Das Flüchtlingsproblem – Vertreibung, Lager und Widerstand#
Dieses Kapitel folgt einer Kausalität, die unbequem ist, aber historisch nahe liegt: Die Vertreibung von rund 726.000 Palästinensern 1948 schuf sozialpsychologische Bedingungen, unter denen die Wahrscheinlichkeit von Radikalisierung und schließlich Terrorismus stark stieg. Das zu sagen, ist keine Rechtfertigung von Gewalt gegen Zivilisten. Es ist die Beschreibung eines Mechanismus, den die Geschichte oft bestätigt: Wer eine Bevölkerung ohne Heimat, ohne Perspektive und ohne Hoffnung in Lagern festsetzt, erhöht die Wahrscheinlichkeit von Verzweiflung. Und Verzweiflung sucht sich Wege – nicht immer die, die wir für legitim halten.
Diese Bedingungen erhöhen die Wahrscheinlichkeit von Gewalt; sie determinieren sie nicht. Dieses Kapitel erklärt. Es rechtfertigt nichts.
1. Die Vertreibung und ihre unmittelbaren Folgen#
Wer ging wohin#
Zwischen November 1947 und März 1949 flohen oder wurden vertrieben ca. 726.000 Palästinenser (Schätzung der UN Conciliation Commission, 1949; die Bandbreite seriöser Quellen reicht von 700.000 bis 750.000). Ob diese Vertreibung geplant oder das Ergebnis des Kriegschaos war, ist bis heute umstritten: Benny Morris kommt zu dem Schluss, dass beides zutrifft – teils gezielte Vertreibung, teils Flucht im Chaos des Krieges. Die Flüchtlinge gingen in vier Richtungen:
Gazastreifen: Ca. 200.000 Flüchtlinge strömten in ein Gebiet, das selbst kaum 80.000 Einwohner hatte – ein Küstenstreifen von 40 km Länge und 10 km Breite. Die Bevölkerungsdichte explodierte. Ägypten, das Gaza militärisch kontrollierte, gab den Flüchtlingen keine vollwertige Staatsbürgerschaft und keine Freizügigkeit nach Ägypten selbst. Das All-Palestine-Government (unter ägyptischem Schutz) stellte sogenannte „All-Palestine“-Pässe aus, die international kaum anerkannt waren und faktisch keine Reisemöglichkeiten schufen. Die Flüchtlinge blieben, wo sie waren.
Westjordanland: Ca. 280.000 Flüchtlinge kamen in das Gebiet, das Jordanien 1950 formal annektierte – zusammen mit Ostjerusalem. Die Annexion war zugleich ein politischer Akt der Machtausdehnung: König Abdullah I. erklärte das Westjordanland und Ostjerusalem zum Teil Jordaniens und änderte parallel dazu das Staatsbürgerschaftsgesetz – jeder Palästinenser, der zu diesem Zeitpunkt im Westjordanland lebte oder als Flüchtling dorthin gekommen war, wurde per Gesetz zum jordanischen Staatsbürger. Die Annexion wurde international weitgehend nicht anerkannt (faktische Ausnahmen: Großbritannien, Pakistan). Jordanien war damit das einzige arabische Land, das den Palästinensern Staatsbürgerschaft gab – ein Schritt, der weniger aus Großzügigkeit als aus dem Interesse an der Kontrolle über das annektierte Gebiet erklärt wird. Viele blieben dennoch in Lagern.
Libanon: Ca. 100.000 Flüchtlinge – in einem Land mit fragiler konfessioneller Balance, das ihre Aufnahme als Staatsbürger verweigerte. Sunniten in großer Zahl hätten das demographische Gleichgewicht zerstört. Die Palästinenser wurden staatenlos und blieben es.
Syrien: Ca. 80.000–100.000 Flüchtlinge, ebenfalls ohne Staatsbürgerschaft, mit etwas mehr Bewegungsfreiheit als im Libanon.
Die Lager#
Die Flüchtlinge wurden in Lagern untergebracht – zunächst in Zelten, dann in Wellblechhütten, schließlich in gemauerten Gebäuden, die über Jahrzehnte wuchsen und verdichteten. Die Lager sollten provisorisch sein. Sie wurden permanent.
Die United Nations Relief and Works Agency (UNRWA) wurde 1949 gegründet – als temporäre Organisation, bis eine politische Lösung die Flüchtlinge in ihr Leben zurückbrächte. Sie existiert heute noch, 75 Jahre später, und betreut ca. 5,9 Millionen registrierte palästinensische Flüchtlinge – die Nachkommen der ursprünglichen 726.000. Der Sprung von 700.000 auf 5,9 Millionen erklärt sich aus einem institutionellen Sonderfall: Die UNRWA hat ein anderes Mandat als das UNHCR, das für alle übrigen Flüchtlinge der Welt zuständig ist. Beim UNHCR erlischt der Flüchtlingsstatus mit der Einbürgerung im Aufnahmeland; bei der UNRWA bleibt er bestehen und wird vererbt (patrilinear, über die männliche Linie). Davon besitzen ca. 2 Millionen die jordanische Staatsbürgerschaft.
Heute betreibt UNRWA 58 anerkannte Lager – in Gaza, im Westjordanland, in Jordanien, im Libanon und in Syrien. Die wichtigsten:
Jabalia (Gaza): Ca. 110.000–130.000 Menschen auf weniger als 1,5 km² – eine der höchsten Bevölkerungsdichten der Erde. Im Gaza-Krieg 2023/24 schwer beschädigt.
Shatila (Libanon): Bekannt durch das Massaker von 1982. Heute ca. 10.000–20.000 Einwohner, extrem arm, rechtlich weitgehend marginalisiert.
Yarmouk (Syrien, Damaskus): War das größte Wohngebiet palästinensischer Flüchtlinge außerhalb Palästinas – ca. 150.000–200.000 Einwohner –, formal allerdings ein Stadtbezirk von Damaskus und kein offizielles UNRWA-Lager. Im syrischen Bürgerkrieg ab 2012 zum Schlachtfeld geworden, heute weitgehend entvölkert und zerstört.
Baqa’a (Jordanien): Ca. 100.000–120.000 Einwohner nördlich von Amman.
Nicht alle registrierten Flüchtlinge leben in offiziellen Lagern – etwa ein Viertel tut es. Die anderen drei Viertel leben außerhalb, von integrierten jordanischen Staatsbürgern bis zu staatenloser Bevölkerung im Libanon. Wer nicht im Lager lebt, lebt deshalb nicht notwendigerweise besser: Die Lager bündeln die UNRWA-Infrastruktur (Schulen, Kliniken), außerhalb ist der Zugang oft schwieriger. Und wer staatenlos ist, bleibt staatenlos – ohne Reisepass, ohne Arbeitsrecht, ohne Eigentumsrechte –, ob er nun in einem Lager oder in einer informellen Siedlung am Stadtrand lebt.
Die „anwesenden Abwesenden“#
Eines der folgenreichsten und umstrittensten juristischen Konstrukte der Nachkriegszeit: Das israelische Abwesenheitseigentumsgesetz (1950) erklärte alle, die zwischen November 1947 und Mai 1948 ihr Eigentum verlassen hatten, zu „Abwesenden“. Ihr Land, ihre Häuser, ihre Bankkonten fielen automatisch an den Staat.
Darunter fielen auch „anwesende Abwesende“ – Araber, die in Israel geblieben waren, aber vorübergehend in ein anderes Dorf oder eine andere Stadt geflohen waren und deshalb als abwesend galten, obwohl sie physisch im Land waren. Sie verloren ihr Eigentum, auch wenn sie wenige Kilometer entfernt lebten.
Eine Entschädigung gab es weitgehend nicht; vereinzelte, begrenzte Zahlungen änderten am Verlust des Grundeigentums wenig. Die UN-Resolution 194 (1948) hatte Rückkehr oder Entschädigung gefordert. Israel akzeptierte sie nicht als bindend – und verwies dabei darauf, dass Generalversammlungsresolutionen im Gegensatz zu Sicherheitsratsresolutionen völkerrechtlich nicht bindend sind und dass eine Rückkehr an ein Ende des Kriegszustands durch die arabischen Staaten geknüpft sein müsse. Dieser Streit über die Rechtsverbindlichkeit der Resolution ist bis heute nicht beigelegt.
2. Die Struktur der Aussichtslosigkeit#
Staatenlos, rechtlos, perspektivlos#
Die Situation der palästinensischen Flüchtlinge war von Anfang an strukturell aussichtslos – und das ist das Ergebnis von Entscheidungen verschiedener Akteure:
Israel verweigerte die Rückkehr und enteignete das Eigentum. Es baute auf oder nahe vielen zerstörten Dörfern – teilweise pflanzte der Jüdische Nationalfonds Wälder auf den Ruinen, die heute noch stehen.
Die arabischen Aufnahmestaaten – mit Ausnahme Jordaniens – verweigerten die Staatsbürgerschaft. Im Libanon durften Palästinenser jahrzehntelang ca. 70 Berufe nicht ausüben, kein Eigentum kaufen, nicht außerhalb der Lager bauen. Die arabischen Staaten argumentierten, eine Integration würde Israels Weigerung zur Rückkehr faktisch legitimieren und damit zu einer „Beihilfe zur ethnischen Säuberung“ werden. Israel – und viele westliche Beobachter – sahen darin eine bewusste Strategie, die Flüchtlingsfrage als politisches Druckmittel offen zu halten. Beide Deutungen haben einen wahren Kern: Die arabischen Staaten verfolgten eigene Interessen, und die Palästinenser zahlten den Preis dieser Interessenpolitik mit ihrer Lebensrealität.
Die internationale Gemeinschaft schuf mit UNRWA eine Institution, die Grundversorgung sicherte, aber keine politische Lösung erzwingen konnte und wollte. Im Kalten Krieg hatten beide Supermächte ein Interesse daran, ihren Einfluss in der Region zu wahren – eine erzwungene Regelung lag in niemandes Kalkül.
Das Ergebnis: Generationen, die in Lagern aufwuchsen, mit keiner Staatsangehörigkeit, keinem Reisepass, keinem legalen Anspruch auf Wohnen, Arbeiten oder Reisen – aber mit einer sehr präzisen kollektiven Erinnerung daran, woher ihre Familien kamen und was ihnen genommen worden war.
Warum die Lager dauerhaft wurden#
Die Lager wurden nicht durch einen einzigen Akt permanent, sondern durch eine Kette von Ereignissen, die jede Rückkehrhoffnung weiter entwerteten:
Die Naksa 1967: Der Sechstagekrieg löste eine zweite Vertreibungswelle aus – ca. 300.000 Palästinenser, viele davon zum zweiten Mal. Die Lagerbedingungen verschärften sich.
Die israelische Siedlungspolitik ab 1967: Die systematische Landnahme im Westjordanland untergrub jede Hoffnung auf Rückkehr in die ursprünglichen Dörfer.
Der Oslo-Prozess (1990er): Während über eine politische Lösung verhandelt wurde, wuchs die Zahl der Siedler weiter – ein zentraler Radikalisierungsfaktor, weil die Verhandlung selbst die Aussichtslosigkeit demonstrierte.
Der Schlüssel als Symbol#
Viele Familien bewahrten den Hausschlüssel ihrer alten Häuser in Palästina auf – und gaben ihn weiter, Generation für Generation. Der Schlüssel ist zum zentralen Symbol palästinensischer Identität geworden: der physische Beweis, dass man irgendwo ein Zuhause hatte, ein Recht auf Rückkehr, eine Geschichte vor der Katastrophe. Für Menschen, die keine Staatsbürgerschaft, kein Eigentum und keine Zukunft haben, ist er der einzige Besitz, der nicht weggenommen werden kann.
Ein Nährboden entsteht#
Wenn man sozialpsychologische Bedingungen für Radikalisierung und bewaffneten Widerstand schaffen wollte, müsste man folgendes tun: Menschen ihrer Heimat berauben. Sie weitgehend ohne Entschädigung in Lager schicken. Ihnen Staatsbürgerschaft, Bewegungsfreiheit und wirtschaftliche Perspektive verweigern. Die Hoffnung auf Rückkehr immer wieder wecken und immer wieder enttäuschen. Ihren Kindern und Enkeln dieselbe Situation vererben.
Das ist, was geschehen ist. Kein einzelner Akteur hat das so geplant. Aber das Ergebnis war dasselbe, als ob es so geplant worden wäre.
Die erste Generation der Flüchtlinge wartete – auf Rückkehr, auf einen arabischen Sieg, auf eine internationale Lösung. Die zweite Generation, in den Lagern geboren, begann sich zu organisieren. Die dritte bildete die Kämpfer. Doch das ist nur die eine Hälfte der Geschichte: Unter denselben Bedingungen wählten viele Palästinenser keinen Weg zur Gewalt. Die Bedingungen erhöhten die Wahrscheinlichkeit von Gewalt – sie erzwangen sie nicht.
3. Widerstand und Terrorismus – eine schwierige Grenze#
Was ist Widerstand?#
Die Geschichte kennt Fälle bewaffneten Widerstands gegen Besatzung oder Unterdrückung, die heute moralisch weitgehend unumstritten sind:
Die französische Résistance (1940–1944) kämpfte gegen die nationalsozialistische Besatzung – durch Sabotage, Attentate auf deutsche Soldaten und Offiziere, Untergrundorganisationen. Die Deutschen nannten sie Terroristen und erschossen als Repressalie oft ein Vielfaches an Zivilisten für jeden getöteten Soldaten (das Verhältnis schwankte und war keine einheitliche Doktrin). Die Geschichte hat entschieden: Die Résistance war Widerstand, die deutschen Repressalien waren Kriegsverbrechen.
Der algerische Unabhängigkeitskampf (FLN, 1954–1962) gegen die französische Kolonialherrschaft umfasste auch Anschläge auf Zivilisten. Frankreich antwortete mit Folter, Masseninhaftierungen, dem Verschwindenlassen von Verdächtigen. Moralisch komplex auf beiden Seiten – Algerien wurde unabhängig, und die Geschichte sieht die FLN heute überwiegend als Befreiungsbewegung.
Die IRA kämpfte für ein vereintes Irland gegen die britische Herrschaft über Nordirland. Ihre Methoden – Bomben in Städten, Attentate auf Soldaten und Politiker, aber auch auf Zivilisten – waren in ihrer Brutalität schwer zu rechtfertigen. Der Bloody Sunday (1972), bei dem britische Soldaten 14 unbewaffnete Demonstranten erschossen, delegitimierte die britische Position. Der Karfreitagsfrieden (1998) kam durch politischen Kompromiss, nicht militärischen Sieg.
Diese Analogien sind nicht deckungsgleich mit dem palästinensischen Fall, und man sollte sie nicht überdehnen. Résistance und FLN kämpften gegen eine Kolonial- bzw. Besatzungsmacht; im palästinensischen Fall überlagern sich Besatzung (Westjordanland, Gaza) und der Konflikt um die Existenz eines Staates. Die Analogien erhellen einen Mechanismus, sie liefern keine moralische Gleichung.
Was ist Terrorismus?#
Es gibt keine allgemein anerkannte völkerrechtliche Definition von Terrorismus. Einige Merkmale, über die weitgehend Einigkeit besteht: Terrorismus zielt bewusst auf Zivilisten – nicht als Kollateralschaden, sondern als primäres Ziel. Das Ziel ist psychologische Wirkung: Angst, Destabilisierung, politischer Druck. Terrorismus ist die Waffe derer, die militärisch zu schwach sind, um konventionell zu kämpfen.
Das Humanitäre Völkerrecht – die Genfer Konventionen und ihre Zusatzprotokolle – enthält das sogenannte Unterscheidungsgebot: Angriffe müssen zwischen Kombattanten (Soldaten, bewaffnete Kämpfer) und Zivilisten unterscheiden. Wer Zivilisten gezielt angreift, begeht nach dieser Norm immer ein Kriegsverbrechen – unabhängig davon, wie legitim das politische Ziel sein mag.
Das macht die Grenze zwischen Widerstand und Terrorismus nicht immer einfach zu ziehen – aber es gibt ein klares Kriterium: die Entscheidung, wen man angreift.
September 1970 und München 1972#
Der Schwarze September ist sowohl ein historisches Ereignis als auch der Name einer daraus entstandenen Terrororganisation.
Das Ereignis: Im September 1970 ließ König Hussein von Jordanien das Militär gegen die PLO vorgehen, die de facto einen Staat im Staat kontrollierte. Mehrere tausend Palästinenser wurden getötet – seriöse Schätzungen liegen meist zwischen 2.000 und 5.000; die früher kursierende Zahl „Zehntausende“ geht auf damalige PLO-Propaganda zurück. Die PLO wurde aus Jordanien vertrieben und zog in den Libanon. Das war ein Trauma doppelter Art: Nicht nur die israelische Seite, sondern auch die arabische hatte Palästinenser geopfert, wenn es den eigenen Interessen diente.
Die Terrororganisation „Schwarzer September“ – benannt nach diesem Ereignis – verübte 1972 beim Olympia-Attentat in München den schwersten palästinensischen Terroranschlag in Europa: Elf israelische Athleten und ein deutscher Polizist wurden getötet.
München war ein Wendepunkt: Terrorismus wurde global sichtbar. Und es war ein strategischer Fehler der Täter – es delegitimierte die palästinensische Sache in weiten Teilen der westlichen Öffentlichkeit, die bis dahin durchaus Sympathien für die Flüchtlingssituation gehabt hatte.
4. Die Akteure: PLO, Hamas, Hisbollah#
PLO – Palästinensische Befreiungsorganisation#
Gegründet: 1964 auf Initiative der Arabischen Liga; ab 1969 unter Yasser Arafats Fatah-Bewegung.
Charakter: Säkular, nationalistisch. Die PLO war kein Staat und keine Partei, sondern ein Dachverband palästinensischer Organisationen. Ihr Ziel war ursprünglich die Vernichtung Israels – 1988 revidiert zur Zwei-Staaten-Lösung auf der Basis der Grenzen von 1967.
Geschichte: Flugzeugentführungen, Anschläge, der Schwarze September in Jordanien (1970), Vertreibung in den Libanon, von dort 1982 nach Tunis. Oslo 1993: gegenseitige Anerkennung mit Israel. Heute: Die Fatah kontrolliert die Palästinensische Autonomiebehörde im Westjordanland – weitgehend delegitimiert in der palästinensischen Bevölkerung, wahrgenommen als korrupt und kollaborierend.
Der Übergang von Terrorismus zu Politik ist bei der PLO am deutlichsten sichtbar: Eine Organisation, die Flugzeuge entführte und Geiseln nahm, unterzeichnete einen Friedensvertrag und wurde anerkannte Regierung. Das ist weder einzigartig noch überraschend – es ist ein häufiges Ende von Guerilla- und Widerstandsbewegungen, die politisch erfolgreich sind.
Hamas – Islamische Widerstandsbewegung#
Gegründet: 1987 in Gaza, zu Beginn der ersten Intifada.
Charakter: Islamistisch, nationalistisch. Hamas ist der palästinensische Ableger der Muslimbruderschaft. Sie lehnt Israel grundsätzlich ab und hat es nie anerkannt.
Entstehung aus den Lagern: Hamas entstand in Gaza, in einer Bevölkerung, die seit vierzig Jahren in extremer Dichte, unter Besatzung und ohne Perspektive lebte. Viele ihrer Kader stammten aus den Flüchtlingslagern, ihre soziale Basis war jedoch breiter. Ihr Aufstieg ist auch ohne den Verfall der PLO nicht zu verstehen: Hamas profitierte vom Ruf der Fatah als korrupt und kollaborierend und bot ein Gegenmodell – religiös, sozial verankert, kompromisslos.
Israelisches Kalkül: In den 1970er und 1980er Jahren duldete und legalisierte Israel die Entwicklung von Mujama al-Islamiya – dem sozialen und religiösen Netzwerk von Scheich Ahmed Jassin, aus dem später Hamas hervorging. Wichtig zur Vermeidung eines Missverständnisses: Israel förderte damals keine bewaffnete Gruppe, sondern eine karitative, gewaltfreie islamische Bruderschaft, die sich primär gegen die säkulare PLO wandte; man erhoffte sich ein religiöses Gegengewicht zum PLO-Nationalismus. Der Umschlag in militanten Terrorismus erfolgte erst mit der Ersten Intifada 1987. Im Rückblick war diese indirekte Stärkung eine schwere Fehlkalkulation: Die religiöse Sozialbewegung wurde zur militanten Hamas, kompromissloser als die PLO es je war.
Geschichte: Selbstmordanschläge in den 1990ern und 2000ern. Wahlsieg 2006. Machtübernahme in Gaza 2007. Mehrere Kriege mit Israel. Am 7. Oktober 2023 führte Hamas den schwersten Angriff auf Israel seit der Staatsgründung durch – ca. 1.200 Tote, rund 250 Geiseln.
Hisbollah – Partei Gottes#
Gegründet: 1982 im Libanon – als Ergebnis der iranischen Revolutionsgarden-Präsenz und als direkte Reaktion auf die israelische Invasion.
Charakter: Schiitisch-islamistisch, libanesisch. Hisbollah ist keine palästinensische Organisation, sondern eine libanesische – und damit grundlegend anders als PLO und Hamas.
Entstehung: Der Iran schickte nach seiner Revolution (1979) Revolutionsgarden in den Libanon, um eine schiitische Widerstandsbewegung aufzubauen. Die libanesische Schia – die ärmste und am stärksten marginalisierte Gemeinschaft des Libanons – war der soziale Nährboden. Die israelische Invasion von 1982 war der Katalysator.
Struktur: Hisbollah ist gleichzeitig Partei, Sozialwerk, Armee und iranisches Machtinstrument. Sie betreibt Schulen, Krankenhäuser, Medien und hält eine Miliz, die stärker ist als die libanesische Staatsarmee. Sie sitzt im Parlament und stellt Minister.
Geschichte: Guerillakrieg gegen israelische Besatzung im Südlibanon 1982–2000. Libanonkrieg 2006 nach Entführung israelischer Soldaten. Nach dem 7. Oktober 2023 monatelanger Raketenbeschuss Nordisraels. Im Herbst 2024 führte Israel eine massive Operation gegen die Führungsstruktur und Waffendepots der Hisbollah; nach Medienberichten wurden Generalsekretär Hassan Nasrallah und weite Teile der Führung getötet, gefolgt von einer fragilen, mehrfach verletzten Waffenruhe. (Diese Ereignisse liegen am Rand des Redaktionsschlusses und sind noch nicht abschließend dokumentiert.)
5. Der Iran – eine eigene Kategorie#
Im Gegensatz zu PLO, Hamas und Hisbollah handelt es sich beim Iran um einen souveränen Nationalstaat mit 90 Millionen Einwohnern, Regionalmacht und nukleares Schwellenland. Im Nahen Osten ist er demographisch und militärisch eine der einflussreichsten Mächte, die weder arabisch noch türkisch ist – eine Besonderheit, die sein geopolitisches Handeln stark prägt. Er hat keine gemeinsame Grenze mit Israel, keine palästinensische Bevölkerung, keinen territorialen Anspruch. Bezeichnenderweise erkennt der Iran Israel offiziell nicht als Staat an, sondern spricht vom „zionistischen Regime“ – eine bewusste Verweigerung der völkerrechtlichen Anerkennung. Seine Israel-Feindschaft ist ideologisch konstruiert, nicht territorial verwurzelt – was sie persistenter macht als die Feindschaft der arabischen Nachbarstaaten.
Der Bruch von 1979#
Bis zur Islamischen Revolution war der Iran unter dem Schah einer der engsten Partner Israels – allerdings im Geheimen: Öllieferungen (Projekt Flower), Geheimdienstkooperation, faktische diplomatische Beziehungen, ohne dass der Schah Israel je völkerrechtlich anerkannte. Beide Länder verband eine strategische Logik: nicht-arabische, pro-westliche Mächte in einer arabisch dominierten Region.
Die Revolution Khomeinis 1979 kehrte das vollständig um. Der neue Iran definierte sich über Feindbilder: Amerika („Großer Satan“), Israel („Kleiner Satan“). Die Vernichtung Israels wurde nicht taktisches Ziel, sondern ideologisches Fundament.
Woher kommt die Feindschaft#
Die theologisch-politische Schicht: Khomeinis Staatstheologie – Velayat-e Faqih, die Herrschaft des Rechtsgelehrten – verbindet religiöse und politische Führung untrennbar. In diesem Rahmen ist Israel eine dreifache Anmaßung: Besatzung islamischen Landes (Jerusalem, Al-Aqsa), westliches Implantat im Körper der islamischen Welt, und Symbol islamischer Erniedrigung durch den Westen. Ein Frieden mit Israel wäre theologischer Verrat und würde die Legitimitätsbasis des Regimes erschüttern.
Die geopolitische Schicht: Unter der Ideologie steckt Machtpolitik. Die Feindschaft zu Israel und Amerika gibt dem Iran Legitimität in der arabischen Welt, die er als persische Macht sonst nicht hätte. Hamas zu finanzieren ist nicht nur Antizionismus – es ist Einfluss auf die arabische Straße, in Ländern, in denen Iran sonst keinen hätte.
Die Stellvertreter-Strategie: Iran kämpft nicht direkt gegen Israel – das wäre militärisches Risiko ohne kalkulierbaren Gewinn. Stattdessen betreibt er die sogenannte „Achse des Widerstands“: ein Netzwerk bewaffneter Gruppen rund um Israel – Hisbollah im Libanon, Hamas und Islamischer Dschihad in Gaza, Huthi im Jemen, schiitische Milizen im Irak. Jede Gruppe kämpft formal für ihre eigenen Ziele, ist aber Teil eines iranischen strategischen Kalküls.
Die Nuklearfrage: Iran betreibt ein Nuklearprogramm – offiziell zivil, von Israel und westlichen Diensten als Vorstufe zur Bombe verstanden. Das JCPOA-Abkommen (2015) begrenzte es; Trump kündigte es 2018; seitdem läuft das Programm wieder. Eine iranische Bombe wäre für Israel direkte wie indirekte Bedrohung: direkt über Trägersysteme und die Existenzrhetorik des Regimes, indirekt als nuklearer Schirm, unter dem Hisbollah und andere Proxies aggressiver agieren könnten und Israels Handlungsfreiheit drastisch eingeschränkt würde.
Das persisch-jüdische Paradox: Die Feindschaft ist jung und ideologisch – nicht kulturell oder historisch verwurzelt. Kyros der Große beendete 539 BCE die babylonische Gefangenschaft der Juden und wird in der Hebräischen Bibel als Mashiach bezeichnet. Im Iran leben heute noch ca. 8.500–9.000 Juden – eine der größten jüdischen Gemeinschaften im Nahen Osten außerhalb Israels. Säkulare iranische Oppositionelle betonen: Diese Feindschaft ist 45 Jahre alt. Sie könnte enden, wenn das Regime endet.
Warum tiefer als bei arabischen Staaten: Ägypten, Jordanien, die Golfstaaten haben nationale Interessen, die über die Israel-Feindschaft hinausgehen. Wenn der Preis zu hoch wird, können sie umschwenken (Ägypten 1979, Abraham Accords 2020). Der Iran hat seine Staatsidentität an die Israel-Feindschaft geknüpft. Würde das Regime sie aufgeben, müsste es sich neu definieren – das wäre innenpolitisch existenzbedrohend. Feindschaft ist hier nicht nur Mittel zum Zweck, sondern Legitimitätsquelle.
6. Die Verantwortung der Bedingungen#
Die unbequeme Frage#
Wenn man die Geschichte der palästinensischen Flüchtlinge betrachtet – die Lager, die Staatenlosigkeit, die vererbte Perspektivlosigkeit, die immer wieder enttäuschte Hoffnung –, dann ist die Entstehung bewaffneten Widerstands keine Überraschung. Sie ist eine wahrscheinliche Konsequenz von Verhältnissen, die andere Reaktionen erschwerten.
Das bedeutet nicht, dass Terrorismus unvermeidlich ist. Es gab palästinensische Führungspersönlichkeiten, die andere Wege versuchten. Es gab gewaltlosen Widerstand – am sichtbarsten in der weitgehend unbewaffneten ersten Intifada 1987–1993. Und es gab und gibt Palästinenser, die unter denselben Bedingungen keinen Weg zur Gewalt fanden. Wer Gewalt wählte, traf eine Entscheidung; die Bedingungen erklären sie, sie nehmen sie nicht ab.
Die Bedingungen in den Lagern – Überbevölkerung, Arbeitsverbote, fehlende Perspektive, Staatenlosigkeit – erhöhten die Wahrscheinlichkeit extremer Positionen. Nicht weil Palästinenser besonders gewalttätig wären, sondern weil Menschen unter solchen Bedingungen mit höherer Wahrscheinlichkeit zu solchen Handlungen getrieben werden, egal welcher Nationalität sie sind.
Die Frage ist nicht: „Waren die palästinensischen Terrororganisationen gerechtfertigt?“ Die Antwort ist nein – Gewalt gegen Zivilisten ist nach dem Humanitären Völkerrecht und nach jedem moralischen Maßstab nicht gerechtfertigt, unabhängig von den Ursachen.
Die Frage ist: „Wer trägt Verantwortung für die Bedingungen, die diese Organisationen erzeugten?“ Diese Verantwortung verteilt sich auf Israel (das die Rückkehr verweigerte und Eigentum enteignete), auf die arabischen Staaten (die keine Integration ermöglichten – Jordanien integrierte nur im annektierten Westjordanland, nicht in Ostjordanien), auf die internationale Gemeinschaft und die Supermächte (die im Kalten Krieg keine politische Lösung erzwangen oder zuließen) und auf die palästinensische Führung selbst (die in entscheidenden Momenten falsch entschied).
Der Vergleich mit anderen Befreiungsbewegungen#
Die historischen Analogien erhellen – nicht als Rechtfertigung, sondern als Kontext.
In Algerien verlor Frankreich den Krieg nicht militärisch, sondern politisch und moralisch. Die unverhältnismäßige Reaktion der Stärkeren delegitimierte die französische Position endgültig.
In Irland kam die Lösung durch Verhandlung, nicht durch militärischen Sieg. Das Karfreitagsabkommen erkannte an, was Gewalt nicht erreichen konnte.
In Südafrika war der ANC unter Mandela als Terrororganisation eingestuft. Das Ende der Apartheid kam durch eine Kombination aus internationalem Druck und schließlich Verhandlung.
Das Muster ist allerdings kein Naturgesetz: Bewaffneter Widerstand schwächerer Gruppen endet häufig nicht durch militärischen Sieg einer Seite, sondern durch politische Erschöpfung und Kompromiss – aber nicht immer. Die LTTE (Tamil Tigers) in Sri Lanka wurde 2009 militärisch zerschlagen, der tschetschenische Separatismus von Russland weitgehend erstickt. Wer also auf den unvermeidlichen Kompromiss setzt, begeht einen Selektionsfehler: Man sieht die Fälle, die im Kompromiss endeten, und übersieht die, die in der Niederlage endeten. Welcher Ausgang im israelisch-palästinensischen Konflikt eintritt, ist offen.
Die symmetrische Dimension: Die jüdischen Flüchtlinge aus arabischen Ländern#
Eine Frage, die in westlichen Debatten oft ausgeblendet wird: Zwischen 1948 und den 1970er Jahren verließen ca. 850.000 Juden arabische Länder – Irak, Jemen, Marokko, Ägypten, Libyen, Tunesien und andere. Viele flohen nach Pogromen und staatlicher Diskriminierung; andere wurden faktisch zur Emigration gezwungen. Israel nahm sie auf und gab ihnen die Staatsbürgerschaft. Die Integration war jedoch alles andere als konfliktfrei: Die Mizrahim (orientalischen Juden) wurden über Jahrzehnte systematisch benachteiligt – sozial, wirtschaftlich, kulturell –, ein Thema, auf das Kapitel 6 eingeht.
Manche israelische Historiker und Politiker argumentieren, es habe faktisch einen Bevölkerungsaustausch stattgefunden: Juden aus arabischen Ländern kamen nach Israel; Palästinenser verließen Palästina. Dieser Austausch sei – so das Argument – vergleichbar mit anderen historischen Bevölkerungsverschiebungen (etwa dem Austausch zwischen Griechen und Türken 1923) und legitimiere eine finale Regelung ohne Rückkehrrecht.
Das Argument hat eine historische Grundlage – aber es übersieht zwei Asymmetrien. Erstens: Die palästinensischen Flüchtlinge wurden nicht in einem koordinierten Austausch vertrieben, sondern im Zuge eines Krieges, den Israel gewann. Zweitens betreffen die Unrechtskonstellationen verschiedene Akteure: Die jüdischen Flüchtlinge erhielten in Israel Staatsbürgerschaft (nicht aber eine Entschädigung für ihr in den arabischen Herkunftsländern verlorenes Eigentum; entsprechende Forderungen jüdischer Organisationen sind bis heute unerfüllt). Die palästinensischen Flüchtlinge erhielten – außerhalb Jordaniens – weder das eine noch das andere.
Schluss: Die offene Rechnung#
Das Flüchtlingsproblem ist nicht gelöst. Es ist nicht einmal in ernsthafter Verhandlung. Von den ca. 726.000 Menschen, die 1948 persönlich vertrieben wurden, leben heute noch ca. 30.000–40.000. Ihre Nachkommen – fast sechs Millionen – tragen den Flüchtlingsstatus weiter, weil das zugrunde liegende Unrecht nie adressiert wurde.
Jede Verhandlung über eine Zwei-Staaten-Lösung scheiterte auch daran, dass die Flüchtlingsfrage unlösbar schien: Israel kann keine Massenrückkehr akzeptieren, ohne seinen jüdischen Charakter aufzugeben. Die Palästinenser können das Rückkehrrecht nicht aufgeben, ohne eine Grundforderung ihrer Identität zu verraten. Anders als oft behauptet, wurde die Entschädigung durchaus erörtert: In Camp David (2000) und in den Clinton-Parametern war ein internationaler Entschädigungsfonds für die Flüchtlinge konkret im Gespräch. Der Streitpunkt war nicht die Entschädigung als solche, sondern Israels Weigerung, ein – auch nur symbolisches – Rückkehrrecht nach Israel zu akzeptieren. Die Frage wurde also nie zum Abschluss gebracht, nicht: nie angeboten.
Das Flüchtlingsproblem ist der Kern des Konflikts – nicht sein Randphänomen. Wer es ignoriert, versteht weder die Entstehung von Hamas noch die Persistenz des Konflikts noch die Unmöglichkeit, ihn durch militärische Mittel allein zu lösen.
Quellen und Vertiefung: [Khalidi, 2020]; [Morris, 2004] (zur Frage geplant vs. Chaos); [Masalha, 1992]; [Shlaim, 2000] und [Shlaim, 2007]; als Gegenstimmen der „New Historians“: [Karsh, 2010] und [Gelber, 2006]; [Kepel, 2000] und [Filiu, 2014] (zur Entstehung islamistischer Bewegungen); [Norton, 2007]; [Horne, 1977] (Algerien).