Von Abraham bis Netanyahu:
die Geschichte der Juden#
Johannes Siedersleben (Editor)
Juni 2026
Vier Rätsel#
Die jüdische Geschichte wirft Fragen auf, die sich bei anderen Völkern nicht stellen. Hier sind vier:
1. Überleben#
Andere Völker der Antike verschwanden unter ähnlichen Bedingungen spurlos. Die Phönizier, deren Handelsnetze das Mittelmeer verbanden. Die Philister, die den Küstenstreifen Kanaans bewohnten. Die Moabiter, die Edomiter, die Ammoniter – alle aufgesogen, assimiliert, vergessen. Von diesen Völkern sprechen heute nur noch Altertumswissenschaftler.
Das jüdische Volk überlebte. Über 1.800 Jahre ohne souveränen Staat, ohne Armee, als Minderheit unter fremden Mehrheiten, verteilt über drei Kontinente. Es überlebte den Fall Jerusalems 586 BCE, die Tempelzerstörung 70 CE, das babylonische Exil, die römische Zerstörung, die Kreuzzüge, die spanische Inquisition, die Chmelnizkij-Massaker, die russischen Pogrome und den Holocaust. Es schrumpfte dabei von vielleicht 2 bis 5 Millionen im 1. Jahrhundert (die höheren Zahlen sind ältere Hochrechnungen, die moderne Demografie ist skeptischer) auf eine Million um 1500, aber es verschwand nicht. Der Rückgang erklärt sich nicht nur durch Verfolgung, sondern auch durch Assimilation und Konversion, vor allem im islamischen Raum.
Dass dies ohne souveränes Territorium gelang, lag an der inneren Autonomie vieler Diaspora-Gemeinden: das Millet-System im Osmanischen Reich, der Kahal in Polen, Synagogen und Rabbinatsgerichte als faktische Institutionen. Verbunden war das jüdische Volk durch Texte, Recht, Endogamie und messianische Hoffnung (Kapitel 1 und 2). Die liturgische Kontinuität blieb erhalten, auch wenn Alltagssprachen (Aramäisch, Judäo-Arabisch, Jiddisch, Ladino) und Riten variierten. Aber das Rätsel bleibt: Eine kleine Gemeinschaft, die die Weltreiche überdauert hat, die sie unterwarfen. (Sonderfälle jüdischer Herrschaft gab es – das Königreich Himjar im 6. Jahrhundert, die chasarische Elite im 8.–10. –, doch sie blieben Episoden.)
2. Exzellenz#
Heute gibt es rund 15 Millionen Juden, etwa 0,2 Prozent der Weltbevölkerung. Rund 46 Prozent leben in Israel, etwa 40 Prozent in den USA, der Rest verteilt auf ein Dutzend Länder.
Diese 0,2 Prozent stellen einen auffälligen Anteil der Nobelpreisträger. Seit 1901 wurden rund 965 Personen mit Nobelpreisen ausgezeichnet; etwa 200 davon waren jüdischer Herkunft (ganz oder teilweise – die Zahl hängt stark von der Definition ab). Das ist etwa das Hundertfache des Bevölkerungsanteils. In der Wirtschaftswissenschaft liegt der jüdische Anteil bei rund 40 Prozent, in Medizin, Physik und Chemie zwischen 19 und 27 Prozent.
Die Zahlen sind nicht Ausdruck von Genetik oder göttlicher Auserwähltheit. Sie sind Folge einer besonderen Geschichte und mehrerer sich verstärkender Faktoren: einer zweitausendjährigen Textkultur, die ein Milieu schuf, in dem intellektuelle Arbeit Status hatte; der jüdischen Aufklärung (Haskala), die im 19. Jahrhundert säkulare Bildung förderte; einer Konzentration in urbanen, forschungsintensiven Ländern; und einer brutalen Vertreibung, die im 20. Jahrhundert einen Teil der europäisch-jüdischen Elite nach Amerika spülte (rund 30 Prozent der deutschen Physiker waren jüdisch).
3. Rückkehr nach Palästina#
Im August 1897 saßen 208 Delegierte aus siebzehn Ländern in einem Hotel in Basel und beschlossen, einen jüdischen Staat zu errichten. Theodor Herzl schrieb in sein Tagebuch: „Gründete ich in Basel den Judenstaat, so würde mir heute ein allgemeines Gelächter antworten. Vielleicht in fünf Jahren, jedenfalls in fünfzig wird es jeder einsehen.“ Der Staat Israel wurde am 14. Mai 1948 ausgerufen, fünfzig Jahre und neun Monate nach Basel.
Das ist in der Moderne nahezu beispiellos. Ein Volk, das seit der Antike ohne souveränen Staat gelebt hatte, errichtete ihn nach zweitausend Jahren – und nur drei Jahre nach Auschwitz. Die Gleichzeitigkeit von Katastrophe und Staatsgründung ist kein Zufall, aber sie ist auch nicht monokausal. Die völkerrechtliche Grundlage stand lange vorher: Balfour-Deklaration 1917, Völkerbundsmandat 1922. Die zionistische Einwanderung seit 1882 schuf Fakten vor Ort. Der Holocaust war ein entscheidender Faktor – er radikalisierte die internationale Unterstützung (UN-Teilungsplan 1947) und die jüdische Bereitschaft zur Einwanderung –, daneben wirkten der britische Rückzug, die Supermachtpolitik von 1947 und die Lage in den DP-Lagern. Bitter ist, dass der Holocaust zugleich das demografische Hauptpotenzial vernichtete, das den Staat eigentlich aufbauen sollte; einen Teil dieser Lücke füllten die großen Einwanderungswellen aus arabischen und iranischen Ländern (1948–1970).
Und doch: Diese Rückkehr, so unwahrscheinlich sie historisch war, traf auf eine arabisch-palästinensische Bevölkerung, die seit Jahrhunderten im Land lebte und nicht konsultiert worden war. Sie trug die Konsequenzen einer Neuordnung, die primär auf die europäische Geschichte reagierte. Aus dieser Asymmetrie entstand ein Konflikt, der bis heute andauert.
Die Kapitel 5 bis 9 erzählen diese Geschichte mit ihrem Triumph, ihrer Tragik und ihrer offenen Zukunft.
4. Wiederkehr des Antisemitismus#
Nach 1945 hielten viele den Antisemitismus für erledigt. Das Menschheitsverbrechen von Auschwitz, so die Hoffnung, habe die Judenfeindschaft so gründlich diskreditiert, dass sie nicht mehr wiederkommen könne. Diese Hoffnung erwies sich als verfrüht.
Seit den 2010er-Jahren verzeichnen viele westliche Länder einen Anstieg antisemitischer Vorfälle, mit Spitzen in den Jahren 2014, 2021 und 2023/24. Die Formen sind vielfältig und sollten unterschieden werden:
Traditioneller Antisemitismus, rassistisch oder religiös: rechtsextremer Rassenantisemitismus in der Tradition von Houston Stewart Chamberlain (Die Grundlagen des neunzehnten Jahrhunderts, 1899) und den Protokollen der Weisen von Zion, einer antisemitischen Fälschung um 1900.
Islamistischer Antisemitismus, theologisch motiviert (etwa in der Hamas-Charta), der jüdische Ziele gewaltsam adressiert.
Antizionistischer Antisemitismus, der die Grenze zwischen legitimer Kritik an Israel und Judenfeindschaft verwischt. Die Abgrenzung lässt sich an Kriterien festmachen: Doppelstandards, Dämonisierung, Delegitimierung. Die BDS-Bewegung gehört zu den kontroversen Fällen an dieser Grenze.
Nach dem Hamas-Angriff vom 7. Oktober 2023 und dem darauf folgenden Gaza-Krieg haben diese Tendenzen eine Intensität erreicht, die seit 1945 selten war. An westlichen Universitäten, auf Demonstrationen, in sozialen Medien wird eine Sprache verwendet, die vor zehn Jahren noch undenkbar war.
Warum? Der Antisemitismus erweist sich als resilient – nicht trotz, sondern wegen seiner Anpassungsfähigkeit an immer neue Ideologien. Hinzu kommen moderne Treiber: soziale Medien, der Import des Nahostkonflikts, politische Polarisierung, Verschwörungstheorien und staatliche oder halbstaatliche Agitation. Dies ist eine verstörende Erkenntnis der letzten Jahre.
Die Neuen Historiker und das Righteous-Victims-Paradigma#
Die Geschichte Israels und des Nahostkonflikts ist ein umkämpftes Feld, in dem Darstellungen oft einer politischen Agenda folgen. Viele sind für nur eine Seite gemacht: Die einen erzählen die Heldengeschichte einer verfolgten Nation, die gegen alle Widerstände ihren Staat errichtete und sich seitdem gegen fanatische Feinde verteidigt. Die anderen erzählen die Geschichte eines kolonialen Unternehmens, das eine indigene Bevölkerung verdrängte und seitdem einen Unterdrückungsstaat führt. Beide Erzählungen enthalten richtige Elemente. Beide sind als Ganzes unzureichend.
Um diese Rätsel zu entschlüsseln, stützt sich dieses Buch auf die Schule der Neuen Historiker (New Historians), die in den späten 1980er Jahren in Israel entstand. Die wichtigsten Vertreter sind Benny Morris, Tom Segev, Avi Shlaim und, deutlich polemischer, Ilan Pappé. Sie nutzten die Öffnung israelischer Staatsarchive nach der 30-Jahres-Sperrfrist und lasen die Akten der Staatsgründung. Was sie fanden, widersprach der offiziellen israelischen Geschichtsschreibung an zentralen Punkten: die palästinensische Flucht von 1948 war teilweise erzwungen, nicht nur Folge arabischer Rufe zur Flucht; einzelne Massaker durch israelische Streitkräfte waren keine Ausnahmen, sondern Teil eines Musters; die arabischen Armeen waren 1948 zersplittert und schlecht koordiniert.
Ihre Arbeit ist quellenbasiert und wurde kontrovers rezipiert; in jedem Fall hat sie die Forschungslage verändert. Manche Thesen wurden später revidiert – Morris selbst nahm in Corrections (2004) Präzisierungen vor und urteilte politisch schärfer als zuvor –, und Kritiker wie Efraim Karsh oder Anita Shapira halten den Neuen Historikern eine Tendenz zur Überkorrektur vor. Grundlegend für die Debatte bleiben sie dennoch.
Morris’ Hauptwerk Righteous Victims (1999) – „Gerechte Opfer“ – hat diesem Buch seine Leitformel gegeben. Die These: Beide Seiten des israelisch-palästinensischen Konflikts sehen sich mit gutem Grund als gerechte Opfer. Die Juden, nach zweitausend Jahren Verfolgung und sechs Millionen Ermordeten im Holocaust. Die Palästinenser, nach der Vertreibung oder Flucht von 700.000 Menschen 1948 und der fortdauernden Besetzung des Westjordanlands und der Annexion Ostjerusalems seit 1967 (Gaza steht seit 2005 unter Blockade und effektiver Kontrolle, ohne permanente israelische Bodenpräsenz bis 2023). Beide Selbstbilder haben empirische Grundlagen. Beide haben blinde Flecken. Und beide führen, wenn sie absolut gesetzt werden, zur Blockade jeder Verständigung.
Dieses Buch versucht, beide Perspektiven mit gleicher Ernsthaftigkeit darzustellen – ohne in falsche Äquidistanz zu verfallen: Israel ist der militärisch stärkere Akteur, die Palästinenser sind die Bevölkerung unter Besatzung; auf israelischer Seite stehen Siedlungsausbau, die Rechtslage in der Westbank und die Folgen einer schwachen Oslo-Implementierung. Aber auch: Die palästinensische und die arabische Führung haben in entscheidenden Momenten Kompromisse ausgeschlagen – die Teilung 1947 (Ablehnung der Teilung eines Landes, in dem Araber damals die Mehrheit stellten), den Autonomierahmen von Camp David 1978 (von der PLO nicht akzeptiert), die Angebote von 2000 und 2008 (von palästinensischer Seite als unvollständige Souveränität ohne Kontrolle über Grenzen und Luftraum und ohne tragfähige Flüchtlingslösung wahrgenommen). Umgekehrt blieb die Arabische Friedensinitiative von 2002 auf israelischer Seite weitgehend ohne Antwort. Wer hier nur die Versäumnisse einer Seite aufzählt, verfehlt den Konflikt.
Dieselbe Haltung gilt für das innerjüdische Spektrum. Das Buch behandelt Orthodoxe und Säkulare, Aschkenasim und Mizrachim, Zionisten und Antizionisten mit gleichem Respekt. Wo Quellen unsicher sind, wird die Unsicherheit benannt. Wo Zahlen umstritten sind (Exodus, Chmelnizkij, 1948er Flüchtlinge), werden die Bandbreiten angegeben.
Begriffe#
Die Geschichte der Juden bringt viele wenig bekannte Begriffe mit sich – Diaspora und Zionismus, Aschkenasim und Sephardim, Aliya, Halacha, Tora, Tanach und Talmud, Nakba und Intifada, dazu die Unterscheidung von Antijudaismus und Antisemitismus und die immer wiederkehrende Frage, wer eigentlich gemeint ist, wenn von Hebräern, Israeliten, Judäern oder Juden die Rede ist. Wer diese Begriffe nicht parat hat, verliert rasch den Faden.
Sie alle sind im Glossar erklärt. Es lohnt sich, dort vor der Lektüre einen Blick hineinzuwerfen und bei Bedarf nachzuschlagen. Im Namensverzeichnis findet man Personen, Völker und Dynastien, Orte sowie Institutionen, Organisationen und Ereignisse.
Struktur#
Das Buch besteht aus drei Teilen.
Teil I: Geschichte der Juden bis zur Staatsgründung (Kapitel 1–5)#
Kapitel 1 – Ursprünge (bis 135 CE). Die biblische und nachbiblische Antike: die Entstehung Israels in Kanaan, die Königszeit, die Propheten, das babylonische Exil, der Zweite Tempel, die Römerzeit, die Zerstörung Jerusalems, das Ende mit Bar Kochba.
Kapitel 2 – Diaspora (135–1492). Die mittelalterliche Diaspora: das Judentum unter Islam und Christentum, das Goldene Zeitalter in Spanien, die Kreuzzugspogrome, die Pest, die Vertreibung aus Spanien.
Kapitel 3 – Neuzeit (1492–1897). Das Osmanische Reich als Zufluchtsort, Polen als größtes Zentrum, die Aufklärung und die Haskala, die Emanzipation und ihr Schatten – der moderne Antisemitismus. Endet mit dem Basler Kongress.
Kapitel 4 – Von Basel bis Auschwitz. Die zionistische Bewegung, die Herausforderungen des Mandatsgebiets, der Holocaust, die Staatsgründung Israels. Dieses Kapitel umfasst die dichteste und traumatischste Zeit der jüdischen Geschichte.
Kapitel 5 – Israel. Die Staatsgründung Israels 1948 und der parallele Zusammenbruch der palästinensischen Gesellschaft. Hier beginnt die Doppelperspektive, die das ganze Buch durchzieht.
Teil II: Geschichte des Staates Israel (Kapitel 6–8)#
Kapitel 6 – Von der Gründung bis zum Sechstagekrieg. Die Aufbaujahre: Masseneinwanderung, Staatsbildung, die Kriege von 1948, 1956, 1967, der Sieg im Sechstagekrieg und seine ambivalenten Folgen.
Kapitel 7 – Vom Sechstagekrieg bis Oslo. Die Ära der Besatzung, der Jom-Kippur-Krieg, die Libanon-Invasion, die erste Intifada, der Oslo-Prozess.
Kapitel 8 – Von Oslo bis 2026. Von Oslo bis zum Gaza-Krieg nach dem 7. Oktober 2023 – eine Geschichte gescheiterter Friedensversuche und eskalierender Konflikte.
Teil III: Querschnittsthemen (Kapitel 9–10)#
Kapitel 9 – Das Flüchtlingsproblem. Die Situation im Jahr 1948, die Rolle von UNRWA, die Akteure (PLO, Hamas, Hisbollah, Iran), das Rückkehrrecht. Eines der schwierigsten Kapitel, weil hier die moralische und politische Komplexität am dichtesten ist.
Kapitel 10 – Stationen des jüdischen Volkes. Jüdisches Leben in der Diaspora: Babylon, Alexandria, Spanien, Polen, Osmanisches Reich, Amerika, Israel. Mit einem Exkurs über die jüdischen Nobelpreisträger.
Aktualität#
Dieses Buch erscheint in einer Zeit, in der der Nahostkonflikt eine neue Eskalationsstufe erreicht hat – der vorläufige Höhepunkt der in den Kapiteln 8 und 9 beschriebenen Dynamiken. Der Angriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 – mit rund 1.200 Toten und der Entführung von etwa 250 Menschen – war das blutigste Ereignis für die Juden seit dem Holocaust. Die darauf folgende israelische Militäroperation in Gaza forderte nach Angaben des Gaza-Gesundheitsministeriums über 50.000 Todesopfer (die Zahl ist umstritten und umfasst Kombattanten wie Zivilisten; unabhängige Schätzungen variieren). Hisbollah und Iran wurden in direkte Konfrontation mit Israel verwickelt. Die Lage ist offen, die Zahl der Toten steigt, während dieser Text geschrieben wird.
Ein Buch, das solche Ereignisse behandelt, kann nicht das letzte Wort sein. Es kann nur den Stand der Dinge bis zu einem bestimmten Zeitpunkt festhalten und hoffen, dass die Strukturen, die es beschreibt, dem Leser helfen, die weiteren Entwicklungen zu verstehen. Das vorliegende Buch schließt seinen zeithistorischen Stoff mit dem Frühjahr 2026 ab.