I. Ursprünge#
Dieses Kapitel geht zurück bis zu den Ursprüngen des jüdischen Volkes in der späten Bronzezeit. Das Problem: Wir wissen viel weniger, als allgemein angenommen wird.
Die Hebräische Bibel – das Alte Testament – ist das zentrale Quellenwerk. Aber sie ist primär Theologie und Literatur, erst sekundär Geschichte. Sie wurde nicht von Chronisten geschrieben, die Ereignisse zeitgenössisch festhielten, sondern von Priestern, Propheten und Schreibern, die theologische Botschaften vermitteln, religiöse Identität stiften und das Verhältnis zwischen Gott und seinem Volk deuten wollten. Das macht sie zu einem außerordentlichen Dokument der Geistesgeschichte, aber zu einer komplizierten historischen Quelle. Man sollte hinzufügen: Auch die Archäologie liefert keine reinen Fakten, sondern interpretierte Befunde – Finkelsteins Chronologie-Debatten zeigen das deutlich. Die Bibel dokumentiert kulturelle Erinnerung; sie ist nicht weniger real als Keramik, nur anders. Die Exodus-Erzählung mag historisch überhöht sein, aber sie prägte die jüdische Identität wirksamer als jede archäologische Stätte.
In den letzten fünfzig Jahren hat die Biblische Archäologie erhebliche Fortschritte gemacht und dabei manche biblische Erzählung bestätigt, andere relativiert, einige als unhistorisch erwiesen. Die wichtigsten Ergebnisse:
Die Erzvätergeschichten (Abraham, Isaak, Jakob) sind historisch nicht belegbar. Das bedeutet nicht, dass es keine historischen Kerne gibt – aber als zeitgenössische Dokumente sind sie nicht zu lesen.
Ein Exodus in der biblischen Dimension (600.000 Männer plus Familien) ist archäologisch nicht nachweisbar und wird von den meisten Historikern heute als unhistorisch betrachtet. Ein kleinerer Kern – eine Gruppe, die aus Ägypten kam und die Wüstenerfahrung als prägende Erinnerung mitbrachte – ist möglich.
David und Salomo existierten wahrscheinlich, sind aber durch außerbiblische Quellen kaum belegt. David wird in der Tel-Dan-Stele (9. Jh. BCE) als Dynastiegründer erwähnt – der erste außerbiblische Beleg. Jerusalem war zur Zeit Davids eine kleine Siedlung, kein Imperium.
Ab etwa 800 BCE wird die Geschichte durch assyrische, babylonische und ägyptische Quellen zunehmend belegbar.
Ab dem Babylonischen Exil (586 BCE) ist die Geschichte gut dokumentiert.
Dieses Kapitel unterscheidet zwischen dem, was historisch belegt ist, dem, was wahrscheinlich ist, und dem, was religiöse Überlieferung ohne historischen Beleg ist. Verweise auf die Bibel sind willkommen – als Zeugnis dessen, was das jüdische Volk von sich selbst glaubte und erzählte, was mindestens so wichtig ist wie die bloße Faktizität.
Noch ein Hinweis: Im kollektiven Gedächtnis erscheint die antike jüdische Geschichte oft als lange Phase der Normalität, unterbrochen von der babylonischen Katastrophe und der Tempelzerstörung 70 CE. Das ist ein Zerrbild. Von über tausend Jahren jüdischer Existenz im Land bis 135 CE war die Phase echter politischer Unabhängigkeit ausgesprochen kurz, im Grunde ein einziges Jahrhundert. Alles andere war Fremdherrschaft, Tribut, Exil, Aufstand, Verfolgung oder Katastrophe. Diese Proportionen sind wichtig, weil sie erklären, warum das Judentum eine so ausgeprägte Fähigkeit entwickelte, ohne Staat zu existieren: Es war den Ausnahmezustand längst gewohnt, als er ab 135 CE zur Dauerlage wurde.
1. Die Ursprünge: Wer waren die Hebräer?#
Der Kollaps der Bronzezeit#
Um 1200 BCE erschütterte ein Zusammenbruch die gesamte östliche Mittelmeerwelt: Das Hethiterreich verschwand, Ugarit wurde zerstört, die mykenischen Paläste kollabierten, Ägypten verlor seine Kontrolle über die Levante. Die Ursachen sind bis heute umstritten – Seevölker, Dürren, innere Erschütterungen, ein Zusammenwirken von allem. Wichtig ist die Folge: Das Machtvakuum, das dieser Kollaps hinterließ, schuf den Raum, in dem sich neue Gruppen bilden konnten – darunter jene, die später „Israel“ heißen sollten.
Kanaan in der Spätbronzezeit#
Vor diesem Kollaps war die östliche Mittelmeerküste – das heutige Israel, Palästina, Libanon, Teile Syriens – Teil einer hochkomplexen Welt. Ägypten dominierte die Küstenregion als Schutzmacht. Stadtstaaten wie Megiddo, Hazor und Gezer kontrollierten das Binnenland. Die Region war ethnisch und kulturell heterogen: Kanaaniter, Philister, Aramäer, Phönizier – Völker, die miteinander Handel trieben, kämpften und sich vermischten.
In diesem Kontext tauchen die Israeliten auf – aber nicht als scharf abgegrenzte ethnische Gruppe, sondern als Teil des kanaanäischen Milieus. Die Archäologie zeigt: Die frühen Israeliten waren kulturell kaum von ihren kanaanäischen Nachbarn zu unterscheiden. Ihre Keramik, ihre Häuser, ihre Bestattungsformen waren weitgehend identisch. Was sie allmählich unterschied, war zunächst weniger Ethnizität als religiöse Praxis: die Verehrung eines einzigen Gottes, Jhwh (YHWH), verbunden mit einem Verbot der Götterbilder.
Die Philister – die Erzfeinde#
Unter den Nachbarn Israels nehmen die Philister eine Sonderstellung ein – nicht nur historisch, sondern vor allem in der biblischen Erinnerung. Sie waren keine Semiten und keine Kanaaniter, sondern gehörten zu den „Seevölkern“, einer Gruppe von Wanderern und Eroberern, die um 1200 BCE den östlichen Mittelmeerraum erschütterten, möglicherweise aus der Ägäis oder Kleinasien stammend. Ägyptische Quellen (die Inschriften Ramses’ III. in Medinet Habu) berichten von ihren Angriffen; die Archäologie bestätigt ihre Herkunft durch Keramik mykenischen Typs, die sich deutlich von der kanaanäischen unterscheidet.
Die Philister siedelten an der südlichen Küstenebene und bildeten einen Bund von fünf Stadtstaaten (die Pentapolis: Gaza, Aschkelon, Aschdod, Ekron und Gat). Die Bibel führt ihre militärische Stärke auf die Beherrschung der Eisenverarbeitung zurück (1 Sam 13,19–22) – ein archäologisch fragliches Eisen-„Monopol“, das man als biblische Wahrnehmung kennzeichnen sollte, nicht als gesicherten Befund. Über Jahrhunderte waren sie die gefährlichsten Rivalen der Israeliten.
In der biblischen Erzählung sind die Philister der Erzfeind schlechthin: Simson kämpft und stirbt unter ihnen, der junge David besiegt ihren Riesen Goliath, König Saul fällt in der Schlacht gegen sie auf dem Gilboa. Erst David soll sie endgültig zurückgedrängt haben. Historisch verloren die Philister ihre eigenständige Identität spätestens mit den assyrischen und babylonischen Eroberungen; bis zur Zeitenwende waren sie als Volk längst verschwunden. Aber ihr Name blieb haften – an der Landschaft und in der Erinnerung. Als die Römer 135 CE ausgerechnet diesen Namen wählten, um Judäa zu bezeichnen (→ Abschnitt 13), griffen sie auf den ältesten und am stärksten besetzten Feindnamen der jüdischen Tradition zurück.
Die Merenptah-Stele – der erste Beleg#
Der älteste außerbiblische Beleg für die Existenz „Israels“ ist konkret datierbar: die Merenptah-Stele (auch „Israel-Stele“), eine ägyptische Siegesinschrift des Pharaos Merenptah aus ungefähr 1207 BCE. In der Liste der besiegten Völker taucht der Name „Israel“ auf.
Das ist historisch entscheidend: Um 1200 BCE gab es in Kanaan eine Gruppe, die man „Israel“ nannte – groß genug, um in einer ägyptischen Inschrift zu erscheinen. Das in der Ägyptologie zentrale Detail ist das Determinativ – ein Deutungszeichen, das einem Wort seine Kategorie zuweist. Bei „Israel“ steht das Personen-Determinativ (sitzender Mann, sitzende Frau, drei Pluralstriche), das eine soziale oder ethnische Gruppe bezeichnet. Bei Städten wie Gezer oder Aschkelon steht dagegen das Land-Determinativ (drei Hügel), das geografisch fest verankerte Entitäten markiert. Israel war in ägyptischen Augen also noch kein Land, sondern ein Volk – wahrscheinlich eine halbnomadische, nicht fest siedelnde Gruppe. Das ist der Fixpunkt, ab dem über „Israel“ historisch gesprochen werden kann.
Die Hapiru und die soziale Herkunft Israels#
In ägyptischen und mesopotamischen Texten der Spätbronzezeit erscheinen regelmäßig die Hapiru (auch Habiru, Apiru) – keine ethnische Gruppe, sondern eine soziale Kategorie: entwurzelte Menschen, Flüchtlinge, Söldner, Banditen, Tagelöhner. Der Name ähnelt dem hebräischen Ivri („Hebräer“), und manche Forscher vermuten hier einen Zusammenhang.
Ob dieser sprachliche Anklang einen historischen Kern hat, ist umstritten. Aber er deutet auf eine Möglichkeit hin, wie „Israel“ in Kanaan entstanden sein könnte: nicht als einwandernde fremde Ethnie, die ein Land eroberte – wie es die biblische Josua-Erzählung darstellt –, sondern als marginalisierte kanaanäische Bevölkerung, die sich in den unzugänglichen Bergregionen zurückzog, mit ähnlich Ausgestoßenen zusammenschloss und langsam eine neue Identität herausbildete.
Die Forschung schwankt hier zwischen drei Modellen: friedliche Infiltration (Albrecht Alt) – Hirtengruppen ziehen allmählich ins Bergland und werden sesshaft; soziale Revolte (George Mendenhall, Norman Gottwald) – unterdrückte kanaanäische Bauern erheben sich gegen die Stadtstaaten und bilden eine neue, egalitäre Gesellschaft, ein Modell, das gut zum Machtvakuum nach dem Bronzezeitkollaps passt; gradueller Aufstieg (Israel Finkelstein) – aus der kollabierenden spätbronzezeitlichen Welt bilden sich neue Dorfstrukturen, die zu „Israel“ werden. Welches Modell auch zutrifft – alle drei gehen davon aus, dass Israel aus Kanaan hervorging, nicht von außen in Kanaan einbrach. Die Archäologie stützt dieses Bild: Die frühesten eindeutig israelitischen Siedlungen der Eisenzeit I (ca. 1200–1000 BCE) liegen im judäischen und samarischen Bergland – technologisch einfach, landwirtschaftlich geprägt, ohne Spuren gewaltsamer Eroberung. Es sieht nicht aus wie ein Volk, das Jericho stürmte. Es sieht aus wie Menschen, die sich in unwegsames Gebiet zurückzogen.
Die Entstehung des Monotheismus#
Wie der Monotheismus entstand, ist eine der zentralen Fragen der Religionsgeschichte. Die biblische Antwort lautet: durch göttliche Offenbarung, an Abraham und Mose. Die historische Antwort ist komplex und noch nicht abschließend geklärt.
Die moderne Religionsgeschichte (Othmar Keel, Christoph Uehlinger und andere) zeichnet folgendes Bild: In der frühen israelitischen Zeit wurde Jhwh als einer unter mehreren Göttern verehrt, wenn auch als Hauptgott – ursprünglich offenbar als Kriegs- und Wettergott von ähnlichem Typ wie Baal, nicht als universeller Schöpfer. Daneben gab es Ascherah, möglicherweise als Partnerin Jhwhs, Baal, und andere Gottheiten kanaanäischer Herkunft. Der ethische Monotheismus im strengen Sinne – Jhwh als der einzige Gott, neben dem keine anderen existieren – war zunächst eine Minderheitenposition prophetischer Kreise (ab Amos im 8. Jh.), die sich erst in der Exilzeit durchsetzte.
Die innere Logik dieses Übergangs liegt in der Exilkatastrophe selbst. Ein lokaler Gott, dessen Tempel zerstört und dessen Volk deportiert war, drohte obsolet zu werden, weil er schwächer schien als Marduk, der Gott Babylons. Die theologische Rettung bestand darin, Jhwh nicht als besiegten Lokalgott, sondern als einzigen Schöpfer- und Geschichtsgott zu deuten, der Babylon nur als Werkzeug seines Zorns benutzte. Monotheismus war damit zugleich eine Überlebensstrategie des Exils. Ob persische, zoroastrische Vorstellungen eines universellen, ethischen Gottes diese Entwicklung beeinflussten oder ihr nur parallel liefen, ist offen, aber als Zusammenhang erwähnenswert.
Die Bibel selbst enthält Spuren dieses Übergangs: Texte, in denen andere Götter neben Jhwh existieren („Du sollst keine anderen Götter haben neben mir“ – das setzt andere Götter voraus). Die Propheten des 8. und 7. Jahrhunderts BCE kämpfen noch immer gegen die Verehrung fremder Götter in Israel – was zeigt, dass der Monotheismus keineswegs selbstverständlich war.
Ein konkreter archäologischer Beleg: In Kuntillet Ajrud im Sinai wurden Inschriften aus dem 8. Jahrhundert BCE gefunden, die von „Jhwh und seiner Aschera“ sprechen. Offenbar verehrten manche frühe Israeliten Jhwh mit einer weiblichen Partnerin – ein Befund, der das spätere biblische Bild einer reinen Jhwh-Religion stört.
Abraham – historischer Kern oder theologische Konstruktion?#
Die Bibel beginnt die Geschichte des jüdischen Volkes mit Abraham – der aus Ur in Mesopotamien aufbricht, in Kanaan siedelt und mit Gott einen Bund schließt. Die Beschneidung als Bundeszeichen, die Verheißung des Landes, all das ist an Abraham geknüpft.
Historisch ist Abraham nicht belegbar. Keine zeitgenössische Quelle außerhalb der Bibel erwähnt ihn. Die schriftliche Fixierung der Erzvätergeschichten erfolgte wahrscheinlich während oder nach dem babylonischen Exil (6.–5. Jh. BCE), als theologische Antwort auf die Krise; sie reflektieren die Welt dieser Zeit, nicht die der Bronzezeit.
Das bedeutet nicht, dass Abraham eine reine Fiktion ist. Es gibt Theorien, nach denen Wanderhirten-Traditionen aus der Mittleren Bronzezeit (ca. 2000–1550 BCE) – einer Zeit, in der semitische Hirtengruppen tatsächlich zwischen Mesopotamien, Kanaan und Ägypten wanderten – als Grundlage für die Erzvätergeschichten dienten. Ob ein historischer Abraham dahintersteckt, ist nicht festzustellen.
Wichtiger als die Frage der Historizität ist diese: Was bedeutete Abraham für das jüdische Volk? Er verkörpert den Aufbruch aus der Vertrautheit in das Unbekannte, den Bund mit Gott, den Anspruch auf das Land, die Bereitschaft zum äußersten Opfer (die abgewendete Opferung Isaaks). Das sind Gründungserzählungen im tiefsten Sinne: Sie definieren, wer man ist, nicht was man historisch tat.
Der Exodus – Erinnerung oder Mythos?#
Die Exodus-Erzählung ist das Herzstück der jüdischen Identität: Versklavung in Ägypten, Befreiung durch Mose, Wüstenwanderung, Empfang der Tora am Sinai, Einzug ins verheißene Land. Pessach – das wichtigste jüdische Fest – feiert diese Befreiung jedes Jahr.
Historisch ist der Exodus in der biblischen Form nicht nachweisbar. Hunderttausende, die durch die Sinai-Wüste ziehen und vierzig Jahre dort leben, hinterlassen archäologische Spuren. Trotz intensiver Suche wurden keine gefunden, die mit der biblischen Erzählung von 600.000 Männern plus Familien vereinbar wären. Ägyptische Präsenz im Sinai ist durchaus belegt – etwa die Kupferminen von Timna im 13.–12. Jahrhundert –, aber nichts davon deutet auf eine Massenwanderung. Die ägyptischen Quellen, die in dieser Periode detailliert über die Levante berichten, erwähnen Kadesch-Schlachten, Handelsrouten, Tributlisten, aber keinen Exodus.
Was wahrscheinlich historisch ist: Eine kleinere Gruppe – möglicherweise semitische Hirten oder Zwangsarbeiter – floh aus Ägypten und brachte eine prägende Erfahrung von Befreiung und Wüste mit. Diese Gruppe schloss sich später dem kanaanäischen Verband an, der Israel werden sollte, und ihre Erfahrung wurde zur Gründungserzählung des gesamten Volkes – die meisten der späteren Israeliten hatten selbst nie in Ägypten gelebt.
Das Phänomen ist nicht unbekannt: Gründungserzählungen werden oft rückwirkend universalisiert. Nicht alle Amerikaner kamen auf der Mayflower – aber die Mayflower-Geschichte ist trotzdem die Gründungserzählung aller Amerikaner.
2. Die Königszeit: David, Salomo und die archäologische Wirklichkeit#
Die Entstehung des israelitischen Königtums#
Um 1000 BCE – in der Früheisenzeit – konsolidierte sich in den judäischen Hügeln und dem Norden Kanaans ein Staatswesen, das wir als Königreich Israel kennen. Die Bibel erzählt von drei Königen: Saul (dem ersten, gescheiterten), David (dem idealen) und Salomo (dem weisen).
Die außerbiblische Evidenz für diese Periode ist mager, aber vorhanden:
Die Tel-Dan-Stele (ca. 840 BCE), eine aramäische Siegesinschrift, erwähnt das „Haus David“ (bytdwd) – der früheste außerbiblische Beleg, dass David als Dynastiegründer existierte. Die Interpretation ist nicht unumstritten (einige lesen bytdod, „Haus des Onkels“), aber der Konsens neigt klar zu „David“. Wichtig zur Einordnung: Die Stele belegt die Existenz einer davidischen Dynastie, nicht die biblische Biographie. Sie bezeugt das Geschlecht, nicht die Person, die die Bibel schildert.
Die Mesha-Stele (ca. 840 BCE), aufgestellt vom moabitischen König Mesha, erwähnt Israel und seinen Gott Jhwh.
Ägyptische Quellen des 10. Jahrhunderts erwähnen einen Feldzug Pharao Schoschenqs in die Region – entsprechend der biblischen Erzählung eines ägyptischen Angriffs unter Rehabeam.
Was die Archäologie nicht bestätigt, ist das Ausmaß von Davids und Salomos Reich. Jerusalem im 10. Jahrhundert war eine Bergstadt; ob es bereits monumentale Bauten gab, ist umstritten. Funde wie die „Stepped Stone Structure“ und die 2013 entdeckte Ophel-Inschrift deuten auf eine größere und schriftkundigere Siedlung hin als früher angenommen – aber kein Imperium. Eine vorsichtige Formulierung: keine unstrittigen Belege für ein Großreich, wohl aber eine regionale Macht. Der Tempel Salomos – falls er in dieser Form existierte – hat keine archäologischen Spuren hinterlassen, was nur zum Teil durch die spätere Bebauung des Tempelbergs erklärbar ist.
Die „Salomonischen Tore“ – ein Fallbeispiel#
Wie die archäologische Revision der biblischen Geschichte funktioniert, lässt sich an einem konkreten Beispiel zeigen: den dreiteiligen Stadttoren in Megiddo, Gezer und Hazor. Jahrzehntelang galten sie als Beweis des salomonischen Großreichs – monumentale Bauten in drei Städten, die die Bibel ausdrücklich als salomonische Gründungen nennt (1 Kön 9,15). Die Archäologen des 20. Jahrhunderts datierten sie in die Zeit Salomos und feierten den Befund als biblische Bestätigung.
Salomo regierte nach konventioneller Chronologie im 10. Jahrhundert BCE (ca. 970–931). Israel Finkelstein und seine Schule haben die Datierung der Tore in den 1990er Jahren systematisch angegriffen. Durch neue Keramikanalyse und Radiokarbon-Datierung zeigten sie: Die Tore stammen wahrscheinlich erst aus dem 9. Jahrhundert BCE – also rund hundert Jahre nach Salomo, aus der Zeit der Omri-Dynastie und König Ahabs im Nordreich. Das salomonische Großreich verliert damit seinen zentralen archäologischen Beleg.
Die Debatte ist nicht abgeschlossen – konservative Archäologen wie Amihai Mazar halten teilweise an der Spätdatierung fest. Aber das Beispiel zeigt, wie die biblische Archäologie funktioniert: nicht als „Widerlegung“ der Bibel, sondern als Neujustierung dessen, was wir tatsächlich wissen. Die „minimalistische“ Schule (Finkelstein, Silberman) argumentiert: David und Salomo regierten über ein Kleinkönigreich in den judäischen Bergen – bedeutend für die Region, aber weit entfernt vom Großreich, das die Bibel beschreibt. Dieses Großreich sei eine spätere literarische Konstruktion, entstanden im 7. Jahrhundert BCE unter König Joschija als politisches Programm: die glorreiche Vergangenheit wird zum Vorbild für die Gegenwart gemacht.
Das geteilte Königreich: Israel und Juda#
Nach dem Tod Salomos – so die Bibel – spaltete sich das Reich. Das Nordreich Israel umfasste zehn Stämme mit der Hauptstadt Samaria. Das Südreich Juda umfasste zwei Stämme (Juda und Benjamin) mit der Hauptstadt Jerusalem.
Das Nordreich war reicher, fruchtbarer, politisch bedeutender – es hatte Handelskontakte mit Phönizien, baute große Städte (Samaria, Megiddo, Hazor). Die Könige wechselten schnell durch Staatsstreiche. Das Südreich war ärmer, aber politisch stabiler – die davidische Dynastie regierte ununterbrochen.
Ab dem 9. Jahrhundert BCE sind beide Reiche durch assyrische und andere Quellen gut dokumentiert. König Ahab von Israel wird in assyrischen Inschriften erwähnt (als Verbündeter in der Schlacht von Qarqar 853 BCE). König Jehu ist auf dem Schwarzen Obelisken Salmanassers III. abgebildet – kniend, tributzahlend. Das ist der älteste bildliche Beleg für einen israelitischen König.
Schon diese dokumentierte Zeit zeigt: Die beiden Reiche waren nie wirklich souverän. Sie lebten ständig im Schatten der Großmächte – erst Ägyptens und Aramäas, dann vor allem Assyriens –, zahlten Tribute, wechselten Allianzen, wurden in fremde Kriege gezogen. „Unabhängiges Königreich“ heißt im 9./8. Jahrhundert BCE: abhängig, aber formal existent.
3. Die Zehn verlorenen Stämme#
Die assyrische Eroberung 722 BCE#
Das Nordreich Israel endete abrupt. Die Eroberung Samarias nach dreijähriger Belagerung wird in den Quellen geteilt zugeschrieben: Shalmaneser V. begann die Belagerung, Sargon II. reklamiert die Einnahme 722 BCE in seinen Annalen. Diese berichten präzise: 27.290 Einwohner wurden deportiert und über das assyrische Reich verstreut – nach Medien, Mesopotamien, in die assyrischen Kernprovinzen.
Das entsprach der assyrischen Praxis systematischer Umsiedlung zur Befriedung eroberter Gebiete. Man entfernte die führende Klasse und mischte die verbliebene Bevölkerung mit Einwanderern aus anderen Teilen des Reiches. Das zerstörte lokale Identitäten, verhinderte Aufstände, schuf eine loyale gemischte Bevölkerung. In Samaria siedelten die Assyrer Völker aus Babylon, Kuta, Avva und anderen Regionen an.
Die Samaritaner – eine Gemeinschaft, die überlebt hat#
Aus dieser Mischung – den verbliebenen Israeliten und den neu angesiedelten Völkern – entstanden die Samaritaner. Sie entwickelten eine eigene Form der Jhwh-Verehrung und hielten am Berg Garizim als Kultzentrum fest, nicht an Jerusalem.
Im Laufe der Jahrhunderte trennten sich Samaritaner und Juden scharf. Die Samaritaner erkannten nur die fünf Bücher Mose als heilige Schrift an, nicht den gesamten späteren Tanach mit Propheten und Schriften. Sie betrachteten (und betrachten) sich selbst als die authentischen Nachkommen des alten Israel, während aus ihrer Sicht die Juden durch das babylonische Exil verändert wurden. Juden betrachteten Samaritaner als „unrein“ – die neutestamentliche Erzählung vom „barmherzigen Samariter“ (Lk 10) funktioniert nur, weil der Samariter für das jüdische Publikum eine unwahrscheinliche Figur der Hilfsbereitschaft ist.
Die Samaritaner existieren bis heute. Nach Jahrhunderten der Dezimierung – Verfolgungen durch Byzantiner, Muslime und andere – sind sie auf etwa 900 Personen geschrumpft und leben in zwei Gemeinden: auf dem Berg Garizim in der Westbank und in Cholon bei Tel Aviv. Sie feiern Pessach bis heute mit einem Lämmeropfer auf dem Garizim – der einzige noch praktizierte antike Tempelritus der Welt. Sie sind eine bis heute fortbestehende antike Gemeinschaft.
Bemerkenswert: Genetische Untersuchungen (2004, Nature) zeigen, dass die Samaritaner teils dieselben Y-Chromosomen-Haplogruppen tragen wie jüdische Kohanim (die Priesternachkommen), aber auch wie andere levantinische Gruppen. Das deutet auf gemeinsame altisraelitische Abstammung hin – zwar nicht auf eine exklusive Verbindung – aber es stützt den historischen Kern ihrer Selbstdarstellung: Sie sind tatsächlich auch Nachkommen der altisraelitischen Bevölkerung, nicht bloß der assyrisch angesiedelten Völker, wie die jüdische Tradition polemisch behauptete. Der Konflikt zwischen Juden und Samaritanern über die authentische Nachfolgerschaft Israels ist also nicht einfach durch historische Tatsachen zu entscheiden – beide Gruppen haben Teil an der alten Bevölkerung.
Warum verschwanden die Zehn Stämme?#
Der Kontrast zwischen dem Schicksal der Zehn Stämme und dem der Zwei Stämme (Juda und Benjamin, die 586 BCE deportiert wurden) ist eines der auffälligsten Phänomene der jüdischen Geschichte. Die folgenden vier Gründe sind plausibel, bleiben aber Hypothesen:
Zerstreuung ohne Gemeinschaft. Die Assyrer siedelten die Deportierten bewusst zerstreut an – nicht als kohärente Gruppe, sondern als Einzelne und Kleinfamilien unter fremden Völkern. Ohne Gemeinschaft, ohne Kultzentrum, ohne gemeinsame Elite war Assimilation fast unvermeidlich.
Keine kodifizierten Texte. Die Tora war um 722 BCE noch nicht in der Form vorhanden, die sie später hatte. Es gab regionale Traditionen, Erzählungen, Rechtssammlungen, aber kein geschlossenes, verschriftlichtes Identitätsdokument, das Exilanten hätten mitnehmen und festhalten können.
Keine prophetische Elite als Bewahrer. In Babylon würde es später Ezechiel, Deuterojesaja, Schreiber und Priester geben, die die Gemeinschaft zusammenhielten und gleichzeitig die Bibel schufen. Im assyrischen Exil gab es niemanden, der diese Rolle übernahm – oder wenn doch, hinterließ er keine Spuren.
Das Nordreich als religiöses Problem. Das Südreich Juda hatte Jerusalem und den Tempel als einheitliches Kultzentrum. Das Nordreich hatte eigene Kultstätten in Bet-El und Dan – von der Bibel als Götzendienst verurteilt. Die religiöse Identität des Nordens war ohnehin schwächer zentralisiert und daher leichter auflösbar.
Wichtig ist eine Ergänzung, die das einfache Bild vom „Verschwinden“ korrigiert: Ein erheblicher Teil der Nordreich-Bevölkerung wurde gar nicht deportiert, sondern floh nach Süden ins Königreich Juda. Das erklärt den raschen Aufstieg Jerusalems im späten 8. Jahrhundert von einer Bergstadt zu einer urbanen Siedlung. Mit diesen Flüchtlingen gelangten auch nordreichische Traditionen – etwa die Jakob-Erzählungen und der Exodus-Mythos – in den Süden und wurden dort in die Redaktion der Tora eingearbeitet. Die Zehn Stämme verschwanden also nicht restlos; ein Teil wurde in Juda integriert und überlebte gerade dadurch in der gemeinsamen Überlieferung.
Das Nachleben der Zehn Stämme#
Das Verschwinden der Zehn Stämme ließ eine Leerstelle, die die Fantasie jahrhundertelang füllte:
Im Mittelalter gab es die Überzeugung, die Zehn Stämme lebten irgendwo hinter dem sagenhaften Sambatyon-Fluss, der an sechs Tagen wütend fließt und am Sabbat rastet.
Zahlreiche Völker wurden zu Nachkommen erklärt: die Afghanen (Paschtunen behaupten es bis heute), die Äthiopier (die Beta-Israel-Gemeinschaft), die Japaner, die Iren, die nordamerikanischen Ureinwohner.
Die Mormonen glauben, die Ureinwohner Amerikas seien Nachkommen verlorener Stämme.
Britisch-Israelismus – eine Bewegung des 19. Jahrhunderts – behauptete, die Briten seien die Nachkommen der verlorenen Stämme.
Historisch sind das Phantasien. Genetische Studien der letzten Jahrzehnte zeigen: Die Bevölkerungen, die solche Ansprüche stellen, haben keine nachweisbare genetische Verbindung zur levantinischen Bronzezeit-Bevölkerung, die über die allgemeine Durchmischung des Mittelmeerraums hinausgeht.
4. Die babylonische Gefangenschaft (586–538 BCE)#
Zerstörung und Deportation#
586 BCE war das Ende einer Welt. Nebukadnezar II. belagerte Jerusalem, brach die Mauern und zerstörte den Ersten Tempel, das Heiligtum, das Salomo angeblich gebaut hatte und das seit Jahrhunderten Zentrum des jüdischen Kultus war. Der König Zidkija wurde gefangen genommen; seine Söhne wurden vor seinen Augen getötet, dann wurden ihm die Augen ausgestochen. Die Oberschicht – Priester, Schreiber, Handwerker, Militär – wurde deportiert.
Die Schockwirkung war enorm. Der Tempel war nicht nur ein religiöses Gebäude – er war der Wohnort Gottes auf Erden, der Garant des Bundes zwischen Gott und Israel. Wenn der Tempel zerstört wurde, was bedeutete das für den Bund? War Gott besiegt? War er schwächer als Marduk, der Gott Babylons?
Die Propheten gaben eine theologisch kühne Antwort: Der Tempel war zerstört worden wegen der Sünden Israels, nicht wegen der Schwäche Gottes. Jhwh hatte Nebukadnezar als Werkzeug seines Zorns benutzt. Das war eine radikale Umdeutung der Katastrophe – aus der Niederlage wurde ein Zeichen der Macht Gottes, nicht seiner Ohnmacht. Es ist derselbe theologische Schritt, der zugleich den Monotheismus vollendete: Ein Gott, der fremde Großmächte als Werkzeuge gebraucht, ist kein Lokalgott mehr, sondern der Herr der Geschichte.
Die Geburt der „Juden“#
In dieser Zeit beginnt sich auch der Name zu verändern, den wir heute verwenden. Die Deportierten stammten aus dem Reich Juda (Yehuda), und man nannte sie Yehudim – die Judäer oder Juden. Vorher sprach man von „Israeliten“ oder von den Angehörigen der einzelnen Stämme. Ab der Exilszeit wird Yehudim zur zentralen Selbstbezeichnung – aus Angehörigen eines Territoriums werden Angehörige einer Glaubens- und Kulturgemeinschaft, die das Territorium überlebt.
Es ist sprachgeschichtlich aufschlussreich: Der Name „Juden“ – und alle seine Varianten in europäischen Sprachen (Jews, Juifs, Judíos) – geht zurück auf ein kleines judäisches Bergland im späten 6. Jahrhundert BCE. Eine regionale Herkunftsbezeichnung wurde zum Namen einer Weltreligion.
Das Exil als kulturelle Blüte#
In Babylon entstand das Judentum, wie wir es kennen. Die wichtigsten Entwicklungen:
Kodifizierung der Bibel. Priester und Schreiber im Exil redigierten, kompilierten und schrieben neu, was die religiöse Tradition enthielt. Das Deuteronomium – das fünfte Buch Mose, das eine zentralisierte Jhwh-Verehrung in Jerusalem fordert – wurde möglicherweise schon unter Joschija (7. Jh.) gefunden oder verfasst, aber seine Endgestalt erhielt es im Exil. Der Priesterkodex – mit seinen detaillierten Opfer- und Reinheitsgesetzen – entstand ebenfalls im Exil. Deuterojesaja (Jesaja 40–55) – die tröstlichen Kapitel („Tröstet, tröstet mein Volk“) – ist ein Exilswerk.
Die Synagoge. Ohne Tempel brauchte die Gemeinschaft neue Versammlungsorte. Die Synagoge – als Gebets- und Lernhaus, nicht als Opferstätte – entstand im Exil. Das war eine religiöse Revolution: Man kann Gott ohne Tieropfer begegnen, durch Gebet und Schriftstudium.
Der Sabbat als zentrales Identitätsmerkmal. Ohne Land, ohne Tempel, unter Fremden – der Sabbat war tragbar, nicht ortsgebunden, und markierte die Gemeinschaft nach außen und innen.
Die Propheten des Exils. Ezechiel – mit seinen merkwürdigen, visionären Texten – predigte in der Exilsgemeinde. Sein Buch ist ein theologisches Ringen mit der Katastrophe: Warum hat Gott das zugelassen? Was muss sich ändern? Seine Vision der trockenen Gebeine (Ez 37), die wieder zu Leben erwachen, ist eines der mächtigsten Bilder der Hoffnung in der Weltliteratur.
Die Rückkehr (538 BCE)#
Kyros der Große – persischer König, Gründer des Achämenidenreichs – eroberte 539 BCE Babylon und erließ 538 BCE das Kyros-Edikt: Die deportierten Völker durften in ihre Heimatländer zurückkehren und ihre Kultstätten wiederaufbauen. Diese persische Politik war nicht bloß Toleranz, sondern strategisches Reichsmanagement: Loyale lokale Eliten und funktionierende Kultstätten stabilisierten ein Großreich besser als zerstörte und deportierte Bevölkerungen. Der Kyros-Zylinder, eine Toninschrift, dokumentiert diese Politik allerdings nur in allgemeiner Form: Er erwähnt die Rückführung von Götterstatuen und die Heimkehr deportierter Völker, ohne die Juden oder Jerusalem namentlich zu nennen. Es handelt sich um ein allgemeines persisches Regierungsprotokoll; die Bibel überträgt diese generelle Politik spezifisch auf Jerusalem und deutet Kyros theologisch um. Das macht den Kyros-Zylinder nicht weniger relevant – er bestätigt, dass die in der Bibel beschriebene Rückkehrerlaubnis Teil einer nachweisbaren persischen Politik war.
Die Bibel feiert Kyros als Erlöser und, einmalig in der biblischen Tradition, als Messias (Mashiach, Gesalbter): „So spricht der Herr zu seinem Gesalbten, zu Kyros“ (Jes 45,1). Der einzige Nichtjude, dem dieser Ehrentitel verliehen wird.
Die Rückkehr war jedoch nicht vollständig. Viele Exilierte hatten sich in Babylon eingelebt – Häuser gebaut, Geschäfte gegründet, Familien gegründet. Eine erhebliche jüdische Gemeinschaft blieb in Babylon und existierte dort Jahrhunderte weiter, bis ins Mittelalter, als wichtigstes Zentrum jüdischen Lebens (Kapitel 2). Nur ein Teil kehrte zurück, nach biblischer Zählung ca. 50.000 Menschen.
Der Zweite Tempel#
Die Rückgekehrten begannen unter Serubbabel mit dem Wiederaufbau des Tempels, der 515 BCE geweiht wurde – der Zweite Tempel, der über 500 Jahre stehen sollte, bis 70 CE. Er war bescheidener als der erste; die Alten, die den ersten gesehen hatten (so die Bibel), weinten beim Anblick des zweiten.
5. Zwischen den Großmächten (538–167 BCE)#
Persische Herrschaft: Autonomie ohne Souveränität#
Unter persischer Herrschaft genoss Judäa weitgehende innere Autonomie. Die Juden zahlten Steuern und lieferten Tribute, aber sie konnten ihren Tempel betreiben, ihre Gesetze leben, ihre Gemeinden verwalten. Esra und Nehemia – beide im 5. Jahrhundert BCE – reorganisierten die jüdische Gemeinde in Jerusalem: Esra las öffentlich aus der Tora vor, Nehemia baute die Mauern Jerusalems wieder auf.
Diese Periode sah die endgültige Kodifizierung der Tora als normatives Dokument des jüdischen Lebens. Der Bund mit Gott wurde nicht mehr durch Tempel und Opfer allein definiert, sondern durch Gesetzesbeobachtung – eine Verlagerung, die das Judentum für die Diaspora überlebensfähig machte.
Wichtig: Es war Autonomie, nicht Unabhängigkeit. Judäa blieb persische Provinz, 200 Jahre lang. Die jüdische Führung bestand aus einem Hohepriester, der auch als politischer Repräsentant fungierte, aber unter persischer Oberhoheit. Das war weder Demütigung noch Souveränität, sondern der Normalzustand einer kleinen Provinz in einem Großreich.
Hellenismus und die Septuaginta#
Alexander der Große eroberte 332 BCE Palästina fast kampflos, als Teil seines Sturms auf das Perserreich. Alexander selbst behandelte die Juden wohlwollend; er opferte angeblich im Tempel.
Nach seinem Tod 323 BCE zerbrach sein Reich. Palästina geriet unter die Kontrolle der Ptolemäer (Ägypten), dann der Seleukiden (Syrien). Unter ptolemäischer Herrschaft (3. Jahrhundert) war das jüdische Leben relativ friedlich. In Ägypten entstand die jüdische Gemeinde von Alexandria, eine der größten der antiken Welt.
Das wichtigste kulturelle Produkt dieser Gemeinde war die Septuaginta, die Übersetzung der Hebräischen Bibel ins Griechische, entstanden im 3. und 2. Jahrhundert BCE – eine der frühesten großen Übersetzungen eines heiligen Textkorpus ins Griechische. Ihre Wirkung war erheblich: Sie machte den Text der gesamten griechischsprachigen Welt zugänglich. Sie wurde die Basis des christlichen Alten Testaments – Paulus, die Evangelisten, die Kirchenväter zitieren aus ihr, nicht aus dem hebräischen Text. Sie veränderte auch das Judentum selbst: Erstmals konnte man die Bibel lesen, ohne Hebräisch zu beherrschen. Die Legende (im Aristeas-Brief überliefert) sagt: 72 jüdische Gelehrte, je sechs aus jedem der zwölf Stämme, übersetzten in 72 Tagen unabhängig voneinander – und produzierten exakt denselben Text. Daher der Name LXX (lateinisch: 70).
Philon von Alexandria#
Die hellenistische Diaspora brachte auch ihren eigenen Philosophen hervor: Philon von Alexandria (ca. 20 BCE – 50 CE), der wichtigste jüdische Denker der antiken Welt. Er unternahm etwas Neues, und zwar die systematische Verbindung von jüdischer Tradition und griechischer Philosophie. Tora und Platon, Mose und Aristoteles – alles sollte zusammengedacht werden. Philon entwickelte die allegorische Bibelauslegung, die später von den Kirchenvätern übernommen wurde und die jüdische Bibelinterpretation bis zu Maimonides beeinflusste.
Philon ist auch ein politisches Zeichen: Er führte 40 CE eine Delegation der alexandrinischen Juden zu Kaiser Caligula nach Rom, um gegen antijüdische Ausschreitungen in Alexandria zu protestieren. Die alexandrinische Diaspora war selbstbewusst, reich, kulturell verankert und gleichzeitig verletzlich, wie die Pogrome im 1. Jahrhundert CE zeigten. Philon symbolisiert diese Ambivalenz.
Die seleukidische Krise#
Die eigentliche Krise kam mit den Seleukiden. Der Hellenismus – griechische Kultur, griechische Sprache, griechische Lebensform – war nicht nur politische Herrschaft, sondern kulturelle Versuchung. Viele jüdische Eliten, besonders in Jerusalem, übernahmen griechische Namen, griechische Kleidung, griechische Sportpraktiken. Das Gymnasium, Symbol griechischer Bildung, wurde in Jerusalem gebaut.
Diese Hellenisierung spaltete die jüdische Gesellschaft. Die einen sahen darin kulturelle Bereicherung und politische Klugheit; die anderen sahen darin Apostasie, den Verrat am Bund mit Gott. Einige hellenisierte Priester ließen sogar ihre Beschneidung rückgängig machen, um beim nackten Sport im Gymnasium nicht als Juden aufzufallen. Den Vorgang nannte man in der Antike Epispasmos. Celsus (De Medicina VII, 25) beschreibt einen chirurgischen Eingriff – Inzision und Vorziehen der verbliebenen Haut; daneben gab es die schonendere, aber oft unvollständige Methode, das verbliebene Gewebe über Monate durch ein angehängtes Gewicht zu dehnen (die in der Fachliteratur gelegentlich pondus judaeus genannte Vorrichtung; die Bezeichnung ist umstritten). Das erste Buch der Makkabäer (1 Makk 1,15) erwähnt die Praxis ausdrücklich, Paulus spielt im 1. Korintherbrief (7,18) darauf an. Für die frommen Juden war das der Inbegriff der Apostasie: die körperliche Auslöschung des Bundeszeichens selbst.
Antiochus IV. und die Makkabäer#
Unter Antiochus IV. Epiphanes – Seleukidenkönig ab 175 BCE – eskalierte die Situation zu einer religiösen Verfolgung. Ob aus politischen Motiven (er brauchte Geld und wollte das jüdische Tempelvermögen), aus ideologischer Überzeugung oder als Reaktion auf jüdische Unruhen – seine Maßnahmen gehörten zu den frühesten großangelegten staatlichen Eingriffen gegen religiöse Praxis im Mittelmeerraum:
Er verbot die Tora-Beobachtung, den Sabbat, die Beschneidung
Er ließ im Tempel ein Schwein opfern – die ultimative Entweihung
Er stellte eine Zeus-Statue im Tempel auf – die „Gräuel der Verwüstung“, auf die das Buch Daniel anspielt
166 BCE begann in der Kleinstadt Modi’in ein Aufstand. Ein Priester namens Mattatias tötete einen Juden, der bereit war, dem Befehl zur Götzenverehrung nachzukommen, und floh mit seinen Söhnen in die Wüste. Sein Sohn Judas Makkabäus („der Hammer“) führte einen Guerillakrieg gegen die seleukidischen Truppen.
164 BCE – drei Jahre nach Beginn des Aufstands – wurde Jerusalem zurückerobert, der Tempel wurde gereinigt und neu geweiht. Das Öl für die Menora, so die Legende, reichte nur für einen Tag, brannte aber acht Tage. Chanukka – das Lichterfest – feiert diese Wiederweihe bis heute.
Die Makkabäer waren militärisch geschickt. Sie nutzten die Geländekenntnisse der judäischen Berge, vermieden offene Schlachten, griffen Nachschublinien an. Und sie hatten etwas, das die Seleukiden unterschätzten: religiöse Überzeugung als militärische Kraft.
6. Das hasmonäische Jahrhundert – ein Ausnahmefall#
Kurze jüdische Unabhängigkeit#
Die Nachkommen der Makkabäer – die Hasmonäer – regierten Judäa von ca. 140 bis 37 BCE als unabhängige Könige und Hohepriester. Das war die einzige Phase echter jüdischer Souveränität zwischen dem babylonischen Exil und dem Staat Israel 1948. Ungefähr hundert Jahre. Alles davor war Tributstatus, persische oder hellenistische Oberherrschaft. Alles danach war römische Vasallenschaft, dann direkte Fremdherrschaft.
Diese Proportion widerspricht dem verbreiteten Bild einer langen „Tempelzeit“. Der Zweite Tempel stand fünf Jahrhunderte, aber nur in einem Jahrhundert hatten die Juden ihre politische Unabhängigkeit. Die übrigen 80 Prozent waren Fremdherrschaft in wechselnder Form.
Bemerkenswert ist eine Ironie: Auch die „jüdischen Befreier“ übernahmen hellenistische Herrschaftspraktiken. Die Hasmonäer trugen griechische Titel (Ethnarch, Basileus) und prägten Münzen mit griechischen Inschriften – ein Widerspruch zu ihrem anti-seleukidischen Gründungsmythos. Sie nutzten die Schwäche des seleukidischen Reichs und die Rivalitäten der entstehenden Großmächte geschickt aus und errichteten ein Königreich, das weite Teile des historischen Israel umfasste. Sie zwangen die unterworfene Bevölkerung Idumäas – des Landes südlich von Judäa – zur Konversion zum Judentum. Die Idumäer wurden Juden kraft politischer Entscheidung. Ein Nachkomme dieser Zwangskonvertiten sollte Weltgeschichte schreiben: Herodes der Große.
Die inneren Spannungen#
Die Hasmonäer vereinten Königtum und Hohepriestertum – ein Bruch mit der biblischen Tradition, die diese Ämter trennt (davidische Linie für Könige, Zadokiden für Priester). Als Usurpatoren beider Rollen provozierten sie den Widerstand der Frommen.
In dieser Zeit entstanden die konkurrierenden religiösen Strömungen, die bis 70 CE das jüdische Leben prägten. Die Essener zogen sich, wahrscheinlich aus Protest gegen die hasmonäischen Hohepriester, in die Wüste zurück und gründeten Qumran. Die Pharisäer entwickelten eine Gegenposition, die das Recht der mündlichen Tora und des Laienstudiums betonte. Die Sadduzäer waren die priesterliche Oberschicht, die der hasmonäischen (später herodianischen) Herrschaft nahestand. (Mehr dazu in Abschnitt 7.)
Interne Rivalitäten und Dynastiestreitigkeiten schwächten das Königreich. Als zwei hasmonäische Brüder – Hyrkan II. und Aristobul II. – um die Macht kämpften, riefen beide Rom als Schiedsrichter an. Das war eine fatale Entscheidung, die letzte der hasmonäischen Unabhängigkeit.
Pompeius und das Ende der Unabhängigkeit#
63 BCE betrat Pompeius mit seinen Legionen Jerusalem und drang – zur Bestürzung der Juden – ins Allerheiligste des Tempels vor. Er raubte es nicht, tötete niemanden, und ließ den Tempeldienst fortführen. Aber er machte deutlich, wer nun das Sagen hatte. Das Jahrhundert der Unabhängigkeit war vorbei.
Judäa wurde römisches Protektorat. Die hasmonäische Königslinie regierte formal noch eine Generation weiter, als Vasallen Roms. Echte Macht hatte keiner mehr.
Herodes der Große (37–4 BCE)#
Herodes war politisch pragmatisch, baulich ambitioniert und in seiner Herrschaftssicherung rücksichtslos – eine der bestimmenden Figuren der antiken Geschichte des Nahen Ostens.
Er war kein Jude im vollen Sinne der damaligen religiösen Elite – sein Vater war Idumäer (also Nachkomme der hasmonäischen Zwangskonvertiten), seine Mutter Nabatäerin. Er kam durch römische Unterstützung an die Macht, gegen die letzten Hasmonäer, und heiratete zur Legitimation eine hasmonäische Prinzessin, Mariamne, die er später aus Eifersucht ermorden ließ, ebenso wie mehrere seiner Söhne.
Herodes war ein Baumeister von Rang. Sein größtes Projekt war die Renovierung und Erweiterung des Zweiten Tempels, die alle früheren Bauten übertraf. Der herodianische Tempel war eines der beeindruckendsten Gebäude der antiken Welt, sichtbar aus weiter Ferne, mit einer Tempelplattform, deren Ausmaße noch heute zu sehen sind (die Klagemauer ist eine Stützmauer dieser Plattform). Er baute auch Cäsarea Maritima – einen modernen Hafen nach griechisch-römischem Vorbild – und Masada – die Felsenfestung über dem Toten Meer.
Herodes starb 4 BCE. Sein Reich wurde unter seinen Söhnen aufgeteilt, dann schrittweise direkt unter römische Verwaltung gestellt. Die römischen Statthalter Judäas trugen epigraphisch belegt den Titel Präfekt (später, bei jüngeren Autoren, „Prokurator“). Einer von ihnen sollte Geschichte schreiben: Pontius Pilatus (26–36 CE), der – wie eine Inschrift aus Cäsarea bestätigt – tatsächlich Präfekt war.
7. Das Judentum zur Zeit des Zweiten Tempels: Vier Strömungen#
Das Judentum des 1. Jahrhunderts BCE/CE war keine einheitliche Religion. Es war ein Ringen verschiedener Strömungen um die Frage, was Judentum sein sollte. Ohne Kenntnis dieser Strömungen sind weder Jesus noch die Tempelzerstörung noch die Entstehung des rabbinischen Judentums zu verstehen.
Pharisäer#
Die Pharisäer (hebr. Peruschim, „die Abgesonderten“) waren eine mittelständisch-urbane Bewegung von Laiengelehrten. Sie glaubten nicht nur an die geschriebene Tora, sondern auch an eine mündliche Tora – Auslegungstraditionen, die auf Mose zurückgeführt wurden. Sie glaubten an Auferstehung, Engel, göttliches Gericht. Sie waren die Bewegung des durchschnittlichen gebildeten Juden, nicht der Elite.
Die neutestamentliche Darstellung der Pharisäer als Heuchler und Gegner Jesu ist polemisch überzeichnet; sie diente dazu, die spätere Trennung vom Judentum zu rechtfertigen. Archäologie und rabbinische Quellen zeigen ein anderes Bild: Jesus stand den Pharisäern in vielen Fragen nahe – seine Diskussionen mit ihnen waren innerjüdische Debatten, nicht Kämpfe mit religiösen Feinden. Die Pharisäer waren in der Hauptlinie die Vorläufer der Rabbiner – wobei die neuere Forschung (Shaye Cohen, Seth Schwartz) betont, dass die Rabbiner von Yavne keine reine Fortsetzung der Pharisäer waren, sondern eine neue Koalition, die auch Schreiber und Priesterfamilien integrierte. Aus dieser Koalition ging nach 70 CE das rabbinische Judentum hervor, das alle anderen Strömungen überlebte.
Sadduzäer#
Die Sadduzäer (hebr. Tzedukim, wahrscheinlich nach Zadok, dem hohepriesterlichen Vorfahren) waren die priesterliche Oberschicht. Sie erkannten nur die schriftliche Tora an, keine mündliche Tradition. Sie leugneten Auferstehung, Engel und göttliches Gericht – alles Konzepte, die in der Tora nicht explizit vorkommen. Sie waren reich, aristokratisch, pragmatisch, kollaborationsbereit mit der römischen Herrschaft.
Mit der Zerstörung des Tempels 70 CE verloren die Sadduzäer ihre Existenzgrundlage. Ohne Tempel gab es keine Opfer, keine Priesterschaft, keinen Sinn für eine priesterliche Theologie. Sie verschwanden binnen einer Generation.
Essener#
Die Essener waren eine asketische, möglicherweise klösterliche Gemeinschaft – höchstwahrscheinlich, aber nicht zweifelsfrei identisch mit der Gemeinschaft von Qumran am Toten Meer (siehe nächster Abschnitt). Sie zogen sich aus der als korrupt empfundenen Tempelgesellschaft zurück, lebten in strenger ritueller Reinheit, oft in Gütergemeinschaft, teils zölibatär. Sie erwarteten einen bevorstehenden kosmischen Endkampf zwischen den „Söhnen des Lichts“ und den „Söhnen der Finsternis“.
Mit der Zerstörung Qumrans durch die Römer 68 CE und der Tempelzerstörung 70 CE verschwanden auch sie. Ihre Texte – die Qumran-Rollen – wurden erst 1947 wiederentdeckt.
Zeloten und Sikarier#
Die Zeloten und Sikarier waren die Radikalen des bewaffneten Widerstands gegen Rom. Sie lehnten jede fremde Herrschaft als Götzendienst ab: Nur Gott durfte über die Juden herrschen. Die Sikarier (von lat. sica, Dolch) verübten Attentate gegen jüdische Kollaborateure in der Menge und entkamen im Gewühl – die frühesten dokumentierten systematischen Messerattentate in der Masse.
Die Zeloten waren die treibende Kraft des Ersten Jüdisch-Römischen Krieges (66–70 CE). Auf Masada hielten sich ihre letzten Reste bis 73/74 CE.
Das Fehlen einer Orthodoxie#
Das Judentum dieser Zeit hatte keine zentrale Autorität, die festgelegt hätte, was richtiger Glaube sei. Der Hohepriester war politisch zu kompromittiert; der Sanhedrin war ein Rat, kein Lehramt. Verschiedene Strömungen stritten miteinander, lebten nebeneinander, lasen dieselben Bücher unterschiedlich. Das Judentum war vielfältiger, streitlustiger, offener als das, was später im rabbinischen Judentum zur Normalität wurde.
In diesen pluralistischen Kontext gehörten auch die ersten Jesus-Nachfolger. Sie repräsentierten keine neue Religion, sondern eine weitere jüdische Strömung – messianisch-apokalyptisch, mit eigener Autorität (dem hingerichteten und auferstandenen Lehrer) innerhalb des jüdischen Spektrums.
8. Die Qumran-Rollen: Ein einzigartiges zeitgenössisches Fenster#
1947 hütete ein junger Beduine namens Mohammed edh-Dhib eine Ziegenherde am Toten Meer. Er warf einen Stein in eine Höhle, um eine verlaufene Ziege herauszulocken, und hörte etwas zerbrechen. In der Höhle fand er alte Tonkrüge mit Lederrollen. Was er gefunden hatte, wurde zum wichtigsten archäologischen Fund des 20. Jahrhunderts für das antike Judentum.
Zwischen 1947 und 1956 wurden in elf Höhlen nahe der Ruine Qumran insgesamt über 900 Manuskripte und Fragmente entdeckt, datiert vom 3. Jahrhundert BCE bis zum 1. Jahrhundert CE. Sie zerfallen in drei Gruppen:
Biblische Texte. Die ältesten Manuskripte der Hebräischen Bibel überhaupt – etwa tausend Jahre älter als die bis dahin bekannten masoretischen Handschriften. Alle biblischen Bücher außer Esther sind vertreten. Die Rollen zeigen, dass der biblische Text im 1. Jahrhundert BCE noch keine einheitliche Gestalt hatte: Die Textlandschaft war plural – proto-masoretische, LXX-nahe und proto-samaritanische Typen standen nebeneinander. Vieles entspricht aber bereits weitgehend dem heutigen Text, mit Varianten, die selten theologisch bedeutsam sind. Das war eine Beruhigung für konservative Bibelwissenschaftler und ein Faszinosum für die Textkritik.
Apokryphe und pseudepigraphische Texte. Viele jüdische Werke, die nicht in den späteren biblischen Kanon aufgenommen wurden, aber im antiken Judentum verbreitet waren: das Buch Henoch, das Buch der Jubiläen, Tobit und andere. Sie zeigen, wie breit das jüdische Schrifttum dieser Zeit war, vor der verbindlichen Kanonisierung.
Sektenschriften. Texte der Qumran-Gemeinschaft selbst: die Gemeinderegel (Serech ha-Yachad), die Kriegsrolle (Milchama), Hymnen, Bibelkommentare. Sie geben Einblick in eine jüdische Sekte – höchstwahrscheinlich die Essener –, die sich als die eigentlichen Erben des Bundes verstand, die Tempelpriesterschaft als illegitim ansah und eine baldige apokalyptische Endschlacht erwartete.
Die Bedeutung der Qumran-Rollen ist schwer zu überschätzen. Sie zeigen, wie vielfältig das Judentum des 1. Jahrhunderts war, bevor das rabbinische Judentum nach 70 CE alle Alternativen verdrängte. Sie zeigen auch, dass frühchristliche Vorstellungen – messianische Erwartung, Täufersymbolik, apokalyptische Bildsprache – tief im zeitgenössischen Judentum verwurzelt waren.
9. Jesus und die Entstehung des Christentums#
Wer die jüdische Geschichte dieser Periode erzählt, kommt an Jesus von Nazareth nicht vorbei – nicht aus religiösen Gründen, sondern weil die Entstehung des Christentums die jüdische Geschichte tief beeinflusste: Sie erzeugte eine neue religiöse Kraft, die das Verhältnis zu den Juden über fast zwei Jahrtausende definieren sollte.
Der historische Jesus#
Die Existenz Jesu gilt als historisch gesichert – durch die Kombination früher christlicher Quellen (die Paulusbriefe ab ca. 50 CE) mit zwei außerbiblischen Notizen: Der jüdisch-römische Historiker Josephus erwähnt ihn im sogenannten Testimonium Flavianum (in einer allerdings teilweise christlich überarbeiteten Passage) und an zweiter Stelle Jakobus, „den Bruder Jesu“ (Ant. 20.200); Tacitus erwähnt ihn als Hingerichteten unter Pontius Pilatus. Die Kreuzigung unter Pilatus gilt als historisch gesichert.
Was Jesus predigte, war jüdische Theologie – er war ein jüdischer Wanderprediger im Kontext apokalyptischer Erwartungen, die im Judentum des 1. Jahrhunderts weit verbreitet waren. Die Bergpredigt, die Kommentare zur Tora, die Auseinandersetzungen mit Pharisäern – all das ist innerhalb des Judentums verortbar. Die Forschung der letzten Jahrzehnte (Geza Vermes, E.P. Sanders, John Meier) hat diese jüdische Einordnung präzise herausgearbeitet: Jesus war kein Gegner des Judentums, sondern ein jüdischer Reformator in einer Zeit, als viele Juden das Judentum reformieren wollten.
Die Kreuzigung#
Die Kreuzigung war eine römische Hinrichtungsart, vorbehalten für politische Rebellen und Sklaven. Juden steinigten, kreuzigten nicht. Die Hinrichtung Jesu wurde von Pontius Pilatus angeordnet und von römischen Soldaten vollstreckt. Der Vorwurf – dokumentiert auf dem Kreuz in der Inschrift Iesus Nazarenus Rex Iudaeorum, „Jesus von Nazareth, König der Juden“ – war der messianische Anspruch, der für die Römer Aufruhr bedeutete.
Es lohnt, hier kurz die römische Perspektive einzublenden: Tacitus (Historiae 5.3–5) beschreibt die Juden als fremdartig und abstoßend. Das zeigt, dass eine römische Aversion gegen jüdische Sitten schon vor 70 CE verbreitet war – ein Hintergrund, vor dem die frühen Christen ihre Bewegung von der aufständischen jüdischen Politik distanzieren wollten.
Die spätere christliche Überlieferung – besonders die Evangelien nach Matthäus und Johannes, die nach 70 CE entstanden – verlagerte die Schuld zunehmend von den Römern auf die jüdischen Behörden und schließlich auf „die Juden“ insgesamt. Diese Verlagerung hatte ihre historischen Gründe: Die frühen Christen wollten im Römischen Reich überleben und mussten ihre Bewegung von der aufständischen jüdischen Politik distanzieren. Aus dieser Umdeutung wurde später der christliche Vorwurf des „Gottesmordes“, eines der verheerendsten Elemente des Antijudaismus, von der katholischen Kirche erst 1965 mit Nostra Aetate offiziell aufgegeben. Dieser lange Prozess ist Thema von Kapitel 4.
Die Trennung – ein langer Weg#
Die Trennung zwischen Judentum und dem entstehenden Christentum war ein Prozess, der sich über Jahrzehnte, eigentlich Jahrhunderte vollzog. In den ersten Jahren nach Jesu Tod waren seine Anhänger schlicht eine jüdische Sekte – sie besuchten den Tempel, befolgten die Speisegebote, betrachteten sich als Juden. Die Auseinandersetzungen, die das Neue Testament beschreibt (etwa die Steinigung des Stephanus in der Apostelgeschichte), waren innerjüdische Konflikte, wie sie zwischen verschiedenen Strömungen des damaligen Judentums durchaus vorkamen.
Paulus – ursprünglich Saulus, ein jüdischer Schriftgelehrter aus Tarsus – war die entscheidende theologische Figur der Trennung. Er öffnete die neue Bewegung für Nichtjuden, ohne Beschneidungspflicht (ca. 45–60 CE). Das machte das Christentum universal und zog eine Grenze zwischen denen, die die Regeln der Tora weiterhin befolgten, und denen, die das nicht mehr verlangten.
Die Tempelzerstörung 70 CE beschleunigte die Trennung, vollzog sie aber nicht. Noch im späten 1. Jahrhundert nahmen die Synagogen in ihr Achtzehngebet einen „Segen gegen die Ketzer“ (Birkat ha-Minim) auf, der sich wahrscheinlich auch gegen die Jesus-Nachfolger richtete. Das war der Versuch, die jüdische Identität nach der Katastrophe neu zu definieren, unter Ausschluss der Gruppen, die als abgefallen galten.
Aber auch danach blieb die Grenze unscharf. Noch im 4. Jahrhundert predigte Johannes Chrysostomus wütend gegen Christen, die in die Synagoge gingen, jüdische Feste mitfeierten, mit Juden aßen. Das heißt: 300 Jahre nach Jesus war für viele Gläubige die Grenze zwischen Judentum und Christentum noch nicht klar.
Die systematische Feindschaft, der christliche Antijudaismus als Lehrgebäude und als soziale Wirklichkeit, entsteht erst ab dem 4. Jahrhundert, mit der Etablierung des Christentums als Staatsreligion. Von da an kippt die Machtverteilung: Das Christentum wird dominant, das Judentum wird zur geduldeten, zunehmend ausgegrenzten Minderheit. Diese lange Geschichte und ihre partielle Überwindung ab 1965 ist Thema späterer Kapitel (vor allem Kapitel 4).
10. Der Erste Jüdisch-Römische Krieg und die Tempelzerstörung (66–70 CE)#
Ursachen#
Der Erste Jüdisch-Römische Krieg hatte viele Ursachen, die sich über Jahrzehnte angesammelt hatten:
Religiöse Provokationen durch die römischen Statthalter – Caligula hatte (kurz vor seinem Tod 41 CE) befohlen, eine Statue von sich im Tempel aufzustellen. Er konnte das Vorhaben nicht zu Ende führen. Einzelne Statthalter plünderten den Tempel oder missachteten jüdische Reinheitsgebote.
Soziale Spannungen innerhalb der jüdischen Gesellschaft – zwischen reicher Priesterkaste und verarmter Landbevölkerung, zwischen urbanem Establishment und ländlichen Zeloten.
Zelotismus und Apokalyptik – im Judentum des 1. Jahrhunderts waren apokalyptische Erwartungen weit verbreitet: Gott würde eingreifen, die Römer vertreiben, das Königreich Israel wiederherstellen. Verschiedene Gruppen – Zeloten, Sikarier, andere – nutzten diese Erwartungen für bewaffneten Widerstand.
Der konkrete Auslöser (66 CE): Der Statthalter Gessius Florus entnahm Silber aus dem Tempel-Schatz. Darauf brach ein Aufstand aus, zunächst in Jerusalem, dann ausgebreitet über Judäa.
Der Krieg und die Tempelzerstörung#
Die ersten Aufstandsjahre waren für die Römer überraschend schwierig. Die jüdischen Kämpfer verteidigten die judäischen Berge geschickt; mehrere römische Einheiten wurden zurückgeschlagen. Der erfahrene General Vespasian wurde entsandt. Er sicherte systematisch das Umland, bevor er Jerusalem angriff.
70 CE wurde Vespasian Kaiser; sein Sohn Titus führte die Belagerung Jerusalems. Die Stadt litt unter inneren Kämpfen zwischen rivalisierenden jüdischen Fraktionen ebenso sehr wie unter dem äußeren Feind. Jerusalem fiel nach monatelanger Belagerung und furchtbarer Hungersnot.
Der Tempel wurde zerstört – am 9. Av (nach jüdischer Zeitrechnung), demselben Datum, an dem nach der Überlieferung der Erste Tempel durch Nebukadnezar zerstört worden war. Die Zerstörung des Zweiten Tempels am 9. Av (hebr. Churban, „Zerstörung“) ist im jüdischen Kalender bis heute ein Fastentag (Tischa beAv).
Die Menora – der siebenarmige Leuchter des Tempels – wurde als Kriegsbeute nach Rom gebracht. Der Titusbogen in Rom zeigt noch heute die triumphierende Prozession mit der Menora, eines der unmittelbarsten historischen Dokumente dieser Katastrophe, in Stein gehauen, mitten in Rom.
Eine wirtschaftliche Folge sei angemerkt: Die jüdische Tempelsteuer, die zuvor jeder erwachsene Jude jährlich nach Jerusalem entrichtet hatte, wurde von Rom in den Fiscus Iudaicus umgewandelt – eine Sondersteuer zugunsten des Jupiter-Tempels in Rom. Aus einer religiösen Abgabe wurde ein Instrument fiskalischer Demütigung.
Josephus – Quelle und Problem#
Die historische Hauptquelle ist Josephus Flavius, eine Figur, deren Biographie selbst exemplarisch ist für die Zerreißproben dieser Zeit. Er war jüdischer Priester aus vornehmer Familie, Anführer der jüdischen Streitkräfte in Galiläa, ergab sich den Römern nach der Schlacht von Jotapata. Er prophezeite Vespasian die Kaiserwürde, wurde nicht hingerichtet, und als seine Prophezeiung eintraf, wurde er Vespasians Klient. Dieser Begriff hat in der römischen Gesellschaft eine präzise Bedeutung: Ein Klient (cliens) stand im persönlichen Abhängigkeits- und Schutzverhältnis zu einem mächtigen Patron (patronus). Der Klient schuldete politische Loyalität, öffentliche Präsenz beim Patron, Unterstützung in dessen Angelegenheiten; der Patron schützte seinen Klienten vor Gericht, versorgte ihn materiell, stand ihm politisch bei. Das war keine Sklaverei, aber auch keine Gleichberechtigung, sondern die Standardform sozialer Beziehungen zwischen ungleichen freien Römern. Josephus erhielt das römische Bürgerrecht, eine Pension, eine Wohnung in Rom und nahm – wie es Klienten oft taten – den Familiennamen seines Patrons an, daher Josephus Flavius. Den Rest seines Lebens verbrachte er in Rom und verfasste auf Griechisch zwei große Werke: Der Jüdische Krieg und Jüdische Altertümer.
Josephus ist eine unverzichtbare und problematische Quelle. Unverzichtbar, weil es ohne ihn fast keine Informationen über den Krieg gäbe. Problematisch, weil er mehrere Loyalitäten hatte, die sich widersprechen: als Jude wollte er sein Volk den Römern als zivilisiert und tragisch darstellen; als Klient der Flavier musste er die Großzügigkeit seiner Patrone hervorheben; als Überläufer musste er seine eigene Rolle rechtfertigen. Er schreibt für ein römisches Publikum und deutet den Aufstand als göttliche Strafe – eine Strategie, die zugleich seinen eigenen Seitenwechsel rechtfertigt, nicht unähnlich der Art, wie Thukydides die Niederlage Athens als tragische Lehre deutet. Seine Berichte sind voller rhetorischer Stilisierung, erfundener Reden, literarischer Dramatisierung.
Die moderne Forschung liest Josephus daher mit Vorsicht: nicht als direkte Chronik, sondern als rekonstruierbares Zeugnis eines Mannes, der zwischen den Welten stand. Ohne ihn wüssten wir kaum etwas. Mit ihm wissen wir viel, aber nicht immer, was genau wir wissen.
Masada#
Der eigentliche Krieg endete 70 CE mit der Tempelzerstörung, aber der letzte Widerstand hielt sich auf Masada – der Felsenfestung über dem Toten Meer, die Herodes ausgebaut hatte. 960 jüdische Kämpfer – Zeloten und Sikarier mit ihren Familien – hielten die Festung, während die Römer über Monate eine gewaltige Belagerungsrampe aus der Wüste aufschütteten.
73 oder 74 CE, als die römische Eroberung unvermeidlich wurde, trafen die Belagerten nach Josephus’ Darstellung eine beispiellose Entscheidung: kollektiver Selbstmord. Jeder Mann tötete seine Familie, dann töteten sie sich gegenseitig: zehn durch Los bestimmte Männer töteten die übrigen; der letzte nahm sich selbst das Leben. Die Römer fanden am nächsten Morgen eine leere Festung und hunderte Tote.
Die Historizität dieses Berichts ist umstritten. Josephus’ Darstellung hat literarische Züge – ausführliche Reden, die niemand gehört haben kann. Die Archäologie hat auf Masada insgesamt nur 28 Skelette gefunden: drei in der Nähe des Palastes, 25 in einer Höhle am Südhang; die Höhlenskelette zeigen keine Anzeichen von Gewalt, sondern sprechen eher für Dehydrierung. Diese geringe Zahl beweist nichts – Römer verbrannten Leichen oder warfen sie in Massengräber, was das Fehlen weiterer Funde erklären könnte –, aber sie nährt die Zweifel am Massenselbstmord-Narrativ. Einige Forscher vermuten, dass der kollektive Selbstmord entweder nicht in dieser Form stattfand oder eine kleinere Gruppe betraf.
Was auch immer historisch geschah – die Geschichte von Masada wurde zum Mythos. Im 20. Jahrhundert wurde Masada zum zentralen Symbol des neuen Israel. Panzereinheiten der israelischen Armee leisteten hier lange ihren Schwur „Masada soll nicht wieder fallen.“ Das ist ein ambivalenter Mythos. Er heroisiert einen Selbstmord als Freiheitsakt; manche israelische Historiker (Yehoshafat Harkabi) haben vor dieser Verklärung von Gewalt und vor dem Märtyrerkult gewarnt. Zugleich wurde er zum Identitätsanker einer Nation, die sich gelobte, nie wieder in die Lage der Belagerten zu geraten. Masada zeigt, wie antike Geschichte zu moderner Mythologie werden kann.
11. Das rabbinische Judentum entsteht#
Yavne – die Neugründung (ca. 70–132 CE)#
Noch während der letzten Kriegsjahre – wahrscheinlich um 68 oder 70 CE – versammelte sich eine Gruppe von Rabbinern in der Küstenstadt Yavne (Jamnia) unter der Führung von Rabban Yochanan ben Zakkai. Die Legende erzählt: Yochanan ließ sich in einem Sarg aus dem belagerten Jerusalem schmuggeln, stellte sich tot, wurde zu Vespasian gebracht und bat um eine Gunst: nicht die Rettung Jerusalems, sondern „Gib mir Yavne und seine Weisen.“
Yavne blieb das Zentrum des rabbinischen Judentums etwa sechzig Jahre lang, bis zum Bar-Kochba-Aufstand 132–135 CE. Yochanan ben Zakkai starb um 80 CE; sein Nachfolger Rabban Gamaliel II. führte die Akademie etwa bis 115 CE. In diesen sechs Jahrzehnten geschah die entscheidende theologische und institutionelle Arbeit. Der Sanhedrin – das jüdische Hohe Gericht – wurde neu konstituiert. Die liturgischen Praktiken wurden standardisiert: das Gebet als Ersatz für das Opfer, die Synagoge als Ersatz für den Tempel. Auch der Kanon der Heiligen Schriften wurde hier verhandelt – allerdings nicht, wie die ältere „Jamnia-These“ annahm, durch einen festen Beschluss; der Kanonisierungsprozess war ein längeres Geschehen, das sich bis ins 2./3. Jahrhundert hinzog.
Die wichtigste intellektuelle Leistung der frühen rabbinischen Zeit: die Entwicklung der Mischna – der ersten schriftlichen Kodifizierung der mündlichen Tradition, abgeschlossen ca. 200 CE unter Rabbi Juda HaNassi. Die Mischna ist der Kern des Talmud – des zentralen Werks des rabbinischen Judentums, an dem bis ins 6. Jahrhundert gearbeitet wurde (Kapitel 2).
Das rabbinische Judentum transformierte die Religion von einer tempelzentrierten zu einer textzentrierten Form – eine Erfindung, die das Überleben in der Diaspora erst ermöglichte. Es schuf eine Religiosität, die nicht an einen Ort gebunden war, keinen Tempel brauchte, keinen König, kein politisches Gemeinwesen – nur Bücher, Lehrer und Gemeinschaft. Das war das Judentum, das die Diaspora der folgenden zweitausend Jahre überlebte.
Von den vier großen Strömungen (Pharisäer, Sadduzäer, Essener, Zeloten) überlebte nur eine: die pharisäisch geprägte. Nicht zufällig, denn sie war die einzige Strömung, die ihre Identität nicht am Tempel, sondern an Text und Interpretation festmacht. Als der Tempel fiel, hatten ihre Erben als einzige ein System, das ohne ihn funktionierte – sie stellten Textkompetenz über Ritualkompetenz, und genau das machte sie überlebensfähig.
12. Der oft vergessene Aufstand: Der Kitos-Krieg (115–117 CE)#
Zwischen den zwei großen Katastrophen von 70 und 135 CE liegt ein dritter großer Aufstand, der im kollektiven Gedächtnis weitgehend ausgeblendet ist: der Diaspora-Aufstand unter Kaiser Trajan, in der Forschung oft Kitos-Krieg genannt (nach dem römischen General Lusius Quietus, der ihn niederschlug).
115 CE erhoben sich die jüdischen Gemeinden nicht in Judäa, sondern in der Diaspora: in Kyrenaika (dem heutigen Libyen), in Ägypten, auf Zypern und in Mesopotamien. Die Ursachen sind nicht vollständig geklärt – Spannungen mit der griechischen Bevölkerung in den hellenistischen Städten spielten eine Rolle, dazu messianische Erwartungen und die Schwächung Roms durch Trajans Partherkrieg.
Der Aufstand war gewaltig. In Alexandria wurde die berühmte jüdische Gemeinde praktisch ausgelöscht, die Große Synagoge zerstört. Auf Zypern soll die antike Hauptstadt Salamis geplündert worden sein. Die Zahlen der griechischen Opfer, die antike Quellen nennen (hunderttausende), sind mit Sicherheit übertrieben, aber die Gewalt war massiv.
Rom reagierte mit Brutalität. Die Aufstände wurden niedergeschlagen, die jüdischen Gemeinden in den betroffenen Regionen wurden ausgerottet oder schwer dezimiert. Zypern wurde für Juden jahrhundertelang verboten – wer die Insel betrat, wurde mit dem Tod bestraft. Die Gemeinde von Alexandria, eine der ältesten und bedeutendsten der jüdischen Welt, erholte sich nie wieder zu ihrer alten Größe.
Der Kitos-Krieg ist ein Beleg dafür, wie verwundbar die jüdische Diaspora schon vor 135 CE war, und wie schnell eine lange etablierte Gemeinschaft vernichtet werden konnte. Er ist auch ein Vorgeschmack auf das, was 15 Jahre später im Mutterland passieren sollte.
13. Bar Kochba und das definitive Ende (132–135 CE)#
Der letzte Aufstand#
Sechzig Jahre nach der Tempelzerstörung wagte das jüdische Volk einen letzten Aufstand. Der Anlass: Kaiser Hadrian plante, Jerusalem als römische Kolonie Aelia Capitolina neu zu errichten und auf dem Tempelberg einen Jupiter-Tempel zu bauen. Außerdem soll er die Beschneidung verboten haben – dies allerdings als Teil eines reichsweiten Verbots von Kastration und Genitalverstümmelung (seit Domitian), das nicht spezifisch antijüdisch war, von Juden aber als Angriff auf das Bundeszeichen empfunden wurde.
Shimon bar Kochba – dessen wahrer Name Shimon bar Kosiba war – führte den Aufstand. Der Rabbi Akiva identifizierte ihn als Messias und gab ihm den Namen „Bar Kochba“ – Sohn des Sterns, nach einer messianischen Verheißung im Buch Numeri. Das war theologisch riskant: Wenn bar Kochba kein Messias war, würde die Niederlage die messianische Erwartung insgesamt diskreditieren.
Die Bar-Kochba-Briefe#
Die Archäologie hat in den 1950er und 1960er Jahren in Höhlen am Toten Meer (besonders dem Wadi Murabbaat und der „Höhle der Briefe“ in Nachal Chever) spektakuläre Funde gemacht: die Originalbriefe bar Kochbas an seine Kommandanten, auf Hebräisch und Aramäisch, auf Papyrus und Holztafeln.
Diese Briefe, entdeckt von Yigael Yadin, zeigen einen militärisch-administrativ organisierten Aufstandsstaat. Bar Kochba erhob Steuern, organisierte Nachschub, ließ eigene Münzen prägen (mit der Aufschrift „Für die Freiheit Jerusalems“), schrieb Anweisungen an seine Offiziere über Getreide und Soldaten. Er nannte sich „Nasi Israel“ – Fürst Israels. Das war nicht ein spontaner Ausbruch, sondern ein organisierter Unabhängigkeitskrieg mit messianischer Überhöhung.
Drei bis vier Jahre dauerte der Kampf. Anfangs hatten die Aufständischen erhebliche Erfolge – sie nutzten ein Netzwerk von Tunneln und Höhlen, archäologisch bestätigt, für einen Guerillakrieg. Hadrian musste seinen besten General, Julius Severus, aus Britannien abziehen.
Die hadrianische Vernichtung#
135 CE wurde der Aufstand endgültig niedergeschlagen. Die Verluste waren enorm, nach antiken Quellen Hunderttausende Tote, fünfzig Festungen zerstört, fast tausend Dörfer verwüstet. Rabbi Akiva wurde von den Römern gefoltert und getötet. Die letzten Aufständischen verschanzten sich in Höhlen am Toten Meer, wo die Römer sie verhungern ließen. Skelettfunde mit persönlichen Besitztümern zeugen davon.
Die hadrianische Reaktion war ohne Präzedenz:
Jerusalem wurde zur römischen Kolonie Aelia Capitolina umgebaut – auf dem Tempelberg ein Jupiter-Tempel, die Stadt nach römischem Rastermuster angelegt.
Juden wurde verboten, Jerusalem zu betreten – unter Todesstrafe, außer einmal im Jahr am Jahrestag der Tempelzerstörung, um zu trauern.
Die Provinz Judäa wurde in Syria Palaestina umbenannt – nach den Philistern (→ Abschnitt 1), den biblischen Erzfeinden Israels, die als Volk längst von der historischen Bühne verschwunden waren. Die Wahl dieses Namens war ein bewusster Akt der symbolischen Auslöschung.
„Palaestina“ – ein Name mit langer Zukunft. Er stammt von Hadrian, als Akt der Demütigung. Er bezeichnete eine römische Provinz. Er wurde im Mittelalter zu „Palestine“. Er wurde im 20. Jahrhundert zur Grundlage des Namens „Palästinenser“. Die Geschichte der Namen ist manchmal die Geschichte selbst.
Was blieb#
135 CE ist das Ende eines Zeitalters. Was bleibt:
Das jüdische Volk existiert weiter – nicht als politisches Gemeinwesen, nicht als Territorialstaat, sondern als religiöse und kulturelle Gemeinschaft in der Diaspora. Babylon, Ägypten, Kleinasien, Griechenland, Rom – überall gab es jüdische Gemeinden. Die größten waren in Babylon (bis ins Mittelalter) und, trotz Kitos-Krieg, immer noch in Alexandria, wenn auch dezimiert.
Das rabbinische Judentum – mit der Mischna als Grundlage, dem entstehenden Talmud als intellektuellem Zentrum – gibt dieser Gemeinschaft die Struktur, die sie über die folgenden zweitausend Jahre zusammenhält. Keine einheitliche politische Führung, kein gemeinsames Territorium, aber ein gemeinsames Buch, eine gemeinsame Praxis, eine gemeinsame Erinnerung.
Und die Erinnerung an den Tempel – die Hoffnung auf Wiederkehr nach Jerusalem – bleibt lebendig. Am Ende des Pessach-Seder, des Ritualessens zur Erinnerung an den Exodus, sagen die Juden: „Nächstes Jahr in Jerusalem.“ Dieser Satz wurde gesprochen in Babylon, in Spanien, in Polen, in Marokko, in New York – zweitausend Jahre lang, bevor er für einen Teil des jüdischen Volkes wieder Wirklichkeit wurde.
14. Schluss#
Die Geschichte der Juden von den Anfängen bis 135 CE ist die Geschichte eines kleinen Volkes, das durch außergewöhnliche kulturelle und religiöse Kreativität Katastrophen überlebte, die andere vernichtet hätten.
Die politische Bilanz ist ernüchternd. Von etwa 1.200 Jahren jüdischer Existenz im Land (vom ersten Erscheinen Israels in der Merenptah-Stele bis zur hadrianischen Vernichtung) war der Zeitraum wirklicher Unabhängigkeit ein einziges Jahrhundert, nämlich die hasmonäische Epoche. Alles andere war Fremdherrschaft in wechselnder Form: ägyptisch, assyrisch, babylonisch, persisch, ptolemäisch, seleukidisch, römisch. Jüdische Staatlichkeit war die Ausnahme, nicht die Regel.
Die religiöse Bilanz ist atemberaubend. Aus der ersten Katastrophe (586 BCE) ging ein Judentum hervor, das ohne Land und Tempel existieren konnte – durch Text, Gebet, Sabbat. Aus der zweiten Katastrophe (70 CE) ging ein Judentum hervor, das ohne Tempel und Priesterschaft existieren konnte – durch Rabbinertum und Halacha. Aus der dritten Katastrophe (135 CE) ging ein Judentum hervor, das auch ohne das Land Israel existieren konnte – durch die Diaspora-Organisation.
Die Zehn Stämme verschwanden, weil sie keine Texte, keine Gemeinschaft, keine Elite hatten, die die Identität hätte bewahren können. Die Zwei Stämme überlebten, weil das babylonische Exil paradoxerweise die Bedingungen schuf, unter denen das Judentum seine zentralen Texte und seine tragbare Religiosität entwickelte.
Die Tempelzerstörung 70 CE hätte das Ende sein können, so wie die assyrische Deportation das Ende der Zehn Stämme war. Sie war es nicht, weil das rabbinische Judentum eine Religion ohne Tempel, ohne Land, ohne König erfunden hatte, oder genauer: weil es eine solche Religion schon in Babylon erfunden hatte und nun weiterentwickelte.
135 CE ist der definitive Abschluss der antiken jüdischen Geschichte. Was danach kommt – die Diaspora, das Mittelalter, die Begegnung mit Islam und Christentum, Spanien, die Pogrome, die Aufklärung, die Emanzipation, der Holocaust, Herzl, Israel – ist das Thema der folgenden Kapitel.
Quellen und Vertiefung:
[Finkelstein and Silberman, 2002] << zwei, drei Sätze über das Buch >>
[Keel and Uehlinger, 1992] (Religionsgeschichte Israels)
[Boyarin, 2004] (Trennung Judentum/Christentum)
[Yadin, 1971] (die Briefe)
[Eshel, n.d.].