dass es keine angeborenen Ideen gibt: Der Kopf eines Neugeborenen ist ein weißes Blatt Papier, Erfahrung ist die einzige Quelle der Erkenntnis. Auch unterscheiden sie zwischen der Wahrnehmung und dem Wahrgenommenen: Unsere Sinne liegen als Filter und Transformator dazwischen. Wir kennen nur die Wahrnehmung, wissen aber nichts über die Wirklichkeit dahinter – was ist dann die Wirklichkeit überhaupt? Hume ging noch einen Schritt weiter mit der Feststellung, dass es keine Kausalität gibt, weil man sie nicht beobachten kann: Wir beobachten das Aufeinanderfolgen von Ereignissen, aber keine Kausalität. Das war ein revolutionärer Gedanke, der u.a. Kant aus seinem dogmatischen Schlummer weckte.

Die Empiriker stellten einen großen Teil der bisherigen Philosophie infrage, denn seit den Vorsokratikern bestand die Methode der Philosophen im Wesentlichen darin, gute Ideen zu haben und diese gut verpackt als Wahrheit zu verkaufen. Der Verzicht auf empirische Evidenz erfolgte bewusst; Experimente waren verpönt. Wir berühren hier eine, wenn nicht die Grundfrage der Philosophie: Was ist wahr, wie kann ich mir meiner Sache sicher sein? Woher weiß Platon, dass es seinen Ideenhimmel gibt, woher weiß Kant, dass es 12 Kategorien gibt und nicht 16, mit welchem Recht glaubt Hegel, dass die Philosophie mit seinem Werk ihren Gipfel erreicht hat? Die Frage nach der Wahrheit führte Descartes zu seinem Cogito ergo sum, aber schon im nächsten Schritt beweist er mit wackeligen Argumenten die Existenz Gottes und im übernächsten das Vorhandensein einer ausgleichenden Gerechtigkeit im Paradis. Die skeptische Haltung der Empiristen wendet sich gegen diese Beliebigkeit, die man in der Philosophie immer wieder findet; sie ist bis heute Grundlage der Naturwissenschaften.

Das Werk von Newton (1643 – 1726) löste eine regelrechte Euphorie aus: Jetzt haben wir verstanden, wie die Natur funktioniert, war die Meinung vieler, und das war einer, wenn nicht der Auslöser für die Aufklärung. Der Glaube in die Wissenschaften stieg enorm, und die Frage war, wie diese neue Erkenntnis mit der bisherigen Philosophie und vor allem mit der Religion in Einklang zu bringen war. Die englische Philosophie des 18ten Jahrhunderts ist geprägt durch mindestens drei Namen: Locke (1632 – 1704), Berkeley (1685 – 1753) und Hume (1711 – 1776). Alle drei sind Empiristen. Locke sagt: Es ist nichts im Verstand, was nicht zuvor in den Sinnen gewesen wäre und widerspricht damit den Rationalisten und damit mehr oder weniger der gesamten bisherigen Philosophie.

Aufklärung in Frankreich#

Das 17te Jahrhundert war für Frankreich das Jahrhundert des Absolutismus, geprägt durch zwei Könige: Ludwig XIII (im Amt 1610 – 1643), begleitet von Richelieu und Ludwig XIV (im Amt 1643 – 1715), begleitet bis 1661 von Mazarin. Er starb erst 1715 nach 72 Jahren als König. Er war der Sonnenkönig, der Vertreter des Absolutismus schlechthin. Auf England schaute man mit Verachtung: Die Hinrichtung eines Königs von Gottes Gnaden war das schlimmste aller vorstellbaren Verbrechen; der grausame Bürgerkrieg wurde als viel zu milde Strafe betrachtet. Ludwig XIV ließ nichts unversucht, um Jakob und seinen Sohn in den Jakobiterkriegen zu unterstützen. Philosophie fand außerhalb Frankreichs statt (Descartes war in den Niederlanden); Hugenotten und Jansenisten wurden verfolgt, das Edikt von Nantes 1685 wiederrufen. Blaise Pascal (1623 – 1662) ist einer der wenigen bedeutenden französischen Namen dieser Zeit, als Jansenist aber in einer beengten Situation.

Das 18te Jahrhundert war für Frankreich turbulent. Nachfolger Ludwig XIV wurde sein überforderter und glückloser Urenkel Ludwig XV (1710 – 1774). Er verlor den Siebenjährigen Krieg und schaffte es danach nie, die Staatsfinanzen auch nur einigermaßen in Ordnung zu bringen. Es war Geldmangel, der seinen Enkel Ludwig XVI (1754 – 1793) zwang, die Generalstände einzuberufen (Mai 1789). Das Ergebnis ist bekannt: Sturm auf die Bastille, Erste Republik, Schreckensherrschaft, Direktorium, Konsulat, Napoleon. Anders als in England hatte sich der Druck über eine lange Zeit aufgebaut; im Jahr 1789 flog der Kessel in die Luft.

Wie in England führte auch in Frankreich die Schwächung des Königtums zu einer Blüte der Philosophie, aber das Ende von Ludwig XIV war keineswegs das Ende der Zensur wie in England nach 1688. Voltaire, Rousseau, de Lamettrie und viele andere bekannte Philosophen verbrachten ihr halbes Leben im Exil. Die Persischen Briefe Montesquieus (1689 – 1755) waren eine beißende Satire des Absolutismus. Voltaire war zweimal für kurze Zeit in der Bastille eingesperrt. Er verbrachte zwei Jahre in England und schrieb dort die erste Version seine Philosophie der Geschichte auf Englisch. Voltaire war Deist; seine Haltung zur Religion lässt er eine seiner Romanfiguren formulieren: Möge Gott (falls es einen gibt) meiner Seele gnädig sein (falls ich eine habe). Voltaires Écrasez l’infame richtete sich nicht gegen die Religion als solche, sondern gegen Auswüchse der katholischen Kirche bei der Verfolgung vermeintlich Andersgläubiger. Fanatische Gegner der Religion waren die Materialisten, allen voran de Lamettrie (1709 – 1751), der erst Frankreich, dann Holland verlassen musste und Zuflucht am Hof von Friedrich dem Großen fand. Einer der Vordenker der Französischen Revolution ist Rousseau (1712 – 1778), der ebenfalls in England war und den größeren Teil seines Lebens im Schweizer Exil verbracht hat. Rousseau war davon überzeugt, dass der Mensch von Natur aus gut ist, und dass erst die Idee des Eigentums Unheil über die Welt gebracht hat: Der Erste, der ein Grundstück als sein eigenes eingezäunt hat, hat den Niedergang ausgelöst. Damit war Rousseau einer der ersten Sozialisten und mit dem Gesellschaftsvertrag einer der ersten Demokraten. Ein bemerkenswertes Projekt dieser Zeit war die Enzyklopädie mit Diderot (1713 – 1784), d’Alembert (1717 – 1783) und Voltaire als Protagonisten. Sie erschien von 1751 bis 1780 in 28 Bänden und verkaufte sich, obwohl oft verboten, in einer Auflage von über 10.000 Exemplaren.

Die vorkritische Periode#

Kant steht in der Tradition von rationalistischen Tradition von Leibniz und Wolff. Diese besagt, dass der Mensch in der Lage ist, allein durch seine Vernunft zu richtigen Aussagen zu kommen. Leibniz erfand seine Monadentheorie durch scharfes Nachdenken oder, weniger respektvoll, durch Spekulation. Auch die Griechen hielten – mit der bedeutenden Ausnahme des Aristoteles – wenig von Experimenten, sondern philosophierten einfach vor sich hin. Die Kosmologie von Platon, die Atomtheorie von Demokrit sind zwar wunderbare Gedankengebäude, entbehren aber jeder empirischen Grundlage. Diese spekulative Methode nennt man auch dogmatische Metaphysik.

Die vorkritische Periode Kants dauerte bis ungefähr 1775, als er bereits über 50 Jahre alt war. Seine Arbeiten in dieser Zeit befassten sich mit den Naturwissenschaften im weitesten Sinn und waren vor allem von Newton beeinflusst. Er schrieb eine ganze Menge: Nach dem Erdbeben von Lissabon (1755) eine Theorie der Erdbeben, später dann eine Arbeit über die Frage, warum der Westwind oft Regen bringt. Zwei wichtige Werke sind noch völlig der rationalistischen oder besser spekulativen Methode verhaftet: Ich denke mir etwas Schönes aus, und verkaufe es als die Wahrheit. Dies sind die Allgemeine Naturgeschichte (1755) und die Physische Monadologie (1756).

Allgemeine Naturgeschichte und Theorie des Himmels oder Versuch von der Verfassung und dem mechanischen Ursprung des ganzen Weltgebäudes, nach Newtonschen Grundsätzen abgehandelt. Ein wesentlicher Beitrag ist eine Theorie zur Entstehung des Sonnensystems, die Kant als Hypothese ohne jede empirische Begründung formuliert. Laplace (1749 – 1827) kam 10 Jahre später zu ähnlichen Resultaten, fundiert allerdings durch wissenschaftliche Argumente. Im selben Werk behauptet Kant auch, dass alle Planeten bewohnt sind, und dass deren Bewohner umso intelligenter sind, je weiter ihr Planet von der Erde entfernt ist. Die Physische Monadologie (1756) ist eine Fortsetzung der Leibnizschen Monadenlehre. Dort präsentiert Kant erstaunlicherweise eine These der Äquivalenz von Masse und Energie, wiederum ohne empirische Begründung.

Es waren die britischen Empiristen, Locke, Berkeley und allen voran Hume, die Kant aus seinem dogmatischen Schlummer aufweckten. Ein erstes, sehr deutliches Anzeichen für dieses Erwachen ist Kants Schrift über die Träume eines Geistersehers (1766). Dies ist eine Abrechnung mit dem Werk von Emanuel Swedenborg (1688 – 1772), einem Anhänger der dogmatischen Metaphysik. Kant zeigt, wie man damit mehr oder weniger alles beweisen kann. Die Arcana caelestia, Swedenborgs Hauptwerk, bezeichnete Kant als „acht Quartbände voll Unsinn“. Sie wurde angeblich genau viermal verkauft, einer der Käufer war Kant. Vermutlich war ihm klar, dass er mit der Kritik an Swedenborg auch seine eigenen Arbeiten in Frage stellte. In den Träumen eines Geistersehers erscheint zum ersten Mal (?) der fundamentale Gedanke von der Metaphysik als der Wissenschaft von den Grenzen der menschlichen Vernunft.

Eines der letzten vorkritischen Werke befasst sich mit der Naturgeschichte und trägt den Namen Von den verschiedenen Rassen der Menschen (1775). Kant fordert und beginnt darin eine Geschichte der Natur, also der Entwicklung der Arten, im Gegensatz zu der bis dahin üblichen statischen Beschreibung. Dies war die radikale Abkehr von der christlichen Vorstellung, dass Gott die Welt und alle Lebewesen ein für alle Mal perfekt nach seinen Vorstellungen geschaffen hat, und dass eine weitere Entwicklung nicht denkbar ist, denn sonst hätte Gott ja Fehler gemacht, und das ist ausgeschlossen. Dieser erste Schritt in Richtung Evolutionstheorie ist ein Verdienst, für den Kant selten gewürdigt wird.

Die kritische Periode#

Der bestirnte Himmel über mir und das moralische Gesetz in mir – das ist die knappste Darstellung der beiden Kritiken der reinen und der praktischen Vernunft. Der bestirnte Himmel repräsentiert die unendliche Natur, von der wir ein winzig kleiner Teil sind. Die Kritik der reinen Vernunft befasst sich mit der Frage, wie wir wahre Aussagen über diese Unermesslichkeit erlangen können. Das moralische Gesetz in mir steht für die unabänderlichen Regeln, die unser Handeln bestimmen. Wir sollen sie befolgen, aber wir sind frei, es nicht zu tun. Sie sind Gegenstand der Kritik der praktischen Vernunft.

Berühmt wurde Kant durch die Kritik der reinen Vernunft, die 1781 nach über zehn Jahren Vorarbeit erschien, als Kant schon 57 Jahre alt war. Insofern könnten man die kritische Periode auch schon 1770 beginnen lassen. Kant hat drei Kritiken geschrieben: Die Kritik der reinen Vernunft (1781), die Kritik der praktischen Vernunft (1788) und die Kritik der Urteilskraft (1790).

Die Kritik der reinen Vernunft ist ein Beitrag zur Erkenntnistheorie, in den Augen von Kant ist es vermutlich die Erkenntnistheorie schlechthin: Wie betreiben wir Wissenschaft und Mathematik, wie kommen wir zu richtigen Aussagen, wie vermeiden wir falsche, wie ergänzen sich Vernunft und Anschauung? Was ist a priori richtig (also ohne Bestätigung durch die Sinne), was nicht? Diese erste Kritik ist Kants Antwort auf die erschütternden Aussagen der Empiristen. Kant übernimmt von ihnen die Trennung von Wahrnehmung und wahrgenommenen Objekt, welches er das Ding an sich nennt. Die Erfahrung als Quelle des Wissens übernimmt er ebenfalls, relativiert sie aber durch seine Kategorien. Dies sind a priori vorhandene Regeln, die unser Denken im Allgemeinen und unsere Verarbeitung von Erfahrung im Speziellen steuern. Nach Kant gehört jeder Gedanke, dessen der Mensch fähig ist, zu genau einer von zwölf Kategorien. Diese ergeben sich aus vier Gesichtspunkten (Quantität, Qualität, Relation, Modalität), und jeweils drei Urteilsformen, bei der Quantität z.B. einer, viele, alle, bei der Modalität vermutend, behauptend, notwendig. Den Widerspruch zwischen der dogmatischen Metaphysik und der Empirie löst er folgendermaßen auf: A priori, also ohne Anschauung sind nur richtig: Analytische Aussagen, Raum und Zeit, seine Kategorien und die Ideen (die regulativen Prinzipien der Vernunft). Analytische Aussagen sind im Wesentlichen Tautologien, z.B. dass ein Kreis rund ist oder dass ein Dreieck drei Ecken hat. Weitergehende Annahmen schließt er aus. Insbesondere widerlegt er die klassischen Gottesbeweise und versucht zu zeigen, dass kein derartiger Beweis möglich ist. Er akzeptiert aber Gott, die Seele und möglicherweise andere nicht wahrnehmbare Phänomene als Denkmöglichkeit: Solche Dinge sind widerspruchsfrei vorstellbar.

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Unteres Vermögen: die Fähigkeit sinnlicher Wahrnehmung

Oberes Vermögen: Verstand (intelligence), die Fähigkeit zu denken, Wahrnehmungen zu verstehen, zu ordnen, Schlüsse daraus zu ziehen.

Vernunft (reason, raison) befindet sich noch eine Ebene oberhalb des Verstands. Sie verhält sich zum Verstand wie der Verstand zur Wahrnehmung. Er gibt dem Verstand die Regeln, nach denen er zu verfahren hat. Anmerkung JS: Und wer steuert die Vernunft?

Die gesetzmäßige Ordnung der Natur ist das Werk des Menschen. Dies ist die kopernikanische Wende der Philosophie.

Welche Ideen gibt es?

Kategorische Art der Verknüpfung 🡪 unbedingte Einheit des denkenden Subjekts = Seele Hypothetische Art der Verknüpfung 🡪 Eine endlose Reihe von bedingten Erscheinungen bildet eine unbedingte kosmologische Einheit = die Welt Disjunktive Art der Verknüpfung 🡪 Idee einer unbedingten Einheit aller Gegenstände des Denkens = Idee eines höchsten Wesens = Gott. Diese Ideen sind erstrebenswerte Denkmöglichkeiten: Du sollst alle psychischen Beziehungen so verknüpfen, als ob ihnen eine Einheit, eine Seele, zugrunde läge. Existiert die Seele oder nicht?? Du sollst so denken, als ob es zu allem, was existiert, eine erste notwendige Ursache, den göttlichen Schöpfer, gäbe. Existiert der oder nicht?? Die Kritik der praktischen Vernunft ist ein Beitrag zur Moral: Wie sollen wir handeln, was ist gut, was ist schlecht? Ihre zentrale Aussage ist der kategorische Imperativ: Handle so, dass die Maxime deines Handelns jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könnte. Da man diesen Imperativ durch keine Anschauung erfahren kann, ist gilt er a priori – wenn er überhaupt gilt. Kennzeichnend für Kant ist die völlige Abwesenheit des utilitaristischen Gedankens: Nicht Zwecke leiten uns (Glück, Belohnung), sondern abstrakte Prinzipien, denen wir uns freudig unterwerfen. Die Kritik der Urteilskraft befasst sich mit Gefühl und Phantasie. Die zentralen Begriffe sind die bestimmende und die reflektierende Urteilskraft. Die bestimmende Urteilskraft bezeichnet das „Vermögen, das Besondere als enthalten unter dem Allgemeinen zu denken“, also z.B. die Anwendung einer allgemeinen Regel in einer speziellen Situation. Die reflektierende Urteilskraft ist umgekehrt das Vermögen, das Allgemeine zu finden, wenn das Besondere gegeben ist. Die teleologische Urteilskraft ist das allen Lebewesen innewohnende Vermögen, ihrem Lebenszweck gerecht zu werden. Kant behandelt ferner Schönheit, Lust, Bedürfnis und Zweckmäßigkeit. Anmerkung JS: Die reflektierende Urteilskraft ist eine, wenn nicht die fundamentale Fähigkeit menschlichen Denkens. Sobald wir den Plural verwenden, also den Schritt tun von einem Apfel zu zwei Äpfeln, haben wir erkannt, dass zwei verschieden Dinge (der linke Apfel und der rechte) derselben Gattung angehören. Mit diesen drei Kritiken gibt Kant eine abstrakte, aus seiner Sicht vollständige Darstellung des menschlichen Denkens und Handelns. Zwei andere Werke der kritischen Periode verdienen eine Erwähnung: Die Prolegomena zu jeder künftigen Metaphysik (1783) und die Grundlage zur Metaphysik der Sitten (1785), eine erste Version der Kritik der praktischen Vernunft.