Vom Triumph zur Sackgasse – Israel 1967 bis Oslo#

Die Phase von 1967 bis 1993 ist in vielerlei Hinsicht die folgenreichste der israelischen Geschichte – nicht weil Israel besonders viel verloren hätte, sondern weil es so viel gewonnen hatte und nicht wusste, was damit anfangen.

Israel begann diese Phase mit einem beispiellosen Militärsieg (1967) und beendete sie mit einem diplomatischen Symbolakt (Oslo 1993). Während der Krieg Territorium brachte, sollte der Händedruck auf dem Rasen des Weißen Hauses etwas liefern, das Waffen nie konnten: die Aussicht auf Frieden. Zwischen diesen beiden Momenten liegen zwei weitere Kriege, eine politische Revolution, eine Besatzung, die wuchs, eine makroökonomische Schieflage und ihre Überwindung, und ein Aufstand, der zeigte, dass militärische Stärke kein politisches Problem löst.


1. Der Rausch des Sieges und seine Konsequenzen#

Sechs Tage, die alles veränderten#

Am Morgen des 10. Juni 1967 war der Krieg vorbei. Israel kontrollierte:

  • Die Sinai-Halbinsel – dreimal so groß wie Israel selbst

  • Den Gazastreifen – dicht besiedelt, arm, überwiegend palästinensische Flüchtlinge, rund 350.000 Einwohner

  • Das Westjordanland – das biblische Judäa und Samaria, mit rund 660.000 Palästinensern

  • Die Golanhöhen – syrisches Territorium mit strategischer Höhenlage

  • Ostjerusalem – einschließlich der Altstadt, der Klagemauer, des Tempelbergs, mit etwa 65.000 Einwohnern

Zusammengerechnet kamen damit gut eine Million Palästinenser unter israelische Kontrolle.

Die Euphorie in Israel war real und verständlich. Religiöse und säkulare Israelis weinten gemeinsam an der Klagemauer, die seit 1948 unter jordanischer Kontrolle gewesen war. Das Gefühl: ein Wunder, eine historische Wende, Bestätigung der eigenen Stärke nach Jahren der Bedrohung.

Aber unter der Euphorie lag eine Frage, die niemand klar beantworten wollte: Was nun?

Die Logik des Provisoriums: Das Erbe der Nicht-Entscheidung#

Israel stand vor einer historischen Weggabelung. Die Optionen waren klar:

Die besetzten Gebiete als Verhandlungsmasse benutzen – Rückgabe gegen Frieden, wie es UN-Resolution 242 vom November 1967 vorschlug. Die Gebiete annektieren – offen und ehrlich, mit allen Konsequenzen. Oder abwarten, die Entscheidung vertagen, und in der Zwischenzeit Fakten auf dem Boden schaffen.

Ob Israel die dritte Option als bewusste Strategie oder als Ergebnis innenpolitischer Lähmung wählte, ist unter Historikern umstritten. Die Neuen Historiker betonen die Entscheidungslosigkeit einer zerstrittenen Koalition. Tatsächlich gab es aber auch strategische Planungsansätze: Der Allon-Plan (1967) versuchte, Sicherheitsinteressen von Bevölkerungsfragen zu trennen – das Jordantal als strategischer Puffer unter israelischer Kontrolle, das palästinensisch besiedelte Bergland als Autonomiegebiet. Der Plan wurde nie offiziell angenommen, prägte aber die tatsächliche Siedlungspolitik der Arbeitspartei-Regierungen: Konzentration auf das dünn besiedelte Jordantal, Vermeidung dichter palästinensischer Gebiete.

UN-Resolution 242 – Rückzug „aus Gebieten“ gegen Frieden – wurde nicht einfach ignoriert, wie oft behauptet. Israel akzeptierte sie 1967/68 als Verhandlungsgrundlage, allerdings mit der bekannten Mehrdeutigkeit des englischen Wortlauts: „withdrawal from territories“ (nicht „the territories“) ließ offen, ob ein vollständiger oder teilweiser Rückzug gemeint war. Israel las es als „manche Gebiete“, die arabische Seite als „alle“. Die arabische Antwort kam zunächst im August 1967, als Nasser, König Hussein und Algeriens Boumedienne auf dem Arabischen Gipfel in Khartum das Dreifach-Nein vereinbarten: kein Frieden mit Israel, keine Anerkennung Israels, keine Verhandlungen mit Israel. Das bestärkte die israelische Haltung, dass es auf arabischer Seite keinen Verhandlungspartner gebe.

Auch die übrigen Rahmenbedingungen waren restriktiv: Terrorwellen Ende der 1960er Jahre, syrische und ägyptische Rüstungsprogramme, die akute Bedrohungslage. In der Praxis wuchs der Siedlungsbau über jeden Plan hinaus, und die Entscheidung wurde de facto auf unbestimmte Zeit vertagt.

Der Beginn des Siedlungsbaus#

Der Siedlungsbau begann nicht erst unter dem Likud, sondern schon 1967 unter der Arbeitspartei. Noch im Sommer 1967 entstanden Merom Golan auf den Golanhöhen und, im Westjordanland, das wiederbegründete Kfar Etzion südlich von Bethlehem – eine 1948 zerstörte Siedlung mit symbolischer Bedeutung. Beide wurden mit sicherheitspolitischer Begründung errichtet. 1968 besetzten religiöse Nationalisten unter Rabbiner Moshe Levinger ein Hotel in Hebron – eigenmächtig, ohne Regierungsgenehmigung, und wurden von der Regierung nachträglich geduldet. Hebron war nicht die erste zivile Siedlung im Westjordanland, aber der erste offen innerstädtische Vorstoß mitten in eine palästinensische Stadt.

Das war das Muster, das sich Jahrzehnte lang wiederholte: Ideologische Siedler schufen Fakten; die Regierung zögerte, dann akzeptierte. Die Siedlerbevölkerung wuchs unter der Arbeitspartei von null (1967) auf etwa 5.000 (1977) – ein Widerspruch zur eigenen Rhetorik von der „Verhandlungsmasse“. Die Logik des ideologisch motivierten Siedlungsbaus war von Anfang an nicht primär sicherheitspolitisch, sondern religiös: Das Land ist von Gott gegeben, es gehört dem jüdischen Volk, und jede Siedlung macht die Rückgabe schwieriger und damit unwahrscheinlicher.


2. Der Abnutzungskrieg 1967–1970#

Zwischen dem Sechstagekrieg und dem Yom-Kippur-Krieg gab es keinen Frieden – nur eine Phase, die als Abnutzungskrieg (Milhemet HaHatasha) bekannt ist und im Westen oft vergessen wird.

Nasser startete eine Politik gezielter Eskalation entlang des Suezkanals: Artilleriebeschuss israelischer Stellungen, Kommandoangriffe, Luftkämpfe. Das Ziel war nicht militärischer Sieg, sondern dauerhafte Abnutzung – die Kosten der israelischen Besatzung des Sinai so hochzutreiben, dass Israel zur Verhandlung gezwungen würde.

Israel antwortete zunächst mit Artillerie, dann ab Anfang 1969 mit Tiefflugangriffen weit ins ägyptische Hinterland. Das war militärisch eindrucksvoll, politisch aber kontraproduktiv: Nasser rief die Sowjetunion zur Hilfe. Ab März 1970 lieferte Moskau moderne Flugabwehrraketen (S-75) und stationierte sowjetische Piloten in Ägypten – zunächst als „technische Berater“, dann offen. Es war die erste direkte Konfrontation sowjetischer und israelischer Streitkräfte und zog die Supermächte unmittelbar in den Konflikt hinein.

Der Krieg endete im August 1970 mit einem US-vermittelten Waffenstillstand (Rogers-Plan) und einer „Standstill“-Klausel. Ägypten verlegte danach vertragswidrig Flugabwehrraketen nach vorn an den Kanal – ein Detail, das sich 1973 als entscheidend erweisen sollte. Nasser starb wenige Wochen später. Sein Nachfolger war Anwar Sadat – den die meisten westlichen Beobachter zunächst für eine Übergangsfigur hielten. Das war ein Irrtum.


3. Der Yom-Kippur-Krieg 1973: Das Ende der Unverwundbarkeit#

Sadats Kalkül – Krieg als Diplomatie#

Der Yom-Kippur-Krieg hatte keinen klassischen Vorwand. Sadat war ungewöhnlich offen über seine Motive: Er wollte keinen militärischen Sieg über Israel. Er wusste, dass Ägypten militärisch nicht gewinnen konnte. Er wollte einen politischen Schock erzeugen.

Die Ausgangslage: Seit 1967 saß Israel auf dem Sinai und bewegte sich diplomatisch keinen Millimeter. Der Status quo fror ein – zu Israels Gunsten.

Sadats Schlussfolgerung war nüchtern: Solange Israel keinen Grund hat zu verhandeln, wird es nicht verhandeln. Also muss man ihm einen Grund geben. Nicht durch Vernichtung – das war unmöglich – sondern durch einen begrenzten militärischen Erfolg, der die israelische Unverwundbarkeit zerstört und Amerika zwingt, sich einzuschalten. Das war Kriegsführung als Diplomatie – in der Militärgeschichte außergewöhnlich bewusst formuliert.

Syrien unter Hafiz al-Assad hatte andere Motive: die Golanhöhen zurückgewinnen, möglichst durch einen echten Sieg. Die Koalition war taktisch, nicht strategisch – beide Länder koordinierten nur begrenzt.

Der Schock#

Am 6. Oktober 1973 – Yom Kippur, dem heiligsten Tag des jüdischen Kalenders – griffen Ägypten und Syrien gleichzeitig an. Ägyptische Truppen überquerten mit gut vorbereiteten Brücken den Suezkanal. Syrische Panzer stürmten die Golanhöhen. Israel war vollständig überrascht.

Die ersten 48 Stunden waren katastrophal. Die israelischen Bar-Lev-Befestigungen am Suezkanal, die als uneinnehmbar galten, wurden überrannt. Auf den Golanhöhen trafen 1.400 syrische Panzer auf 180 israelische; wäre die Linie gebrochen, hätten syrische Panzer israelische Siedlungen in Sichtweite erreicht.

Die Überraschung hatte eine klare Ursache: Israel hatte aus dem Sieg von 1967 eine gefährliche Konzeption entwickelt – die Überzeugung, die Araber würden nicht angreifen, weil sie wüssten, dass sie verlieren würden. Das war kein bloßer Hochmut, sondern ein systematischer Geheimdienstfehler. Der Militärgeheimdienst Aman bewertete konkrete ägyptische Truppenbewegungen Anfang Oktober als „Übung“, weil ein Angriff ohne Luftüberlegenheit als irrational galt. Was Aman nicht antizipierte, war die neue ägyptische Taktik: ein dichter Flugabwehrschirm aus den am Kanal stationierten Raketen, hinter dem die Infanterie übersetzte. Israel hatte seine Doktrin auf den Blitzkrieg von 1967 zugeschnitten. Diese Fehleinschätzung kostete in den ersten Kriegstagen Hunderte von Leben.

Die Wende#

Was Israel rettete, war eine Kombination aus verzweifeltem Widerstand einzelner Einheiten, die Zeit kauften, schneller Mobilisierung der Reservisten, und einer amerikanischen Luftbrücke: Nixon entschied am 13. Oktober, unter dem Codenamen Nickel Grass eine massive Versorgungsoperation mit Munition, Panzern und Ersatzteilen zu starten; die ersten Maschinen landeten am 14. Oktober. Die USA hatten anfangs gezögert, um die Ölversorgung nicht zu gefährden – erst als die Sowjetunion ihre eigene Luftbrücke für Ägypten und Syrien (bereits ab dem 9. Oktober) ausweitete und damit den Kalten Krieg in den Konflikt hineintrug, gab Nixon den Befehl.

An der Südfront überquerte Ariel Sharon mit erheblicher Eigeninitiative – und teils im Streit mit dem Südkommando und dem Generalstab – den Suezkanal bei Deversoir und umzingelte die ägyptische Dritte Armee. Die Kanalüberquerung selbst war eine vom Oberkommando beschlossene und letztlich gebilligte Großoperation (Operation Abirey-Lev), kein eigenmächtiger Alleingang, wie der populäre Mythos will. Militärisch brillant, politisch heikel: Es erzwang einen Waffenstillstand zu einem Zeitpunkt, als Israel wieder die Oberhand hatte.

Die politischen Folgen#

Fast 2.700 israelische Soldaten starben in drei Wochen. Die Unverwundbarkeit, die 1967 aufgebaut worden war, zerbrach. Eine Untersuchungskommission belastete Militärführung und Geheimdienst schwer; Golda Meir und Moshe Dayan traten 1974 zurück.

Der Krieg bereitete den Boden für den Likud-Sieg 1977: Eine Partei, die 25 Jahre das Establishment attackiert hatte, konnte nun zu Recht sagen, dieses Establishment habe die Katastrophe des Yom Kippur verschuldet.

Für die arabische Welt war der Krieg psychologisch ein Teilerfolg. Das Ölembargo der OAPEC (der arabischen Erdöl exportierenden Länder, nicht der OPEC insgesamt) – ab dem 17. Oktober gegen die USA, die Niederlande und andere westliche Israel-Unterstützer gerichtet – traf die westlichen Volkswirtschaften hart und zeigte, dass der Nahostkonflikt globale Konsequenzen hatte.

Der Weg zu Camp David: Die Entflechtungsabkommen#

Übersehen wird oft, dass zwischen Krieg und Friedensvertrag wichtige Zwischenschritte lagen. Kissingers Pendeldiplomatie führte 1974 zu einem ägyptisch-israelischen Truppenentflechtungsabkommen (Sinai I) und einem syrisch-israelischen Entflechtungsabkommen auf dem Golan, 1975 zu Sinai II mit weiterem israelischem Teilrückzug. Diese Abkommen etablierten das Muster des schrittweisen Rückzugs und schufen das Vertrauen, ohne das Camp David undenkbar gewesen wäre.


4. Der Friedensvertrag mit Ägypten 1979: Ein halber Durchbruch#

Sadats Motive#

Sadats Entscheidung, im November 1977 nach Jerusalem zu fliegen und vor der Knesset zu sprechen, war das Ergebnis nüchterner strategischer Analyse. Fünf Motive wirkten zusammen:

Wirtschaftlicher Druck. Ägypten war nach Jahren des Krieges wirtschaftlich am Boden. Sadat wollte Zugang zu amerikanischer Wirtschaftshilfe – und der war an eine Westorientierung geknüpft.

Der Sinai. Ägyptens nationales Ziel war die Rückgewinnung des Sinai – nicht die Vernichtung Israels, nicht die Palästinenserfrage. Sadat priorisierte den Sinai gegenüber der Palästinenserfrage. In Camp David versuchte er durchaus, eine Kopplung zwischen dem bilateralen Frieden und einer palästinensischen Autonomie herzustellen. Erst als Begin ihn in diesem Punkt ausmanövrierte, akzeptierte er den faktischen Separatfrieden. In der arabischen Welt galt das als Verrat. Für Sadat war es Realismus.

Die Sowjetunion loswerden. 1972 hatte Sadat die sowjetischen Militärberater aus Ägypten ausgewiesen. Er wollte in das amerikanische Lager wechseln – Frieden mit Israel war der Eintrittspreis.

Die psychologische Geste. Sadat verstand, dass der Konflikt auch ein Konflikt der gegenseitigen Wahrnehmung war. Keine Verhandlung konnte das ändern. Nur eine dramatische Geste konnte den Rahmen sprengen. Der Flug nach Jerusalem war kalkulierte politische Theatralik im besten Sinne – und funktionierte.

Die Begin-Kalkulation. Sadat suchte bewusst den Kontakt zu Begin, nicht zur Arbeitspartei. Ein nationalistischer Premierminister, der Frieden macht, hat mehr innenpolitische Legitimität als ein Linker. Das Nixon-China-Muster.

Camp David und der Preis#

Unter amerikanischer Vermittlung – Carter persönlich, 13 Tage im September 1978 – einigten sich Begin und Sadat auf zwei Rahmenverträge. Der Friedensvertrag wurde im März 1979 unterzeichnet. Israel zog sich vollständig vom Sinai zurück und räumte dabei auch die israelischen Siedlungen. Ägypten anerkannte Israel. Begin und Sadat erhielten den Friedensnobelpreis.

Was Camp David nicht löste, war die Palästinenserfrage. Das zweite Rahmenwerk („Framework for Peace in the Middle East“) sah eine palästinensische „Autonomie“ vor, wurde aber nie umgesetzt – unter anderem, weil die Frage der palästinensischen Vertretung ungeklärt blieb (die PLO war nicht beteiligt, Jordanien zögerte) und weil sowohl Israel als auch Ägypten den bilateralen Frieden priorisierten. Die Unklarheit war bewusst – ohne sie wäre kein Abkommen zustande gekommen – und wurde zur Zeitbombe.

Sadat bezahlte einen hohen persönlichen Preis: Die arabische Welt isolierte Ägypten, die Arabische Liga schloss es aus. 1981 wurde Sadat von islamistischen Offizieren während einer Militärparade ermordet. Er wusste um das Risiko. Er ging es trotzdem ein.


5. Der HaMahapach 1977: Israels politische Revolution#

Die Wahlen vom Mai 1977 waren ein politisches Erdbeben. Der Likud unter Menachem Begin gewann – zum ersten Mal seit der Staatsgründung war eine nicht-sozialistische Partei an der Macht. Israelis nannten es HaMahapach – die Umwälzung.

Die Ursachen lagen tief: Die Arbeitspartei hatte die Yom-Kippur-Katastrophe verschuldet und war von Korruptionsskandalen beschädigt. Entscheidend war aber die soziale Revolte der Mizrachim: Die orientalischen Juden, seit Jahrzehnten von der aschkenasischen Arbeitspartei-Elite herablassend behandelt, an die Peripherie verbannt, in mindere Schulen gesteckt, wählten en masse den Likud – nicht weil Begin ihre spezifischen Interessen vertreten hätte, sondern weil er der Feind ihrer Feinde war.

Dieser Riss – aschkenasische Linke gegen mizrachische Rechte – prägt die israelische Innenpolitik bis heute. Er erklärt, warum eine Partei, die soziale Gerechtigkeit versprach, ausgerechnet von den wirtschaftlich Schwächsten verlassen wurde.

Begins Regierung veränderte Ton und Politik grundlegend. Die Siedlungspolitik wurde systematisch und ideologisch aufgeladen – nicht mehr als Sicherheitsmaßnahme begründet, sondern als historisches und religiöses Recht. Die amtliche Bezeichnung „Judäa und Samaria“ (Ezor Yehuda veShomron) gab es bereits seit 1967; der Likud machte sie politisch prominent – kein sprachlicher Zufall, sondern Programm.

Die Wirtschaftspolitik setzte auf Liberalismus und Steuersenkungen. Ende der 1970er, Anfang der 1980er erlebte Israel eine schwere Inflationskrise, die 1984 mit einer Jahresinflation von rund 445 Prozent gipfelte – für eine westliche Demokratie beispiellos. Diese Hyperinflation war jedoch nicht monokausal ein „Likud-Versagen“. Mehrere Treiber wirkten zusammen: chronische Haushaltsdefizite, die weitverbreitete Indexierung von Löhnen und Preisen, die Ölpreisschocks von 1973 und 1979, hohe Verteidigungsausgaben (auch infolge des Libanonkriegs) und die Histadrut-Kartelle, die Reformen blockierten. Der abrupte Politikwechsel 1977 verschärfte die Lage, war aber nicht ihre einzige Ursache.


6. Der Libanonkrieg 1982: Die erste breit umstrittene Militäroperation#

Hintergrund und Planung#

Die PLO hatte sich nach ihrer Vertreibung aus Jordanien (1970) im Libanon etabliert und von dort Angriffe auf Nordisrael durchgeführt. Der Libanon befand sich im Bürgerkrieg. Der konkrete Auslöser war der Attentatsversuch auf den israelischen Botschafter in London, Shlomo Argov, am 3. Juni 1982 – verübt durch die Abu-Nidal-Gruppe, einen erbitterten PLO-Gegner, was Israel jedoch nicht hinderte, die PLO verantwortlich zu machen.

Die offizielle Kriegsbegründung („Operation Frieden für Galiläa“) war die Sicherung Nordisraels. Verteidigungsminister Ariel Sharon verfolgte jedoch – mit Billigung Begins, der die Invasion zunächst voll unterstützte – eine weit darüber hinausgehende Agenda: Die PLO vollständig zerstören, eine pro-israelische christlich-maronitische Regierung in Beirut installieren und damit die Palästinenserfrage militärisch „lösen“.

Der Krieg und das Massaker#

Israel marschierte im Juni 1982 ein. Die PLO-Kämpfer wurden aus Beirut evakuiert – eine verhandelte Lösung unter internationaler Aufsicht. Yasser Arafat ging nach Tunis. Dann kam Sabra und Schatila.

Im September 1982 ermordeten libanesische Phalangisten-Milizen – christliche Verbündete Israels – in den palästinensischen Flüchtlingslagern Sabra und Schatila mehrere hundert bis mehrere tausend Menschen. Die israelische Armee kontrollierte die Umgebung, ließ die Milizen ein und unternahm nichts. Die internationale Empörung war massiv; in Israel selbst gingen nach gängiger Schätzung bis zu 400.000 Menschen auf die Straße – die größte Demonstration in der Geschichte des Landes bis dahin. Die Kahan-Kommission befand Ariel Sharon für persönlich verantwortlich und empfahl seine Entlassung als Verteidigungsminister – er musste zurücktreten, blieb aber Minister ohne Geschäftsbereich und kehrte später als Premierminister zurück. Seine Karriere illustriert die Zähigkeit politischer Biographien in Israel.

Mit Sabra und Schatila verschob sich in weiten Teilen des Westens die Wahrnehmung Israels: nicht mehr nur als Verteidiger, sondern als Akteur, der zumindest Mitschuld an einem Massaker trug.

Die Langzeitfolge: Die Entstehung der Hisbollah#

Israel zog sich 1985 auf eine „Sicherheitszone“ im Südlibanon zurück, die es mithilfe der verbündeten South Lebanon Army (SLA) bis 2000 hielt. Diese Besatzung erzeugte als direkte Reaktion die Entstehung der Hisbollah (Partei Gottes): 1982 gegründet, bewaffnet und finanziert vom Iran, schiitisch-islamistisch, libanesisch. Sie konstituierte sich als Widerstandsbewegung gegen die israelische Besatzung, war aber zugleich Teil von Teherans regionaler Strategie nach der iranischen Revolution von 1979 – nicht bloß ein „Nebeneffekt“ der Besatzung. Sie entwickelte sich zu einer der mächtigsten nicht-staatlichen Milizen im Nahen Osten.

Die Hisbollah ist ein Beispiel für eine historische Regelmäßigkeit: Militärische Aktionen erzeugen langfristige Konsequenzen, die das ursprüngliche Problem verschlimmern können. Israel marschierte in den Libanon ein, um die PLO zu zerstören – und schuf günstige Bedingungen für eine weit gefährlichere Bedrohung. Zur Entstehung der Hisbollah, ihrer Struktur und ihrer Rolle im iranischen Stellvertreternetzwerk → Kapitel 9.


7. Die erste Intifada 1987: Die Palästinenser erheben sich#

Der spontane Aufstand#

Im Dezember 1987 begann in Gaza, fast zufällig ausgelöst durch einen Verkehrsunfall, ein palästinensischer Aufstand, der sich wie ein Lauffeuer über Westjordanland und Gaza ausbreitete. Die erste Intifada war in ihrer Entstehung spontan, ungeplant, von unten.

Palästinensische Jugendliche werfen Steine auf israelische Soldaten. Generalstreiks, Boykotte, ziviler Ungehorsam. Eine Gesellschaft im Aufstand gegen zwanzig Jahre Besatzung.

Die israelische Reaktion war militärisch und politisch ratlos. Verteidigungsminister Yitzhak Rabin ordnete an, den Aufstand durch „Knochenbrechung“ zu beenden – Soldaten sollten Steinewerfer mit Schlagstöcken verprügeln. Das Bild – israelische Soldaten, die Jugendliche schlagen – ging um die Welt und war verheerend für Israels internationales Ansehen.

Die politischen Konsequenzen#

Die Intifada hatte zwei entscheidende politische Folgen:

Für die Palästinenser: Die PLO erkannte 1988 implizit Israel an – über die Annahme der Resolutionen 242 und 338 – und akzeptierte die Zwei-Staaten-Lösung auf der Basis der Grenzen von 1967. Das war die politische Grundlage, ohne die Oslo nicht möglich gewesen wäre. Begünstigt wurde dieser Schritt dadurch, dass König Hussein im selben Jahr 1988 Jordaniens Ansprüche auf das Westjordanland förmlich aufgab („disengagement“) und damit der PLO das alleinige Vertretungsmandat überließ. Die formelle gegenseitige Anerkennung folgte erst 1993 im Briefwechsel Rabin–Arafat.

Für Israel: Die Intifada machte die Kosten der Besatzung im Alltag spürbar. Teile der israelischen Gesellschaft begannen zu fragen, ob die Besatzung auf Dauer möglich und wünschenswert war.

Gleichzeitig formierte sich in Gaza eine neue Kraft: Hamas, im Dezember 1987 zu Beginn der Intifada als militanter Ableger der Muslimbruderschaft gegründet. Ihre ideologische Grundlage war älter: Die Muslimbruderschaft war in Palästina seit den 1940er Jahren aktiv. Der unmittelbare institutionelle Vorläufer war die Mujama al-Islamiya, eine religiöse Wohlfahrtsorganisation unter Scheich Ahmed Jassin, die Israel 1979 als gemeinnützige Organisation registrierte und in den 1970er und frühen 1980er Jahren duldete – in der kurzsichtigen Erwägung, der religiöse Aktivismus sei zahmer als der bewaffnete Nationalismus der Fatah und schwäche die säkulare PLO. Die Hamas selbst wurde nie von Israel lizenziert oder toleriert, sondern von Anfang an bekämpft. Die Duldung der Vorläuferorganisation war eine strategische Fehleinschätzung mit historischen Folgen – nicht, wie manche Verschwörungsnarrative behaupten, eine israelische „Gründung“ der Hamas. Zur Geschichte der Hamas → Kapitel 9.


8. Die drei wichtigsten Akteure im Vergleich#

PLO, Hamas und Hisbollah werden im Westen häufig in einem Atemzug genannt. Sie sind grundverschieden in Ursprung, Ideologie und Ziel. Eine knappe Gegenüberstellung:

PLO/Fatah

Hamas

Hisbollah

Basis

Palästinensisch, säkular

Palästinensisch, islamistisch

Libanesisch, schiitisch

Gegründet

1964/1969

1987

1982

Israel anerkannt?

Ja (seit 1993)

Nein

Nein

Hauptsponsor

Arabische Welt

Iran, Katar

Iran

Heute

Regiert Westjordanland

Regiert Gaza

Mächtiger Akteur im Libanon

Zur ausführlichen Darstellung der Entstehung, Entwicklung und gegenwärtigen Rolle aller drei Organisationen → Kapitel 9.


9. Gesellschaftliche Entwicklung 1967–1993#

Wirtschaft: Vom sozialistischen Experiment zur Marktwirtschaft#

Die israelische Wirtschaft war bis in die 1980er stark staatswirtschaftlich geprägt – Histadrut-Konzerne, Staatsunternehmen, Subventionen. Die Histadrut kontrollierte einen erheblichen Teil der Wirtschaft und blockierte Reformen. Die Inflationskrise der frühen 1980er war das Symptom eines Systems am Ende.

Das Stabilisierungsprogramm von 1985 war radikal: Budgetkürzungen, Lohn- und Preisstopp, ein vorangekündigter Anker für den Wechselkurs (kein harter Fixkurs, sondern zunächst ein kontrollierter Crawling-Peg). Es war eine Leistung der damaligen Einheitsregierung (Peres als Premier, Modai als Finanzminister) und funktionierte schneller als erwartet. Israel begann den Übergang zur Marktwirtschaft – zunächst zögerlich, dann in den 1990ern beschleunigt durch die Einwanderungswelle aus der ehemaligen Sowjetunion.

Die große Einwanderung aus der Sowjetunion#

Mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion ab 1989 kamen zwischen 1990 und 2000 etwa eine Million Einwanderer aus der ehemaligen UdSSR – in einem Land mit damals fünf Millionen Einwohnern ein Zuwachs von 20 Prozent innerhalb eines Jahrzehnts. Überwiegend hoch gebildet – Ingenieure, Wissenschaftler, Musiker, Ärzte – wurden sie langfristig zur treibenden Kraft hinter Israels technologischem Aufstieg.

Politisch stimmten die russischen Einwanderer mehrheitlich rechts – teils aus kulturellen Gründen, teils weil sie den arabischen Konflikt durch die Linse ihrer sowjetischen Erfahrung sahen. Ihr Gewicht verschob das israelische Wählerspektrum nach rechts.

Religiöser Nationalismus und Siedlerbewegung#

Die Gush-Emunim-Bewegung („Block der Treuen“), gegründet 1974, wurde in den 1980ern zur treibenden Kraft des Siedlungsbaus. Ihre ideologische Grundlage: Die Besiedlung des biblischen Landes sei eine religiöse Pflicht, Teil des göttlichen Erlösungsplans. Rückgabe von Land wäre nicht nur politisch falsch, sondern eine religiöse Sünde.

Die Siedlerbewegung war allerdings kein Monolith. Neben den religiös-messianischen Kerngruppen wie Gush Emunim gab es zwei weitere Typen: säkulare „Qualitätsleben“-Siedler, die von subventionierten Hypotheken, Steuervorteilen und guter Infrastruktur in Orten wie Ma’ale Adumim profitierten, und Sicherheits-Siedler im Jordantal, die sich als strategischer Schutzschild verstanden. Diese heterogenen Motive machten die Bewegung politisch schwer angreifbar.

Diese Mischung verband sich mit den Begin-Regierungen zu einem systematischen Siedlungsbauprogramm. Die Siedlerbevölkerung im Westjordanland (ohne Ostjerusalem) wuchs von einigen tausend 1977 auf über 100.000 Anfang der 1990er; rechnet man Ostjerusalem hinzu, lag die Zahl deutlich höher. Die geographische Logik der ideologischen Siedlungen war von Anfang an darauf ausgelegt, eine Zwei-Staaten-Lösung zu erschweren: Sie wurden nicht nur in Randlagen, sondern tief im Westjordanland angelegt, zwischen palästinensischen Städten.


10. Das Verhältnis zu den USA 1967–1993#

Der überwältigende israelische Sieg von 1967 hatte in Washington eine klare Schlussfolgerung erzeugt: Israel ist der verlässlichste und effektivste Verbündete in der Region. Ab 1968 wurden amerikanische Waffenlieferungen qualitativ und quantitativ ausgebaut. Das Prinzip „qualitativer militärischer Vorteil“ (Qualitative Military Edge, QME) – Israel sollte technologisch jedem möglichen Gegner überlegen sein – wurde zur Grundlage amerikanischer Rüstungspolitik seit den 1970ern und 2008 in den USA gesetzlich kodifiziert.

Die Partnerschaft war jedoch nie konfliktfrei. Wenn US-Interessen – Öl, das Verhältnis zu Saudi-Arabien – mit israelischen kollidierten, setzte sich Washington durch. Schon 1956 hatte Eisenhower Israel zum Rückzug aus dem Sinai gezwungen. 1981 setzte Reagan den Verkauf von AWACS-Aufklärungsflugzeugen an Saudi-Arabien gegen heftigen israelischen Widerstand durch.

Als Israel 1973 in ernste Schwierigkeiten geriet, war Nixons Entscheidung zur massiven Luftbrücke militärisch entscheidend. Kissingers Diplomatie rettete Israel gleichzeitig vor einem vollständigen Sieg, der politisch destabilisierend gewesen wäre: Der Waffenstillstand wurde so gestaltet, dass Sadat ohne vollständige Demütigung aus dem Krieg herausgehen konnte – Voraussetzung dafür, dass er sechs Jahre später nach Jerusalem fliegen würde.

Camp David 1978 war auch ein amerikanischer Triumph: Carter investierte enormes persönliches Prestige. Die USA sicherten das Abkommen durch finanzielle Zusagen – Milliarden Dollar Militär- und Wirtschaftshilfe für sowohl Israel als auch Ägypten, die beide bis heute fließen.

Unter Reagan vertiefte sich die Allianz ideologisch, aber der Libanonkrieg 1982 und Sabra und Schatila belasteten die Beziehung. Reagan rief Begin persönlich an und verlangte ein Ende der Belagerung Beiruts – Begin hörte zu, handelte aber nach eigenem Ermessen.

Unter George Bush senior wurde die Spannung offener. Bush und Außenminister Baker drängten Israel, den Siedlungsbau zu stoppen, und machten Bürgschaften für israelische Anleihen davon abhängig. Premier Schamir weigerte sich. Bush hielt die Bürgschaften zurück – die härteste öffentliche Konfrontation zwischen Washington und Jerusalem seit Suez 1956. Sie endete damit, dass Schamir die Wahlen 1992 verlor und Rabin gewann, der die Bürgschaften bekam.


11. Ein- und Zwei-Staaten-Lösungen#

Die Frage, wie der Konflikt enden soll, ist keine Detailfrage – sie berührt die Existenz beider Völker. Es gibt im Wesentlichen vier Positionen.

Die Zwei-Staaten-Lösung: Ein israelischer Staat und ein palästinensischer Staat, nebeneinander, auf der Basis der Grenzen von 1967 mit möglichen Gebietsaustauschen. Jerusalem geteilt. Dafür: offiziell die internationale Gemeinschaft – UNO, EU, USA (formell), arabische Staaten (Arabische Friedensinitiative 2002), die Palästinensische Autonomiebehörde, Teile der israelischen Linken. Dagegen: Hamas und die israelische Rechte. Das zentrale Hindernis ist weniger die reine Geografie als der politische Wille: Studien (etwa von Peace Now) zeigen, dass die große Mehrheit der heute über 700.000 Siedler im Westjordanland und Ostjerusalem (Stand 2023/24, gegenüber etwa 250.000 im Jahr 1993) in grenznahen Blöcken lebt, die über Gebietstausch integrierbar wären – wie es die Clinton-Parameter 2000 vorsahen. Das eigentliche Problem sind die ideologisch motivierten Siedlungen tief im Westjordanland und die Weigerung der israelischen Rechten, Jerusalem zu teilen, während Hamas Israel grundsätzlich ablehnt. Befürworter des Siedlungsbaus verweisen auf Enklavenmodelle oder Tunnelverbindungen, wie sie auch Trumps „Deal of the Century“ (2020) enthielt – ob solche Konstruktionen einen lebensfähigen palästinensischen Staat ergäben, ist unter Experten stark umstritten. Viele Beobachter sagen: Die Zwei-Staaten-Lösung ist politisch noch die offizielle Doktrin, aber praktisch bereits tot.

Variante A des Ein-Staats-Modells: Der jüdische Einheitsstaat. Israel annektiert das Westjordanland vollständig. Die palästinensische Bevölkerung bekommt entweder volles Wahlrecht – dann ist Israel in ein paar Jahrzehnten kein jüdischer Staat mehr – oder kein volles Wahlrecht – dann ist Israel eine Apartheid. Das ist die Position der radikalen israelischen Rechten (Ben-Gvir, Smotrich), meist ohne die demographische Konsequenz offen auszusprechen.

Variante B: Der binationale Staat. Ein demokratischer Staat für alle Bürger, jüdisch und arabisch, vom Jordan bis zum Meer. In einem solchen Staat würde die jüdische Bevölkerung zur Minderheit. Israel als jüdischer Staat würde aufhören zu existieren – für die meisten Israelis keine akzeptable Option.

Die „Keine Lösung“-Position: Es gibt derzeit keine Lösung. Die Positionen sind zu weit auseinander, das Misstrauen zu tief. Man verwaltet den Konflikt, ohne ihn zu lösen. Das ist im Wesentlichen die israelische Politik der letzten dreißig Jahre.


12. Der Weg nach Oslo#

Golfkrieg und Madrid: Die diplomatische Brücke#

Der unmittelbare diplomatische Weg nach Oslo führte über zwei Ereignisse von 1990/91. Im Golfkrieg feuerte der Irak Scud-Raketen auf Israel, das auf amerikanischen Druck nicht zurückschlug – eine bemerkenswerte Selbstbeschränkung, die die internationale Anti-Irak-Koalition zusammenhielt. Arafat hatte sich mit Saddam Hussein solidarisiert, was die PLO international isolierte und finanziell schwächte. Nach dem Krieg nutzte die Regierung Bush das gewonnene Prestige für die Madrid-Konferenz 1991 unter Vermittlung von Baker – die erste direkte Verhandlungsrunde zwischen Israel und seinen arabischen Nachbarn samt einer palästinensischen Delegation. Madrid blieb ergebnislos, schuf aber den Rahmen, in dem Oslo gedeihen konnte.

Rabin 1992: Ein letzter Versuch#

Die Wahlen von Juni 1992 brachten Yitzhak Rabin und die Arbeitspartei zurück an die Macht. Rabin war kein Idealist – er war Militär, nüchtern, kompromisslos, und hatte als Verteidigungsminister „Knochenbrechung“ angeordnet. Aber er hatte die Schlussfolgerung gezogen, die die Intifada nahelegte: Die Besatzung ist auf Dauer weder militärisch beherrschbar noch politisch tragbar.

Die geheimen Verhandlungen in Oslo#

Während die offiziellen Madrid-Verhandlungen in Washington stagnierten, begannen im Januar 1993 in Oslo geheime Gespräche zwischen israelischen Unterhändlern und PLO-Vertretern – zunächst inoffiziell über akademische Kanäle, dann mit stiller Billigung Rabins. Die norwegische Regierung stellte diskrete Gastfreundschaft zur Verfügung.

Das Grundprinzip: gegenseitige Anerkennung und schrittweise Übergabe von Autonomie an eine palästinensische Behörde, als Zwischenschritt zu einem endgültigen Statusabkommen. Die schwierigen Fragen – Grenzen, Jerusalem, Flüchtlinge, Siedlungen – wurden auf spätere Verhandlungen vertagt.

Das war der entscheidende Konstruktionsfehler von Oslo – und er war doppelter Natur. Erstens wurden die härtesten Fragen nicht gelöst, sondern aufgeschoben. Zweitens, und tiefer: Beide Seiten verstanden unter „Oslo“ etwas Verschiedenes. Für Israel war es primär ein Sicherheitsabkommen – Autonomie als Testphase, in der die PLO ihre Verlässlichkeit beweisen musste, bevor über Politik geredet wurde. Für die PLO war es ein politischer Durchbruch – die implizite Anerkennung der Grenzen von 1967 als Basis eines künftigen Staates. Diese asymmetrische Interpretation programmierte die spätere Enttäuschung: Beide Seiten konnten sich am Ende betrogen fühlen, weil sie nie dasselbe vereinbart hatten.

Der Händedruck auf dem Rasen#

Am 13. September 1993 standen Yitzhak Rabin und Yasser Arafat auf dem Rasen des Weißen Hauses. Rabin zögerte sichtbar – der Soldat, der jahrzehntelang gegen die PLO gekämpft hatte, sollte jetzt deren Führer die Hand schütteln. Arafat streckte die Hand aus. Rabin schüttelte sie. Clinton breitete die Arme aus.

Das Bild ging um die Welt. In Israel und weltweit herrschte für einen Moment echte Hoffnung.

Rabin formulierte seine Haltung nüchtern, ohne Euphorie: Er glaube nicht daran, dass Arafat ein zuverlässiger Partner sei. Aber es gebe keinen anderen. Man verhandele nicht mit Freunden, sondern mit Feinden.

Zwei Jahre später, am 4. November 1995, wurde Rabin von einem jüdischen Nationalisten auf einer Friedenskundgebung in Tel Aviv ermordet.


Schluss: Der Triumph und seine Kosten#

Die Jahre von 1967 bis Oslo sind eine Geschichte verpasster Möglichkeiten und selbst geschaffener Fallen. Israel hatte 1967 eine militärische Stärke erreicht, die ihm Optionen gab, die ihm kein arabischer Staat streitig machen konnte. Es nutzte diese Stärke, um Fakten zu schaffen – Siedlungen, Infrastruktur, Präsenz –, die eine politische Lösung erschwerten, statt sie voranzutreiben.

Der Yom-Kippur-Krieg war ein Schock, der hätte lehren können: militärische Stärke allein ist keine Sicherheitspolitik. Camp David zeigte, dass Frieden mit Ägypten möglich war – und damit theoretisch auch mit anderen. Aber die Lehre wurde nicht systematisch gezogen. Stattdessen wuchs die Siedlungsbewegung, vertieften sich die ideologischen Gräben, entstand Hamas als neuer Akteur.

Oslo war der Versuch, aufzuholen, was in zwei Jahrzehnten versäumt worden war. Ob es ein echter Durchbruch oder ein letztes Aufflackern der Hoffnung war, entschied die Zeit danach. Was danach kam, ist das Thema des nächsten Kapitels.


Quellen und Vertiefung: [Shlaim, 2000]; [Morris, 1999]; [Ross, 2004]; [Beilin, 1999]; [Gorenberg, 2006]; [Maoz, 2006]; [Seale, 1988].