David und Goliath – Israel zwischen Gründung und Sechstagekrieg (1948–1967)#
In den ersten zwei Jahrzehnten seiner Existenz genoss Israel im Westen ein Maß an Sympathie, das heute kaum noch vorstellbar ist. Das lag an der Erzählung: Ein Volk, das die schlimmste Verfolgung der modernen Geschichte überlebt hatte, hatte sich einen Staat erkämpft. Ein Volk, das Sümpfe trockenlegte und Wüsten bebaute. Eine kleine Demokratie gegen eine arabische Übermacht. David gegen Goliath.
Diese Erzählung war nicht falsch – aber sie war unvollständig. Dasselbe Israel, das von der Welt bewundert wurde, behandelte seine arabische Minderheit als Bürger zweiter Klasse, marginalisierte die orientalischen Einwanderer, die es aufnahm, und sprach über die Palästinenser, die es vertrieben hatte, kaum.
Dieses Kapitel erzählt beides: die Aufbauleistung der Gründungsphase und die Widersprüche, die ihr zugrunde lagen. Es endet 1967 mit dem Sechstagekrieg – dem letzten Moment weitgehend ungebrochener westlicher Sympathie und dem Beginn einer grundlegend anderen Phase.
1. Der Unabhängigkeitskrieg (1948–1949)#
Wenige Stunden nach Ben-Gurions Unabhängigkeitserklärung am 14. Mai 1948 erkannte Truman Israel an; in der Nacht zum 15. Mai griffen die Armeen Ägyptens, Jordaniens, Syriens, des Irak und des Libanon an, unterstützt von kleineren Kontingenten und den schon zuvor aktiven Irregulären der Arabischen Befreiungsarmee.
Das Ergebnis überraschte die Welt. Israel überlebte nicht nur, sondern kontrollierte am Waffenstillstand 78 Prozent des Mandatsgebiets statt der 56 Prozent, die der UN-Teilungsplan vorgesehen hatte. Die arabische Koalition war militärisch schwächer als sie wirkte: schlecht koordiniert, politisch zerstritten, ohne gemeinsames Kommando. Jordanien verfolgte eigene Ziele – die Annexion des Westjordanlands – und kämpfte nicht ernsthaft für einen palästinensischen Staat. Die israelischen Streitkräfte dagegen hatten nach zwanzig Jahren institutionellen Aufbaus eine de-facto-Armee, die schnell zur regulären Israel Defense Forces (IDF) umgebaut wurde. Nach der ersten UN-Waffenruhe im Juni/Juli 1948 war Israel den arabischen Armeen personell und materiell überlegen – Waffenlieferungen aus der Tschechoslowakei hatten die Lage grundlegend verändert. Das entmystifiziert das „Wunder“ des israelischen Sieges, ohne die Leistung zu schmälern.
Jordanien behielt das Westjordanland und Ostjerusalem einschließlich der Altstadt und der Klagemauer – jüdische Israelis hatten bis 1967 keinen Zugang zu ihr – und annektierte diese Gebiete 1950 formal, ein Schritt, der international fast universell abgelehnt und nur von Großbritannien de facto anerkannt wurde. Die Souveränität über Ostjerusalem erkannte praktisch niemand an. Ägypten behielt den Gazastreifen. Ein palästinensischer Staat entstand nicht. Die Waffenstillstandslinien von 1949 wurden zur Grünen Linie – de-facto-Grenze bis 1967, international nicht als Staatsgrenze anerkannt.
2. Die Masseneinwanderung und ihre sozialen Verwerfungen#
Zahlen und Logistik#
Die erste Dekade war geprägt von einer Einwanderungswelle, die jeden Planungshorizont sprengte. Zwischen 1948 und 1951 verdoppelte sich die jüdische Bevölkerung – von 650.000 auf 1,3 Millionen. Es kamen Holocaust-Überlebende aus Europa und Juden aus arabischen Ländern. Die Aufnahme dieser Massen unter Kriegsbedingungen und mit einer Wirtschaft im Aufbau war eine enorme logistische Herausforderung.
Die Einwanderer wurden in provisorischen Lagern untergebracht – Ma’abarot, zunächst Zeltlager, dann Wellblechhütten, die manchmal jahrelang Bestand hatten. Von 1949 bis 1959 galt die Tzena – ein striktes Rationierungssystem für Grundnahrungsmittel. Brot, Öl, Zucker, Fleisch – alles zugeteilt. Die Entbehrung wurde von vielen als kollektive Prüfung erlebt. Dass nicht alle diese Prüfung unter denselben Bedingungen erlebten, war eine der stillen Spaltungen der frühen Jahre.
Die Mizrachim – die vergessene Flüchtlingswelle#
Zwischen 1948 und den frühen 1970er Jahren verließen schätzungsweise 650.000 bis 850.000 Juden ihre Heimat in arabischen und weiteren muslimischen Ländern – aus Irak, Jemen, Marokko, Ägypten, Libyen, Tunesien, Syrien und dem Iran. (Die genauen Zahlen sind umstritten; die Untergrenze gilt vielen als plausibler.) Diese Mizrachim (hebräisch: „Östliche“) sind im westlichen Bewusstsein weitaus weniger präsent als die palästinensischen Flüchtlinge der Nakba – obwohl ihre Größenordnung vergleichbar ist.
Was geschah: Nach 1948 verschlechterte sich die Lage der Juden in arabischen Ländern drastisch. In Irak wurden Juden auf Grundlage des Denaturalisierungsgesetzes von 1950 enteignet und des Landes verwiesen; die uralte jüdische Gemeinschaft Bagdads – seit babylonischer Zeit vorhanden – wanderte fast vollständig aus. In Jemen wurde die gesamte jüdische Bevölkerung in einer spektakulären Luftbrücke (Operation Zauberteppich, 1949/50) nach Israel gebracht. In Marokko, Tunesien und Libyen kam es zu Pogromen und staatlicher Diskriminierung. In Ägypten wurden Juden nach der Suez-Krise 1956 systematisch enteignet und ausgewiesen. In Libyen wurden nach dem Sechstagekrieg 1967 die letzten verbliebenen Juden vertrieben.
Die Ursachen waren komplex: arabischer Nationalismus, der Israel-Konflikt, der Aufstieg des Nassertums, religiöser Fanatismus in manchen Ländern. Es gibt umstrittene Thesen, wonach in Einzelfällen zionistische Untergrundnetzwerke (etwa im Irak 1950/51) die Instabilität verschärft und die Auswanderung beschleunigt hätten; der Forschungsstand ist nicht abschließend. Die treibende Kraft war jedoch staatliche Repression – von Enteignungen bis zu Pogromen. Das Bild ist nicht einheitlich: In Marokko etwa schützte König Mohammed V. die jüdische Bevölkerung persönlich; die Auswanderung dort war weniger erzwungen als die im Irak.
Der Unterschied zur palästinensischen Nakba: Beide Bevölkerungsbewegungen hatten ähnliche Dimensionen. Die jüdische Flucht aus arabischen Ländern wird von vielen als „stille Vertreibung“ bezeichnet – um den Grad des Zwangs zu verdeutlichen, der hinter der scheinbar freiwilligen Emigration stand. Viele Mizrachim betrachten ihre Geschichte als eine Form der Entwurzelung, die in der offiziellen israelischen Geschichtsschreibung lange hinter dem aschkenasischen Pionier-Narrativ zurückstehen musste.
Der entscheidende praktische Unterschied zur Nakba: Die Mizrachim wurden von Israel aufgenommen, erhielten die Staatsbürgerschaft und wurden – schwierig, langsam, unvollständig – integriert; eine Entschädigung für ihr in den Herkunftsländern verlorenes Eigentum erhielten sie nicht. Die palästinensischen Flüchtlinge wurden in den meisten Aufnahmeländern weder eingebürgert noch integriert (→ Kapitel 9). Auch die juristische Lage war asymmetrisch: Für die palästinensischen Flüchtlinge formulierte UN-Resolution 194 ein Rückkehrrecht, das Israel ablehnte; für die Mizrachim gab es kein äquivalentes Recht auf Rückkehr – ihre Auswanderung war de facto irreversibel, selbst in Ländern wie Marokko, die sie nicht aktiv vertrieben.
Manche israelische Politiker und Historiker argumentieren, es habe faktisch ein Bevölkerungsaustausch stattgefunden: Juden aus arabischen Ländern nach Israel, Palästinenser aus Israel in arabische Länder. Dieser Austausch, so das Argument, neutralisiere die moralische Schuld beider Seiten. Das ist nicht nur historisch vereinfachend – die beiden Bewegungen waren nicht koordiniert und fanden unter grundlegend verschiedenen Umständen statt –, sondern ein Kategorienfehler: Hier wird individuelles Unrecht auf der Ebene konstruierter Kollektivsubjekte verrechnet. Den Palästinensern nützt es nichts, dass Juden aus Bagdad Wohnungen in Israel bekamen; den Juden aus Bagdad nützt es nichts, dass Palästinenser ihr Land verloren.
Die aschkenasische Hierarchie und ihre Konsequenzen#
Die Mizrachim kamen nicht in ein gleiches Land. Sie kamen in ein Land, das von der aschkenasischen Elite der zweiten und dritten Aliya dominiert wurde – europäisch geprägt, sozialistisch, säkular, und mit einer tiefsitzenden kulturellen Überzeugung ihrer eigenen Überlegenheit gegenüber den „östlichen“ Juden.
Die Diskriminierung war weniger ein staatlich geplanter Rassismus als ein struktureller Paternalismus, getrieben von europäisch-kolonialen Denkmustern der aschkenasischen Elite und akutem Ressourcenmangel – aber in der Wirkung tiefgreifend:
Ein irakischer Jude, der in Bagdad Arzt oder Anwalt gewesen war, fand sich in einer Ma’abara wieder, verwaltet von Bürokraten, die ihn als kulturell rückständig betrachteten. Kinder mizrachischer Einwanderer wurden in schlechtere Schulen gesteckt. Familien wurden in Entwicklungsstädte an der Peripherie umgesiedelt – Sderot, Dimona, Kiryat Shmona, Ofakim – während die aschkenasische Elite Tel Aviv und die Küstenebene bewohnte. Diese geografische Segregation wirkt bis heute nach: Die Peripherie Israels ist überwiegend mizrachisch und wirtschaftlich schwächer; das Zentrum überwiegend aschkenasisch und wohlhabend.
Die Integration folgte einem assimilationistischen Modell. Mizrachische Musik, Küche und Sprachen galten als minderwertig. Kinder wurden angehalten, Arabisch zu vergessen – die Sprache, die ihre Eltern gesprochen hatten, war die Sprache des Feindes. Religiöse Traditionen wurden als „primitiv“ behandelt. Eine ganze Generation wuchs in einem Land auf, das sie brauchte, aber in ein hierarchisches Modell zwang.
Die politischen Konsequenzen zeigten sich schrittweise und kulminierten 1977: Die Mizrachim wählten en masse den Likud – nicht aus programmatischer Überzeugung, sondern aus dem Ressentiment gegen das aschkenasische Establishment der Arbeitspartei. Dieser Riss prägt die israelische Innenpolitik bis heute: Die Arbeiterpartei, die soziale Gerechtigkeit versprach, wurde von den wirtschaftlich Schwächsten verlassen – weil soziale Gerechtigkeit für sie bedeutet hatte, herablassend verwaltet zu werden.
3. Das Luxemburger Abkommen 1952#
Ben-Gurion verhandelte gegen massiven innenpolitischen Widerstand das Wiedergutmachungsabkommen mit der Bundesrepublik. Menachem Begin sprach im Parlament von „Blutgeld“ und warf Ben-Gurion vor, die Ehre der Ermordeten zu verkaufen. Demonstranten stürmten die Knesset; die Polizei setzte Tränengas ein. Israel stand in jenen Tagen am Rand eines Bürgerkriegs. Ben-Gurion ließ abstimmen und setzte das Abkommen durch.
Die Ergebnisse: 3 Milliarden DM über zwölf Jahre, zusätzlich 450 Millionen DM an die Jewish Claims Conference – als Sachleistungen: Schiffe, Stahlwerke, Lokomotiven, Maschinen. Das baute industrielle Kapazität auf, die Israel aus eigener Kraft nicht hätte finanzieren können. Für die deutsch-israelischen Beziehungen begründete es eine Sonderbeziehung, die strukturell bis heute besteht.
4. Die Suez-Krise 1956#
Gamal Abdel Nasser verstaatlichte im Juli 1956 den Suezkanal. Gleichzeitig blockierte Ägypten israelische Schiffe und unterstützte palästinensische Fedajin-Angriffe auf israelisches Territorium.
Im geheimen Protokoll von Sèvres koordinierten Israel, England und Frankreich einen Angriff. Israel schlug am 29. Oktober 1956 militärisch ein, besetzte binnen weniger Tage die gesamte Sinaihalbinsel und erreichte den Suezkanal. Militärisch war das ein klarer Erfolg – um den Preis von 189 israelischen Gefallenen.
Politisch wurde es ein schwerer Rückschlag. Eisenhower, nicht informiert und außer sich, zwang alle drei Länder durch massiven wirtschaftlichen Druck zum Rückzug, bevor Israel den Kanal dauerhaft kontrollieren konnte. Israel zog die Konsequenz: Die Kosten eines Alleingangs ohne wenigstens amerikanische Duldung sind hoch; Suez wurde zum warnenden Präzedenzfall, und die Bindung an Washington zur strategischen Priorität.
Für Nasser war Suez politisch ein Triumph – er wurde zum Helden der arabischen Welt, obwohl er militärisch verloren hatte.
5. Wirtschaftlicher Aufbau und die Entstehung einer Gesellschaft#
Vom Mangel zum bescheidenen Wohlstand#
Die Wirtschaftspolitik folgte einem staatssozialistischen Modell: Die Histadrut kontrollierte einen erheblichen Teil der Industrie (etwa über die Baufirma Solel Boneh), Kibbuzim dominierten die Landwirtschaft. Erst nach 1967 setzte eine schrittweise Liberalisierung ein.
Die Tzena endete 1959. Danach begann eine Phase moderaten Wachstums. Die Wiedergutmachungszahlungen flossen, die Einwanderung stabilisierte sich, die Wirtschaft diversifizierte sich: Textil, Lebensmittelverarbeitung, Chemie, erste Rüstungsindustrie. Die Landwirtschaft expandierte durch Tröpfchenbewässerung – eine israelische Erfindung, die weltweit exportiert wurde.
Der Nationale Wasserträger (1964) – ein großes Infrastrukturprojekt, das Wasser vom See Genezareth in den Negev leitete – symbolisierte den Aufbauwillen und schuf gleichzeitig neuen Konfliktstoff: Syrien begann 1964 mit dem Bau eines Kanals zur Umleitung des Banias, eines Jordan-Zuflusses, was 1965 zu israelischen Militärschlägen führte.
1965/66 gab es eine scharfe Rezession – Inflation, steigende Arbeitslosigkeit, erste nennenswerte Auswanderung. Sie endete mit dem Sechstagekrieg und dem folgenden Wirtschaftsboom.
Der Eichmann-Prozess 1961#
Adolf Eichmann, einer der Hauptorganisatoren der Deportationen, war nach Argentinien geflohen. Der Mossad entführte ihn 1960 aus Buenos Aires – eine spektakuläre, völkerrechtlich fragwürdige Operation. In Jerusalem wurde er vor Gericht gestellt, verurteilt und 1962 hingerichtet – die einzige Todesstrafe in der Geschichte des israelischen Zivilrechts.
Der Prozess hatte eine Bedeutung weit über das Juristische hinaus. Die israelische Gesellschaft hatte die Überlebenden anfangs mit einer Mischung aus Mitgefühl und unterschwelligem Unbehagen behandelt – die Sabra-Kultur stand in implizitem Gegensatz zum Bild des verfolgten Diaspora-Juden. Das Schweigen betraf vor allem die öffentliche Rhetorik, weniger das kollektive Gedächtnis (Yad Vashem wurde bereits 1953 gegründet). Der Eichmann-Prozess brach dieses Schweigen auf: Zum ersten Mal legten Überlebende in großer Zahl öffentlich Zeugnis ab, auf Hebräisch, vor einem israelischen Gericht. Der Holocaust rückte von einem verdrängten Hintergrund in den Mittelpunkt des öffentlichen israelischen Selbstverständnisses.
Hannah Arendts Berichterstattung für den New Yorker – Eichmann in Jerusalem – mit ihrer These von der „Banalität des Bösen“ löste eine Kontroverse aus, die bis heute andauert.
6. Das Parteiensystem#
Ein System ohne Mehrheiten#
Israel hatte von Anfang an Verhältniswahlrecht mit einer extrem niedrigen Sperrklausel (anfangs 1 %) – fast jede Minderheit, die sich organisierte, zog ins Parlament. Das erzeugte chronische Vielparteierei und zwang zu Koalitionen. Kleine Parteien hatten enormen Hebel. Das ist strukturell bis heute so.
Mapai – die dominierende Kraft der Gründungsperiode – war sozialdemokratisch, säkular, aschkenasisch dominiert, und kontrollierte gleichzeitig Histadrut, Jewish Agency, Militär und Kibbuz-Bewegung. Es war eine Art sanfter Einparteienstaat: demokratisch in Form, hegemonial in der Praxis. 1968 fusionierte Mapai zur Israelischen Arbeitspartei, die bis 1977 regierte.
Herut unter Menachem Begin war die permanente Opposition – nationalistisch, antikommunistisch, die Nachfolgerin der Irgun. Begin und Ben-Gurion hassten sich mit einer Intensität, die fast persönlich wirkte. Herut zog wachsende mizrachische Unterstützung auf sich, die politisch ab den späten 1960ern wirksam wurde und 1977 kulminierte – ohne Regierungschance bis dahin.
Die religiösen Parteien – Mafdal (religiöser Zionismus) und Agudat Yisrael (ultra-orthodox) – saßen meist in Koalitionen und verwalteten ihre Kerninteressen: das Rabbinatsgerichtssystem, religiöse Schulen, Militärbefreiung für Jeschiwa-Studenten. Der informelle Kompromiss von 1947, den Ben-Gurion mit der religiösen Gemeinschaft schloss, war sein pragmatisches Meisterwerk und sein historisch folgenreichstes Versäumnis: Er schrieb Privilegien fest, die sich verselbständigten.
Arabische Bürger im jüdischen Staat#
Etwa 160.000 Araber blieben 1948 in Israel und wurden israelische Staatsbürger mit formalem Wahlrecht. In der Praxis lebten sie bis 1966 unter Militärverwaltung: Reisegenehmigungen, Ausgangssperren, eingeschränkte Versammlungsfreiheit. Land wurde systematisch durch das Abwesenheitseigentumsgesetz enteignet. Die Histadrut öffnete sich erst gegen Ende der 1950er Jahre voll für arabische Mitglieder.
Im Dezember 1966 – nur sechs Monate vor dem Sechstagekrieg – hob Premierminister Eshkol die Militärverwaltung auf. Die Gründe waren mehrschichtig: internationaler Druck, der Protest arabischer und kommunistischer Gruppen sowie die zunehmende wirtschaftliche Einbindung arabischer Bürger, etwa in der Bauindustrie. Die arabischen Bürger hatten kaum Zeit, diese neu gewonnene Freiheit zu leben, bevor die israelische Besatzung des Westjordanlands und Gazas die politische Dynamik wieder grundlegend veränderte.
7. Das Verhältnis zu den USA#
Trumans Anerkennung Israels 1948 kam gegen den Rat fast aller außenpolitischen Berater. Außenminister George Marshall befürchtete vor allem den Verlust des Zugangs zu arabischem Öl und drohte, nicht für Truman zu stimmen, sollte dieser Israel anerkennen. Truman entschied sich trotzdem – aus einem Gemisch von moralischem Impuls nach dem Holocaust, innenpolitischem Kalkül und persönlicher Überzeugung. Zunächst handelte es sich um eine de facto-Anerkennung; die formelle de jure-Anerkennung folgte erst im Januar 1949.
Aber Anerkennung ist nicht Allianz. Unter Eisenhower behandelten die USA Israel kühl: kein Beistandsvertrag, keine direkten Waffenlieferungen, harter Druck zum Rückzug nach Suez 1956. Unter Kennedy erste direkte Waffenlieferungen (Hawk-Luftabwehrraketen, 1962) – und gleichzeitig intensiver Druck wegen des Nuklearprogramms in Dimona, dessen Reaktor auf einem 1960 mit Frankreich geschlossenen Geheimvertrag beruhte. Kennedy bestand auf Inspektionen; Ben-Gurion hielt hin; das Programm lief weiter.
Unter Johnson vertiefte sich die Allianz grundlegend. Seit den sowjetischen Waffenlieferungen an Ägypten und Syrien (ab 1955) prägte ein Gleichgewichtsdenken zunehmend die US-Politik: Was die Sowjets arabischen Staaten lieferten, sollte durch amerikanische Lieferungen an Israel ausgeglichen werden. Kurz vor dem Sechstagekrieg signalisierte Johnson, einem israelischen Erstschlag nicht aktiv entgegenzutreten. Seine Formel war: „Israel will not be alone unless it decides to go alone“ – kein formales grünes Licht, aber ein deutliches Signal, dass die USA die Konsequenzen mittragen würden.
Der Bogen von 1948 bis 1967 ist der Bogen von einer moralisch motivierten Anerkennung zu einer strategisch begründeten Partnerschaft – getragen durch den Kalten Krieg, pro-israelische Netzwerke und die Kongressunterstützung in den USA sowie den konkreten nachrichtendienstlichen Wert Israels (in israelische Hände gelangte sowjetische Technologie, etwa die MiG-21 durch einen irakischen Überläufer 1966, Geheimdienstinformationen).
8. Leben in Israel: Gesellschaft, Kultur, Sprache#
Aufbruchsstimmung – für wen?#
Die Aufbruchsstimmung dieser Jahre war real – aber sie galt nicht für alle gleich. Für die Gründergeneration, die Kibbuzniki, die aschkenasische Elite war es eine Zeit der Erfüllung. Für die Mizrachim war es eine Zeit der Demütigung im versprochenen Land. Für die arabischen Bürger war es eine Zeit der Militärverwaltung. Für die Holocaust-Überlebenden war es eine Zeit, in der man ihnen empfahl zu schweigen.
Die Sabra-Kultur – der neue, starke, selbstbewusste Israeli – war als Gegenentwurf zum diasporischen Juden konzipiert. Die Frage „Warum habt ihr euch nicht gewehrt?“ gegenüber Überlebenden war nicht Grausamkeit aus Böswilligkeit, sondern Ausdruck einer kulturellen Ideologie, die Stärke fetischisierte und Schwäche verachtete. Der Eichmann-Prozess 1961 brach diesen Rahmen auf.
Kulturleben#
Die Palmach-Generation – Schriftsteller wie S. Yizhar und Hanoch Bartov – schrieb auf Hebräisch über den Unabhängigkeitskrieg und die neue Identität. Amos Oz und A.B. Yehoshua begannen in den frühen 1960ern zu schreiben – sie wurden zu den großen Stimmen israelischer Ambivalenz, kritisch gegenüber den Mythen der Gründergeneration und trotzdem zutiefst israelisch.
Die Musik – Shir Eretz Yisrael, Lieder des Landes Israel – war melancholisch-lyrisch, stark von russischer Volksmusik beeinflusst. Archäologie war Nationalsport – Ausgrabungen zogen Freiwillige in Massen an. Yigael Yadin, Militärchef und Archäologe, wurde zum Nationalidol.
Die Sprache: Auferstehung des Hebräischen#
Was mit dem Hebräischen geschah, ist in der dokumentierten Sprachgeschichte einmalig. Eine Sprache, die jahrhundertelang nur als Schrift- und Liturgiesprache existiert hatte, wurde innerhalb weniger Generationen zur Alltagssprache von Millionen.
Eliezer Ben-Yehuda (1858–1922) war der Motor: Er sprach zuhause nur Hebräisch, sein Sohn Ben-Zion wurde das erste Kind seit über tausend Jahren, das Hebräisch als Muttersprache erwarb. Ben-Yehuda erfand fehlende Wörter durch Rückgriff auf hebräische und aramäische Wurzeln: iton (Zeitung), milon (Wörterbuch), magevet (Handtuch). Hunderte solcher Neuschöpfungen, systematisch nach dem dreibuchstabigen Wurzelsystem der semitischen Sprachen gebildet – einer fast mathematischen Regelmäßigkeit, die neue Wörter nach alten Mustern generiert.
Die Aussprache des modernen Hebräisch ist nicht authentisch antik, sondern ein Kompromiss: sephardische Grundlage, ein weithin – wenn auch regional und sozial variabel – verbreitetes uvulares R (vom jiddischen und deutschen Einfluss), kollabierte Konsonantenunterscheidungen des klassischen Hebräisch. Eine neue Sprache auf antikem Fundament.
Die Durchsetzung des Hebräischen war massiv umstritten – und nicht nur ein linguistisches, sondern auch ein kulturelles Machtprojekt. Jiddisch – die Muttersprache der osteuropäischen Mehrheit – hatte starke Argumente für sich: lebende Sprache, reiche Literatur, sofort einsetzbar. Die Zionisten lehnten es ab als Sprache der Diaspora und der Unterwerfung – ein „Diaspora-Relikt“, ähnlich wie die arabisch-jüdischen Traditionen der Mizrachim später als rückständig abgewertet wurden. Der Sprachenkrieg von 1913 – als das Technion in Haifa auf Deutsch unterrichten wollte und die hebräische Lehrerschaft streikte – war der entscheidende Moment. Das Hebräische gewann.
Die erste Generation echter Muttersprachler entstand um 1900–1910 und war um 1930 erwachsen: etwa 40 bis 50 Jahre vom Beginn des Projekts bis zur sprachlichen Normalität. Mit der Staatsgründung 1948 wurde Hebräisch Amtssprache; der Ulpan – intensive Sprachkurse für Einwanderer – wurde zum weltweit kopierten Modell.
9. Die Eskalation zum Sechstagekrieg#
Im Mai 1967 eskalierte die Lage in wenigen Wochen: Nasser forderte den Abzug der UN-Beobachter vom Sinai; UN-Generalsekretär U Thant gab nach. Nasser schloss die Straße von Tiran für israelische Schiffe – nach israelischer Doktrin ein casus belli. Ägypten, Syrien und Jordanien schlossen Militärpakte. Arabische Staatschefs übertrafen sich in Vernichtungsrhetorik. In den Wochen zuvor erfasste eine existenzielle Angst – die Israelis nennen diese Zeit HaMtana, die Wartezeit – die gesamte Gesellschaft; in Tel Aviv ließ die Regierung Parkflächen für Massengräber ausheben.
Am 5. Juni 1967 schlug Israel zuerst zu. Obwohl es ein israelischer Erstschlag war, wird er von den meisten Historikern aufgrund der vorangegangenen ägyptischen Blockade der Straße von Tiran und der massiven Truppenaufmärsche an Israels Grenzen als Präventivschlag gewertet, nicht als Aggression. Ein präventiver Luftschlag zerstörte die ägyptische Luftwaffe innerhalb weniger Stunden am Boden. In sechs Tagen besiegte Israel Ägypten, Jordanien und Syrien gleichzeitig und vervierfachte sein kontrolliertes Territorium: Westjordanland, Gazastreifen, Sinai, Golanhöhen.
Große Teile des Westens applaudierten. Was niemand ganz absah: Mit dem Sieg begann die längste und folgenreichste Krise der israelischen Geschichte – die Besatzung. Und aus David wurde, langsam und unter vielen Widersprüchen, Goliath.
Schluss: Das Israel der Gründungsphase#
Das Israel der Jahre 1948 bis 1967 war eine Gesellschaft im Widerspruch: arm und voller Energie, demokratisch und diskriminierend, von kollektivem Aufbauwillen beseelt und von inneren Hierarchien durchzogen.
Was in diesen zwei Jahrzehnten entstand, war beachtlich: ein Staat, eine Wirtschaft und eine Alltagssprache, jeweils praktisch aus dem Nichts geschaffen. Aus einer Gemeinschaft, die keine Alternative mehr sah und – darin liegt der Widerspruch – auf Kosten einer anderen Gemeinschaft aufbaute, die ebenfalls keine Alternative mehr hatte.
Das Narrativ des schwachen David traf auf eine komplexere Realität: einen Staat, der zugleich Unterdrückter und Unterdrücker war. Die westliche Sympathie dieser Jahre hatte einen realen Gegenstand. Aber sie ruhte auf einer unvollständigen Geschichte: Der Staat Israel der Gründungsphase war nicht nur David – er war auch der Staat, der 700.000 Palästinenser nicht zurückkehren ließ (während arabische Aufnahmestaaten wie Libanon und Syrien deren Einbürgerung aus Furcht vor demografischer Destabilisierung ablehnten), der zwischen 650.000 und 850.000 Mizrachim aufnahm und in ein paternalistisches Integrationsmodell zwang, und der 160.000 arabische Bürger unter Militärverwaltung hielt.
Der Sechstagekrieg 1967 veränderte alles. Was das bedeutete und wie es geschah, ist das Thema des nächsten Kapitels.
Quellen und Vertiefung: [Segev, 1986]; [Shapira, 2012]; [Morris, 2008]; [Shohat, 1988] (Mizrachim und aschkenasische Dominanz); [Shenhav, 2006]; [Lustick, 1980]; [Shlaim, 2000]; [Ben-Zvi, 1998]; [Rejwan, 1998].