## 1.3 Ziele

Diese Sektion analysiert die Ziele (das *summum bonum*, das höchste Gut) der verschiedenen Philosophien. 
Während Abschnitt 1.2 die **Mittel** (Regeln, Prinzipien) untersuchte, fokussiert dieser Abschnitt auf die **Zwecke**.

---


#### 1. Seelenruhe/Innerer Frieden (7/18 Philosophen)

**Bezeichnungen**: Ataraxia (ἀταραξία, Epikur), Apatheia (ἀπάθεια, Stoiker), Nirvana (Buddha), Amor Dei intellectualis (Spinoza), Willensverneinung (Schopenhauer), Resignation (Prediger), Gelassenheit (Descartes)

**Vorkommen**: Stoiker, Epikur, Buddha, Prediger, Descartes (~), Spinoza, Schopenhauer

**Beschreibung**: Unerschütterlichkeit, Gelassenheit, Freiheit von emotionalen Turbulenzen, Loslösung von äußeren Umständen.

**Nuancen**:
- **Stoiker – Apatheia**: Freiheit von irrationalen Leidenschaften (pathē). Nicht "Apathie" im modernen Sinn, sondern rationale Affektivität. Erreicht durch Übereinstimmung mit der Natur/Logos
- **Epikur – Ataraxia**: Seelenruhe durch kluge Lustmaximierung. Nicht positive Stimulation, sondern **Abwesenheit** von Schmerz und Angst
- **Buddha – Nirvana**: Vollständiges Auslöschen von Begehren (Tanha), Beendigung des Leidens. Nicht nur Ruhe, sondern **Überwindung** der Wiedergeburt
- **Spinoza – Amor Dei intellectualis**: Intellektuelle Gottesliebe durch Erkenntnis der Notwendigkeit. Seelenruhe durch Einsicht sub specie aeternitatis
- **Schopenhauer – Willensverneinung**: Innerer Friede durch **Verneinung des Willens zum Leben**. Kontemplation, Askese
- **Prediger – Resignation**: Gelassenheit angesichts der Absurdität. Nicht friedvoll im positiven Sinn, sondern **Akzeptanz** der Sinnlosigkeit
- **Descartes – Provisorische Moral**: Gelassenheit durch Beherrschung der Leidenschaften (stoischer Einfluss), aber sekundär zu Gewissheit

**Gemeinsamkeit**: Alle sieben sehen **emotionale Abhängigkeit** von äußeren Umständen als Problem. Ziel ist **Unabhängigkeit**.

**Unterschied zu aktiven Zielen**: Im Gegensatz zu Aristoteles (Aufblühen), Kant (Pflichterfüllung), Mill (Glücksmaximierung), Sartre (Selbstschöpfung) ist Seelenruhe **defensiv** – nicht Erreichen, sondern Vermeiden (von Leid, Angst, Unruhe).

**Historische Entwicklung**: Von Stoa/Epikur (antik) über Spinoza (17. Jh.) zu Schopenhauer (19. Jh.) – eine durchgehende Tradition!

---

#### 2. Eudaimonia/Aufblühen (4/18 Philosophen)

**Bezeichnung**: Εὐδαιμονία (Eudaimonia), Shalom (Sprüche)

**Vorkommen**: Stoiker, Aristoteles, Platon, Sprüche (als Shalom)

**Beschreibung**: Gedeihen, Aufblühen, das gute Leben. Nicht nur subjektives Wohlbefinden, sondern **objektiv** gelungenes Leben.

**Nuancen**:
- **Platon**: Eudaimonia = Leben gemäß der Vernunft, Aufstieg der Seele zur Ideenerkenntnis. Höchstes Ziel ist **Schau des Guten** (Agathon)
- **Aristoteles**: Eudaimonia = Leben gemäß der Vernunft. Verwirklichung der menschlichen Funktion (ergon). Tugend ist **konstitutiv** für Eudaimonia, nicht nur instrumentell. Eudaimonia ist Aktivität (energeia), nicht Zustand
- **Stoiker**: Eudaimonia = Leben gemäß der Natur/Logos. Tugend ist **notwendig und hinreichend**. Äußere Güter sind "gleichgültig" (adiaphora)
- **Sprüche**: Shalom – Gedeihen in allen Dimensionen (Gesundheit, Wohlstand, Familie, Ansehen). Erreicht durch Weisheit und Gottesfurcht

**Unterschied zwischen Platon und Aristoteles**:
- **Platon**: Eudaimonia durch **Erkenntnis** (Ideenschau), Seele verlässt Körper
- **Aristoteles**: Eudaimonia als **Aktivität** im Leben hier und jetzt (keine Transzendenz)

**Unterschied zwischen Aristoteles und Stoikern**: 
- **Aristoteles**: Äußere Güter sind **notwendig** für Eudaimonia (Gesundheit, Freunde, gewisser Wohlstand)
- **Stoiker**: Äußere Güter sind **irrelevant**. Nur Tugend zählt

**Gemeinsamkeit**: Alle vier sehen Eudaimonia als **Ganzes Leben**, nicht momentanes Gefühl. Man ist nicht "glücklich" in einem Moment, sondern lebt ein eudaimonisches Leben.

---

#### 3. Tugend als Selbstzweck (5/18 Philosophen)

**Vorkommen**: Stoiker, Kant, Aristoteles, Platon, Thomas

**Beschreibung**: Tugend/Moralität ist **intrinsisch** wertvoll, nicht nur Mittel zu anderem Zweck.

**Nuancen**:
- **Platon**: Die vier Kardinaltugenden (Weisheit, Tapferkeit, Mäßigung, Gerechtigkeit) sind **Harmonie der Seele**. Tugend ist Gesundheit der Seele
- **Aristoteles**: Tugend (aretē) ist **konstitutiv** für Eudaimonia, aber Eudaimonia ist das Ziel, nicht Tugend allein
- **Stoiker**: **Tugend ist das einzige Gut**. Alles andere (Gesundheit, Reichtum, Leben) ist gleichgültig
- **Thomas**: Tugend (natürliche + übernatürliche) führt zur Visio beatifica. Tugend ist gottgewollt
- **Kant**: Der **gute Wille** ist das einzige unbedingt Gute. Handle aus **Pflicht**, nicht aus Neigung. Moralität ist kategorisch, nicht hypothetisch

**Unterschied**:
- **Kant**: Moralität ist vom Glück **getrennt**. Im Konfliktfall: Pflicht vor Glück
- **Platon, Aristoteles, Stoiker, Thomas**: Tugend **ist** Glück (oder führt notwendig dazu)

**Gegensatz**: Mill, Epikur, Hume – Tugenden sind **instrumentell** wertvoll (dienen Glück/Lust/Sympathie)

---

#### 4. Erkenntnis/Wahrheit als Ziel (6/18 Philosophen)

**Vorkommen**: Platon, Descartes, Spinoza, Hume (~), Aristoteles (~), Thomas (~)

**Beschreibung**: Das höchste Gut ist **Erkenntnis**, **Wahrheit**, **Gewissheit**.

**Nuancen**:
- **Platon**: Erkenntnis der **Ideen** (besonders Idee des Guten) ist höchstes Ziel. Philosophie = Vorbereitung auf Tod (Befreiung der Seele)
- **Descartes**: **Gewissheit** durch methodischen Zweifel. "Cogito ergo sum" als fester Punkt. Ziel: sichere Grundlagen für Wissenschaft
- **Spinoza**: Erkenntnis **sub specie aeternitatis** (unter dem Gesichtspunkt der Ewigkeit). Höchste Erkenntnisart (scientia intuitiva) führt zu Amor Dei intellectualis
- **Aristoteles**: Theoria (Kontemplation) ist höchste Aktivität – göttlich, selbstgenügsam
- **Thomas**: Visio beatifica (Gottesschau) als höchste Erkenntnis – übersteigt natürliche Vernunft
- **Hume**: Erkenntnis wichtig, aber skeptisch – Wahrheit ist begrenzt durch Erfahrung

**Gemeinsamkeit**: Erkenntnis ist nicht nur **Mittel** (um besser zu handeln), sondern **Zweck an sich**.

**Unterschied zu Praktikern**: Konfuzius, Epikur, Mill – Philosophie ist **praktisch** (Lebensführung), nicht primär theoretisch.

---


#### 5. Maximierung von Glück/Wohlergehen (4/18 Philosophen)

**Vorkommen**: Mill (Gesamtglück), Epikur (eigene Ataraxia), Hume (Sympathie-basiertes Glück), Sprüche (~)

**Beschreibung**: Das höchste Gut ist Glück/Lust/Wohlbefinden – entweder für einen selbst oder für alle.

**Nuancen**:
- **Mill – Utilitarismus**: Das **größte Glück der größten Zahl**. Unparteiisch, universell, aggregativ. Qualität der Freuden zählt (höhere vs. niedere)
- **Epikur – Hedonismus**: **Eigene Ataraxia**. Aber: Hedonismus ist negativ definiert (Abwesenheit von Schmerz), nicht positiv (maximale Stimulation)
- **Hume – Sympathie**: Glück durch **Sympathie** (natürliche Empathie). Moralität basiert auf Gefühlen, die zum Glück beitragen
- **Sprüche**: Shalom beinhaltet materielles Gedeihen (Gesundheit, Wohlstand)

**Unterschied**:
- **Mill**: **Altruistisch** – zählt das Glück aller gleich
- **Epikur**: **Egoistisch** (aber nicht im vulgären Sinn) – Fokus auf eigene Seelenruhe
- **Hume**: **Sympathie-basiert** – natürliche Neigung zu Glück der anderen

**Gemeinsamkeit**: Alle drei/vier sind **Konsequenzialisten** (Mill, Epikur) oder **Sentimentalisten** (Hume) – Handlungen sind gut/schlecht aufgrund ihrer Wirkung auf Glück/Gefühle.

---

#### 6. Soziale Harmonie (2/18 Philosophen)

**Vorkommen**: Konfuzius, (Sprüche)

**Beschreibung**: Das Ziel ist nicht primär individuelles Glück, sondern **harmonische Gesellschaft**.

**Nuancen**:
- **Konfuzius**: He (和, Harmonie) – nicht Uniformität, sondern richtige Beziehungen. Der Junzi (Edle) strebt danach, durch Vorbild zur Harmonie beizutragen
- **Sprüche**: Shalom – Frieden, Gedeihen auf individueller **und** sozialer Ebene

**Unterschied zu westlicher Ethik**: Im Westen ist oft das **Individuum** der moralische Fokus. Bei Konfuzius ist die **Beziehung** primär – man wird Mensch **durch** Beziehungen.

---

#### 7. Selbstschöpfung/Authentizität (2/18 Philosophen)

**Vorkommen**: Nietzsche, Sartre

**Beschreibung**: Werde, der du bist. Erschaffe dich selbst durch Selbstüberwindung (Nietzsche) oder durch freie Wahl (Sartre).

**Nuancen**:
- **Nietzsche – Übermensch**: Der **Übermensch** ist der, der eigene Werte schafft. Permanente Selbstüberwindung, kein Endzustand. Amor fati – liebe dein Schicksal
- **Sartre – Authentizität**: Existenz vor Essenz. Du bist **radikal frei** – erschaffe deine Essenz durch Wahl. Sei **authentisch** (bonne foi), vermeide **Selbsttäuschung** (mauvaise foi)

**Gemeinsamkeit**: Beide lehnen **vorgegebene Essenzen** ab. Es gibt kein objektives Telos – du schaffst dein eigenes Maß.

**Unterschied**:
- **Nietzsche**: Elitär – nur der **Übermensch** schafft Werte (gegen die Herde)
- **Sartre**: Egalitär – **jeder** ist radikal frei (aber auch verantwortlich)

**Einzigartig**: Dies ist kein traditionelles "höchstes Gut", sondern ein **prozessuales Ziel** ohne Endzustand.

**Unterschied zu allen anderen**:
- Andere Philosophen: Es gibt ein **objektives** Ziel (Eudaimonia, Nirvana, Glück, Gottesschau)
- Nietzsche/Sartre: Es gibt **kein** objektives Ziel – du **schaffst** dein eigenes Maß

---

#### 8. Autonomie/Würde (1/18 Philosoph)

**Vorkommen**: Kant

**Beschreibung**: Das höchste Gut ist nicht Glück, sondern **moralische Autonomie** – Selbstgesetzgebung der Vernunft, Würde als Person.

**Einzigartig bei Kant**: Autonomie ist **Zweck an sich**, nicht Mittel. Die Würde des Menschen liegt in seiner Fähigkeit zur Selbstbestimmung durch das moralische Gesetz.

**Unterschied zu Sartre**: 
- **Kant**: Autonomie durch **universelles Gesetz** (kategorischer Imperativ)
- **Sartre**: Freiheit **ohne Gesetz** (jeder wählt seine eigenen Werte)

**Unterschied zu Eudaimonia**: Eudaimonia ist **Zustand** (Gedeihen). Autonomie ist **Kapazität** (zur Selbstgesetzgebung).

---

#### 9. Gottesreich/Ewiges Leben (2/18 Philosophen)

**Vorkommen**: NT (Neues Testament), Thomas von Aquin

**Beschreibung**: Das höchste Ziel ist nicht irdisch, sondern **jenseitig** – ewiges Leben, Himmel, Gottesschau.

**Nuancen**:
- **NT – Gottesreich**: "Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes" (Matthäus 6:33). Erlösung durch Glaube an Christus, Auferstehung, ewiges Leben
- **Thomas – Visio beatifica**: **Schau Gottes** (visio beatifica) im Jenseits als höchstes Gut. Übersteigt natürliche Kapazität – nur durch Gnade erreichbar

**Gemeinsamkeit**: Beide sehen das **Diesseits** als **Vorbereitung** auf das Jenseits. Irdisches Leben ist Prüfung, Pilgerschaft.

**Unterschied**:
- **NT**: Glaube, Gnade, Agape (Liebe) zentral
- **Thomas**: Vernunft **und** Gnade – Synthese von Aristoteles (natürliche Tugenden) und Christentum (übernatürliche Tugenden)

**Radikaler Unterschied zu allen anderen**: Alle anderen Philosophen (außer Platon teilweise) sehen das **Diesseits** als einzige Realität. NT und Thomas: Diesseits ist **Durchgang**, nicht Ziel.

---

#### 10. Erlösung/Befreiung vom Leiden (2/18 Philosophen)

**Vorkommen**: Buddha, Schopenhauer

**Beschreibung**: Das Ziel ist nicht Glück, sondern **Befreiung** vom Leiden, Erlösung vom Willen.

**Nuancen**:
- **Buddha – Nirvana**: Auslöschen des Begehrens (Tanha), Ende der Wiedergeburt (Samsara). Nicht "Nichts", sondern Frieden
- **Schopenhauer – Willensverneinung**: Erlösung durch **Verneinung des Willens zum Leben**. Askese, Kontemplation, Mitleid

**Gemeinsamkeit**: Beide sind **pessimistisch** – Leben **ist** Leiden (Buddha), Leben ist Leiden (Schopenhauer). Ziel ist **Überwindung**, nicht Erfüllung.

**Unterschied**:
- **Buddha**: Praktisch – Meditation, Achtfacher Pfad
- **Schopenhauer**: Theoretisch – Erkenntnis des Willens führt zur Verneinung

**Unterschied zu allen anderen**: Fast alle anderen sehen Leben als **positiv** (zu verwirklichen, zu genießen, zu gestalten). Buddha und Schopenhauer: Leben ist **Problem** (zu überwinden).

---

### Übersicht: Ziele nach Philosophen

```{list-table}
:header-rows: 1
:widths: 22 4 4 4 4 4 4 4 4 4 4 4 4 4 4 4 4 4 4

* - Ziel
  - Sto
  - Epi
  - Kon
  - Bud
  - Pre
  - Spr
  - Kan
  - Mil
  - Ari
  - Nie
  - Pla
  - Hum
  - Des
  - Spi
  - Sch
  - NT
  - Tho
  - Sar
* - Seelenruhe/Innerer Frieden
  - X
  - X
  - \-
  - X
  - X
  - \-
  - \-
  - \-
  - \-
  - \-
  - \-
  - \-
  - ~
  - X
  - X
  - \-
  - \-
  - \-
* - Eudaimonia/Aufblühen
  - X
  - \-
  - \-
  - \-
  - \-
  - X
  - \-
  - \-
  - X
  - \-
  - X
  - \-
  - \-
  - \-
  - \-
  - \-
  - \-
  - \-
* - Tugend als Selbstzweck
  - X
  - \-
  - \-
  - \-
  - \-
  - \-
  - X
  - \-
  - X
  - \-
  - X
  - \-
  - \-
  - \-
  - \-
  - \-
  - X
  - \-
* - Erkenntnis/Wahrheit
  - \-
  - \-
  - \-
  - \-
  - \-
  - \-
  - \-
  - \-
  - ~
  - \-
  - X
  - ~
  - X
  - X
  - \-
  - \-
  - ~
  - \-
* - Maximierung von Glück
  - \-
  - X
  - \-
  - \-
  - \-
  - ~
  - \-
  - X
  - \-
  - \-
  - \-
  - X
  - \-
  - \-
  - \-
  - \-
  - \-
  - \-
* - Soziale Harmonie
  - \-
  - \-
  - X
  - \-
  - \-
  - X
  - \-
  - \-
  - \-
  - \-
  - \-
  - \-
  - \-
  - \-
  - \-
  - \-
  - \-
  - \-
* - Selbstschöpfung/Authentizität
  - \-
  - \-
  - \-
  - \-
  - \-
  - \-
  - \-
  - \-
  - \-
  - X
  - \-
  - \-
  - \-
  - \-
  - \-
  - \-
  - \-
  - X
* - Autonomie/Würde
  - \-
  - \-
  - \-
  - \-
  - \-
  - \-
  - X
  - \-
  - \-
  - \-
  - \-
  - \-
  - \-
  - \-
  - \-
  - \-
  - \-
  - \-
* - Gottesreich/Ewiges Leben
  - \-
  - \-
  - \-
  - \-
  - \-
  - \-
  - \-
  - \-
  - \-
  - \-
  - \-
  - \-
  - \-
  - \-
  - \-
  - X
  - X
  - \-
* - Erlösung vom Leiden
  - \-
  - \-
  - \-
  - X
  - \-
  - \-
  - \-
  - \-
  - \-
  - \-
  - \-
  - \-
  - \-
  - \-
  - X
  - \-
  - \-
  - \-
```

**Legende**: Sto = Stoiker, Epi = Epikur, Kon = Konfuzius, Bud = Buddha, Pre = Prediger, Spr = Sprüche, Kan = Kant, Mil = Mill, Ari = Aristoteles, Nie = Nietzsche, Pla = Platon, Hum = Hume, Des = Descartes, Spi = Spinoza, Sch = Schopenhauer, NT = Neues Testament, Tho = Thomas, Sar = Sartre

---


### Ziele im Detail, mit Metaphern

#### Stoiker: Eudaimonia durch Apatheia und Tugend
- **Primärziel**: Seelenruhe (Apatheia) + Eudaimonia
- **Mittel**: Leben gemäß Natur/Logos, Tugend, Dichotomie der Kontrolle
- **Besonderheit**: Tugend ist **hinreichend** – äußere Umstände irrelevant
- **Metapher**: Der unerschütterliche Fels in der Brandung

#### Epikur: Ataraxia durch kluge Lustmaximierung
- **Primärziel**: Seelenruhe (Ataraxia)
- **Mittel**: Hedonistisches Kalkül, Philosophie als Therapie, Freundschaft
- **Besonderheit**: Hedonismus, aber asketisch – Genügsamkeit ist der Schlüssel
- **Metapher**: Der zufriedene Gärtner in seinem abgeschirmten Garten

#### Konfuzius: Soziale Harmonie durch ritualisierte Tugend
- **Primärziel**: He (Harmonie) in Gesellschaft
- **Mittel**: Li (Ritual), Ren (Menschlichkeit), Bildung, Vorbild
- **Besonderheit**: Individuelles Glück ist sekundär – Harmonie ist primär
- **Metapher**: Der Dirigent, der das Orchester in Harmonie bringt

#### Buddha: Nirvana durch Beendigung des Begehrens
- **Primärziel**: Nirvana (Auslöschen), Erlösung vom Leiden
- **Mittel**: Achtfacher Pfad, Meditation, ethisches Leben
- **Besonderheit**: Ziel ist **Überwindung** (nicht Erfüllung) des Selbst
- **Metapher**: Die Flamme, die erlischt und Frieden hinterlässt

#### Prediger: Akzeptanz der Absurdität, situativer Genuss
- **Primärziel**: Resignation + Genuss des Moments
- **Mittel**: Gottesfurcht, Akzeptanz, Ergreifen kleiner Freuden
- **Besonderheit**: Kein positives Ziel – nur Umgang mit Sinnlosigkeit
- **Metapher**: Der müde Wanderer, der sich trotz aussichtsloser Reise an der Raststation erfreut

#### Sprüche: Gedeihen (Shalom) durch Weisheit
- **Primärziel**: Shalom – Gedeihen in allen Dimensionen
- **Mittel**: Weisheit, Gottesfurcht, Fleiß, Gerechtigkeit
- **Besonderheit**: Optimistisch – Kausalität zwischen Tugend und Erfolg
- **Metapher**: Der erfolgreiche Kaufmann, der durch Klugheit und Fleiß gedeiht

#### Kant: Autonomie und Würde durch moralisches Gesetz
- **Primärziel**: Moralische Autonomie (Selbstgesetzgebung)
- **Mittel**: Kategorischer Imperativ, Pflichterfüllung
- **Besonderheit**: Glück ist **sekundär** – Pflicht ist primär
- **Metapher**: Der aufrechte Bürger, der das Gesetz achtet – auch wenn es schmerzt

#### Mill: Größtes Glück der größten Zahl
- **Primärziel**: Maximierung von Gesamtglück
- **Mittel**: Utilitaristisches Kalkül, soziale Reform, höhere Freuden
- **Besonderheit**: **Altruistisch** – eigenes Glück zählt nicht mehr als das anderer
- **Metapher**: Der Sozialreformer, der Institutionen optimiert

#### Aristoteles: Eudaimonia durch aretē (Tugend/Exzellenz)
- **Primärziel**: Eudaimonia (Aufblühen)
- **Mittel**: Mesotes (die Mitte), Phronesis (Klugheit), Polis, Freundschaft
- **Besonderheit**: Tugend **und** äußere Güter sind notwendig
- **Metapher**: Der athletische Philosoph – Körper und Geist in Balance

#### Nietzsche: Übermensch durch Selbstüberwindung
- **Primärziel**: Selbstschöpfung, Übermensch
- **Mittel**: Umwertung aller Werte, Wille zur Macht, Amor fati
- **Besonderheit**: Kein Endzustand – permanente Selbstüberschreitung
- **Metapher**: Der Künstler, der sein Leben als Kunstwerk erschafft

#### Platon: Erkenntnis des Guten, Aufstieg der Seele
- **Primärziel**: Schau des Guten (Agathon), Eudaimonia durch Erkenntnis
- **Mittel**: Dialektik, Anamnesis, Philosophie als Vorbereitung auf Tod
- **Besonderheit**: Körper ist Gefängnis – Seele strebt zur Ideenwelt
- **Metapher**: Der Höhlenbewohner, der ans Licht aufsteigt

#### Hume: Glück durch Sympathie und vernünftigen Genuss
- **Primärziel**: Glück (basiert auf Sympathie und Custom)
- **Mittel**: Sympathie (Empathie), Gewohnheit, Mäßigung
- **Besonderheit**: Moralität basiert auf **Gefühlen**, nicht Vernunft
- **Metapher**: Der gesellige Gentleman, der Freunde und Konversation genießt

#### Descartes: Gewissheit durch Vernunft, Beherrschung der Leidenschaften
- **Primärziel**: Gewissheit (epistemisch), Générosité (ethisch)
- **Mittel**: Methodischer Zweifel, klares und deutliches Denken
- **Besonderheit**: Primär **epistemisch** (Wahrheit), sekundär **ethisch** (Tugend)
- **Metapher**: Der einsame Denker am Kamin, der alles bezweifelt

#### Spinoza: Amor Dei intellectualis (intellektuelle Gottesliebe)
- **Primärziel**: Intellektuelle Gottesliebe, Seelenruhe durch Erkenntnis
- **Mittel**: Erkenntnis sub specie aeternitatis, Beherrschung der Affekte
- **Besonderheit**: Gott = Natur, Freiheit = Einsicht in Notwendigkeit
- **Metapher**: Der Weise, der alles sub specie aeternitatis betrachtet

#### Schopenhauer: Erlösung durch Willensverneinung
- **Primärziel**: Erlösung vom Leiden, Willensverneinung
- **Mittel**: Askese, Kontemplation (Kunst, Musik), Mitleid
- **Besonderheit**: Pessimismus – Leben **ist** Leiden
- **Metapher**: Der Asket, der den Willen zum Leben verneint

#### NT (Neues Testament): Gottesreich, ewiges Leben
- **Primärziel**: Erlösung, ewiges Leben, Gottesreich
- **Mittel**: Glaube, Agape (Liebe), Nachfolge Christi, Gnade
- **Besonderheit**: Diesseits ist Vorbereitung – Jenseits ist Ziel
- **Metapher**: Der Pilger auf dem Weg ins himmlische Jerusalem

#### Thomas von Aquin: Visio beatifica (Gottesschau)
- **Primärziel**: Schau Gottes (visio beatifica) im Jenseits
- **Mittel**: Tugend (natürlich + übernatürlich), Gnade, Sakramente
- **Besonderheit**: Synthese Aristoteles + Christentum – Vernunft **und** Glaube
- **Metapher**: Der Pilger, der durch Tugend und Gnade zur Gottesschau aufsteigt

#### Sartre: Authentizität und Engagement
- **Primärziel**: Authentizität (bonne foi), Selbstschöpfung
- **Mittel**: Freie Wahl, Engagement, Übernahme von Verantwortung
- **Besonderheit**: Existenz vor Essenz – keine vorgegebene Natur
- **Metapher**: Der Existenzialist, der sich selbst entwirft (ohne Bauplan)

---


### Unterschiede

#### 1. Defensiv vs. Offensiv

**Defensiv** (Vermeidung von Übeln): Stoiker, Epikur, Buddha, Prediger, Spinoza, Schopenhauer, Descartes (~)
- Ziel: Seelenruhe, Vermeidung von Leid, Angst, Unruhe, Erlösung vom Leiden
- **7/18 Philosophen**

**Offensiv** (Erreichen von Gütern): Aristoteles, Mill, Nietzsche, Konfuzius, Platon, Hume, Sartre, Kant (~), Thomas, NT, Sprüche
- Ziel: Aufblühen, Glücksmaximierung, Selbstschöpfung, Harmonie, Erkenntnis, Gottesreich
- **11/18 Philosophen**

**Interpretation**: **Antike/Östliche** Philosophien tendieren zu **defensiv** (Seelenruhe), **moderne westliche** zu **offensiv** (Maximierung, Entwicklung, Fortschritt). Ausnahme: Nietzsche ist modern, aber nicht defensiv.

---

#### 2. Individuell vs. Kollektiv

**Rein individuell**: Epikur, Buddha, Prediger, Aristoteles (primär), Nietzsche, Descartes, Spinoza, Schopenhauer
- Fokus auf eigenes Wohlergehen/Erlösung/Selbstüberwindung
- **8/18 Philosophen**

**Kollektiv/Sozial**: Konfuzius (zentral!), Mill (zentral!), Stoiker (Kosmopolitismus), Kant (kosmopolitisch), Thomas (Bonum Commune), NT (Ekklesia), Sprüche (~)
- Fokus auf Gemeinschaft, Gesamtglück, soziale Harmonie, Gemeinwohl
- **7/18 Philosophen**

**Beides**: Platon (Polis wichtig, aber individuelle Seele zentral), Hume (Sympathie verbindet), Sartre (individuell frei, aber Verantwortung für alle)
- **3/18 Philosophen**

**Interpretation**: Die **große Spaltung** – Ist das höchste Gut individuell oder kollektiv? Moderne Liberale (Mill, Kant) versuchen Synthese: Individuelle Rechte + Gemeinwohl.

---

#### 3. Statisch vs. Prozessual

**Statisch** (Endzustand): Stoiker (Apatheia), Epikur (Ataraxia), Buddha (Nirvana), Aristoteles (Eudaimonia), Spinoza (Amor Dei), Schopenhauer (Willensverneinung), NT (Himmel), Thomas (Visio beatifica), Hume (Glück), Platon (Ideenschau)
- Es gibt einen Zustand, der erreicht werden soll
- **10/18 Philosophen**

**Prozessual** (permanente Aktivität): Nietzsche (permanente Selbstüberwindung), Kant (permanente Pflichterfüllung), Sartre (permanente Selbstwahl), Mill (~), Konfuzius (~)
- Das Ziel liegt im **Prozess**, nicht im Endzustand
- **5/18 Philosophen**

**Ambivalent**: Prediger (kein Ziel), Descartes (Gewissheit = Zustand, aber Denken = Prozess), Sprüche (Gedeihen = Zustand)
- **3/18 Philosophen**

**Interpretation**: **Antike** bevorzugt **Endzustand** (Seelenruhe, Eudaimonia), **Moderne** entdeckt **Prozess** (Nietzsche, Kant, Sartre). Das **moderne Problem**: Gibt es überhaupt ein Ziel, oder ist Leben permanente Bewegung?

---

#### 4. Objektiv vs. Subjektiv

**Objektiv** (unabhängig von Wünschen): Platon (Ideen), Aristoteles (Eudaimonia ist objektiv), Kant (Pflicht ist objektiv), Stoiker (Tugend ist objektiv), Thomas (Visio beatifica), NT (Gottesreich), Konfuzius (Harmonie), Spinoza (Erkenntnis)
- Es gibt ein höchstes Gut, das gilt, ob du es willst oder nicht
- **8/18 Philosophen**

**Subjektiv** (abhängig von Erfahrung): Mill (Glück ist subjektiv), Epikur (Lust ist subjektiv), Buddha (Leiden ist subjektiv), Hume (Sympathie ist subjektiv), Schopenhauer (Leiden ist subjektiv)
- Das höchste Gut ist definiert durch subjektive Erfahrung
- **5/18 Philosophen**

**Radikal subjektiv** (selbsterschaffen): Nietzsche (du schaffst deine eigenen Werte), Sartre (du wählst deine Essenz)
- **2/18 Philosophen**

**Ambivalent**: Prediger (keine klare Position), Descartes (Wahrheit objektiv, Glück subjektiv), Sprüche (Gedeihen objektiv messbar?)
- **3/18 Philosophen**

**Interpretation**: Der **moderne Relativismus** (Nietzsche, Sartre) stellt sich gegen die gesamte Tradition. Ist das höchste Gut **entdeckt** (Platon) oder **erschaffen** (Sartre)?

---

#### 5. Diesseitig vs. Jenseitig

**Rein diesseitig**: Epikur, Buddha (Nirvana hier und jetzt), Prediger, Konfuzius, Hume, Mill, Aristoteles, Nietzsche, Sartre
- Das Ziel liegt **in diesem Leben** – kein Jenseits
- **9/18 Philosophen**

**Primär jenseitig**: NT (Himmel), Thomas (Visio beatifica), Platon (Ideenwelt/Leben nach Tod)
- Das Ziel liegt **nach dem Tod** – Diesseits ist Vorbereitung
- **3/18 Philosophen**

**Beides**: Stoiker (Eudaimonia jetzt, aber Seele materiell → kein persönliches Jenseits), Spinoza (Amor Dei jetzt, aber sub specie aeternitatis), Schopenhauer (Erlösung jetzt, aber Wille fortdauernd), Descartes (Gewissheit jetzt, Seele unsterblich), Sprüche (Gedeihen jetzt, Jenseits unklar), Kant (Autonomie jetzt, Jenseits als Postulat)
- **6/18 Philosophen**

**Interpretation**: **Radikale Spaltung** – Christen/Platoniker sehen Diesseits als **Durchgang**, Epikur/Nietzsche/Sartre sehen es als **alles**. Das **moderne Problem**: Wenn es kein Jenseits gibt, was ist dann der Sinn?

---

### Sind diese Ziele kompatibel?

#### 1. Können Tugend und Glück zusammenfallen?

- **Ja** (Identität): Stoiker (Tugend IST Glück), Platon (Tugend IST Seelengesundheit)
- **Ja** (Konstitution): Aristoteles (Tugend ist Teil von Glück), Thomas (Tugend führt zu Visio beatifica)
- **Nein** (Trennung): Kant (Tugend und Glück sind verschieden; im Konfliktfall: Tugend)
- **Instrumentell**: Mill, Epikur, Hume (Tugend dient Glück/Lust/Sympathie)
- **Irrelevant**: Nietzsche (weder Tugend noch Glück sind Ziele), Sartre (Authentizität, nicht Glück)

**Fazit**: Keine Einigung! Von Identität (Stoiker) über Trennung (Kant) bis Irrelevanz (Nietzsche).

---

#### 2. Kann man individuelles Glück UND Gesamtglück anstreben?

- **Ja** (idealerweise): Mill (individuelle und kollektive Interessen fallen zusammen)
- **Ja** (durch Sympathie): Hume (Sympathie verbindet Individuum und Gesellschaft)
- **Konflikt möglich**: Kant (eigenes Glück vs. Pflicht), Utilitarismus (eigenes Glück kann geopfert werden)
- **Nein**: Epikur (Rückzug nötig), Buddha (Entsagung), Schopenhauer (Einsamkeit)
- **Irrelevant**: Nietzsche (Gesamtglück ist Herdenmoral), Platon (Individuelle Seele zentral)

**Fazit**: Die **moderne Frage** – Liberalismus (Mill, Kant) versucht Synthese, aber sie ist **instabil**.

---

#### 3. Kann man Seelenruhe UND aktives Engagement vereinen?

- **Ja**: Stoiker (innere Ruhe trotz äußerer Aktivität – Kosmopolitismus!), Spinoza (Amor Dei + politisches Engagement), Descartes (innere Gewissheit + wissenschaftliche Arbeit)
- **Nein**: Epikur (Rückzug nötig), Buddha (Entsagung nötig), Schopenhauer (Willensverneinung = Passivität)
- **Irrelevant**: Aristoteles, Mill, Sartre, Nietzsche (Seelenruhe ist nicht das Ziel – Aktivität ist das Ziel)

**Fazit**: **Stoiker sagen Ja**, **Epikur/Buddha sagen Nein**. Die moderne Welt verlangt **Engagement** (Sartre, Mill) – ist Seelenruhe dann überholt?

---

#### 4. Gibt es ein jenseitiges Ziel oder nur ein diesseitiges?

- **Nur diesseitig**: Epikur, Nietzsche, Sartre, Mill, Hume, Konfuzius, Buddha (Nirvana hier), Aristoteles
- **Primär jenseitig**: NT, Thomas, Platon
- **Ambivalent**: Kant (Jenseits als Postulat), Spinoza (Ewigkeit jetzt), Schopenhauer (Wille fortdauernd)

**Fazit**: **Radikale Spaltung** – Christen/Platoniker vs. alle anderen. Die **Säkularisierung** ist komplett – 9/18 Philosophen lehnen Jenseits ab oder ignorieren es.

---


### Erkenntnisse aus der Zielanalyse

#### 1. Keine Einigung über das summum bonum – Radikale Divergenz

Im Gegensatz zu den **Mitteln** (Mäßigung ist fast universell: 14/18, Klugheit 15/18) gibt es bei den **Zielen** radikale Divergenz:
- **Seelenruhe**: 7/18
- **Eudaimonia**: 4/18
- **Tugend**: 5/18
- **Erkenntnis**: 6/18
- **Glück**: 4/18
- **Soziale Harmonie**: 2/18
- **Selbstschöpfung**: 2/18
- **Autonomie**: 1/18
- **Gottesreich**: 2/18
- **Erlösung**: 2/18

**Interpretation**: Man kann sich über **Verhalten** einigen (Mäßigung, Klugheit, Mitleid), ohne über **Zwecke** einig zu sein. Das ist der **Hoffnungsschimmer** für pluralistische Gesellschaften – aber auch die **Tragik**: Wir wissen nicht, **warum** wir tugendhaft sein sollen.

---

#### 2. Seelenruhe ist das häufigste Ziel (7/18) – aber defensiv

**Seelenruhe** (Stoiker, Epikur, Buddha, Prediger, Spinoza, Schopenhauer, Descartes ~) ist das häufigste Ziel. 

**Aber**: Es ist **defensiv** (Vermeidung von Leid), während moderne Werte eher **offensiv** sind (Fortschritt, Entwicklung, Maximierung, Selbstüberwindung).

**Die moderne Frage**: Ist Seelenruhe **überholt**? Nietzsche, Sartre, Mill sagen: **Ja** – Leben ist Aktivität, nicht Ruhe! Oder ist Seelenruhe gerade in der **modernen Hektik** wichtiger denn je (Achtsamkeit, Meditation)?

---

#### 3. Moderne Ziele sind einzigartig – radikale Neuheit

- **Mill**: Gesamtglück als **Aggregat** (völlig neu – antike Philosophie kannte kein "größtes Glück der größten Zahl")
- **Kant**: Autonomie/Würde als **Selbstzweck** (neu – Antike sah Autonomie nicht als höchstes Gut)
- **Nietzsche**: Selbstschöpfung **ohne Telos** (radikal neu – Anti-Teleologie!)
- **Sartre**: Existenz vor Essenz, **radikale Freiheit** (neu – keine vorgegebene Natur)

Die Antike hatte **keine** dieser Konzeptionen! Das 18.-20. Jahrhundert bringt **völlig neue Ziele**.

**Interpretation**: Die **Moderne** hat die Ziele **revolutioniert**. Ist das **Fortschritt** (mehr Freiheit, mehr Gleichheit) oder **Verlust** (keine Orientierung, kein Telos)?

---

#### 4. Das Verhältnis von Tugend und Glück spaltet – 5 Positionen

1. **Identität**: Stoiker, Platon (Tugend **IST** Glück)
2. **Konstitution**: Aristoteles, Thomas (Tugend ist **Teil** von Glück)
3. **Instrument**: Epikur, Mill, Hume (Tugend **dient** Glück)
4. **Trennung**: Kant (Tugend und Glück sind **verschieden**, im Konfliktfall: Tugend)
5. **Irrelevanz**: Nietzsche, Sartre (weder Tugend noch Glück sind Ziele – Selbstschöpfung/Authentizität)

**Interpretation**: Die **antike Synthese** (Tugend = Glück) ist **zerbrochen**. Kant trennt sie, Nietzsche verwirft beide. Das moderne Problem: **Wenn Tugend nicht glücklich macht, warum tugendhaft sein?**

---

#### 5. Prediger, Nietzsche, Sartre als Anti-Teleologen – Kein objektives Ziel

Drei Philosophen lehnen die Idee eines **objektiven Endziels** ab:
- **Prediger**: Es gibt kein Ziel – alles ist Hebel (Vanitas). **Passiver Nihilismus** (Resignation)
- **Nietzsche**: Es gibt kein objektives Ziel – du **schaffst** dein eigenes Maß. **Aktiver Nihilismus** (Umwertung)
- **Sartre**: Es gibt keine vorgegebene Essenz – du **wählst** deine Essenz. **Existenzieller Nihilismus** (radikale Freiheit)

**Gemeinsamkeit**: Alle drei lehnen **Teleologie** ab – es gibt kein summum bonum, das für alle gilt.

**Unterschied**:
- **Prediger**: Resignation (Akzeptiere die Absurdität)
- **Nietzsche**: Selbstschöpfung (Erschaffe deine eigenen Werte)
- **Sartre**: Authentizität (Wähle dich selbst)

**Interpretation**: Der **moderne Nihilismus** in drei Varianten. Ist das **Befreiung** (von dogmatischen Zielen) oder **Verzweiflung** (keine Orientierung)?

---

#### 6. Die Säkularisierung ist komplett – Jenseits verloren

**Nur diesseitig** (9/18): Epikur, Nietzsche, Sartre, Mill, Hume, Konfuzius, Buddha, Aristoteles, Prediger

**Primär jenseitig** (3/18): NT, Thomas, Platon

**Ambivalent** (6/18): Kant, Spinoza, Schopenhauer, Descartes, Sprüche, Stoiker

**Interpretation**: Von 18 Philosophen sehen nur **3** das Jenseits als primäres Ziel. Die **Säkularisierung** ist komplett. Das moderne Problem: **Wenn es kein Jenseits gibt, was ist dann der Sinn des Lebens?**

Antworten:
- **Mill**: Gesamtglück maximieren
- **Nietzsche**: Dich selbst überwinden
- **Sartre**: Authentisch wählen
- **Aristoteles**: Eudaimonia verwirklichen
- **Epikur**: Seelenruhe erreichen

**Aber**: Keine dieser Antworten ist **universell akzeptiert**. Der **Sinnverlust** (Prediger, Nietzsche) ist die Kehrseite der Säkularisierung.

---

#### 7. Individuum vs. Gemeinschaft – Die ungelöste Frage

**Individuell** (8/18): Epikur, Buddha, Prediger, Aristoteles (primär), Nietzsche, Descartes, Spinoza, Schopenhauer

**Kollektiv** (7/18): Konfuzius, Mill, Stoiker, Kant, Thomas, NT, Sprüche

**Beides** (3/18): Platon, Hume, Sartre

**Interpretation**: Fast **50:50**! Die moderne Gesellschaft steht vor dieser Frage: 
- **Ist das höchste Gut individuell** (mein Glück, meine Selbstverwirklichung)?
- **Oder kollektiv** (Gemeinwohl, soziale Harmonie)?

**Liberalismus** (Mill, Kant) versucht Synthese: **Individuelle Rechte** + **Gemeinwohl**. Aber die Synthese ist **instabil** – im Konfliktfall: Was hat Vorrang?

---

#### 8. Prozess vs. Endzustand – Die moderne Bewegung

**Statisch** (Endzustand, 10/18): Stoiker, Epikur, Buddha, Aristoteles, Spinoza, Schopenhauer, NT, Thomas, Hume, Platon

**Prozessual** (permanente Aktivität, 5/18): Nietzsche, Kant, Sartre, Mill (~), Konfuzius (~)

**Interpretation**: Die **Moderne** entdeckt den **Prozess** (Nietzsche: permanente Selbstüberwindung, Kant: permanente Pflichterfüllung, Sartre: permanente Wahl). Das antike Ideal (Endzustand erreichen) wird **abgelöst** durch modernes Ideal (permanente Bewegung).

**Das moderne Problem**: Wenn Leben **Prozess** ist, gibt es dann überhaupt ein Ziel? Oder ist das Ziel **der Prozess selbst**?

---

#### 9. Objektiv vs. Subjektiv – Der moderne Relativismus

**Objektiv** (8/18): Platon, Aristoteles, Kant, Stoiker, Thomas, NT, Konfuzius, Spinoza

**Subjektiv** (5/18): Mill, Epikur, Buddha, Hume, Schopenhauer

**Radikal subjektiv** (2/18): Nietzsche, Sartre

**Interpretation**: Der **moderne Relativismus** (Nietzsche, Sartre) stellt sich gegen die **gesamte Tradition** (16 von 18 Philosophen glauben an **objektive** oder **subjektive** Güter, aber **nicht** an selbsterschaffene).

**Die moderne Frage**: Ist das höchste Gut **entdeckt** (Platon: Ideen, Thomas: Gott, Aristoteles: Natur) oder **erschaffen** (Nietzsche: Umwertung, Sartre: Wahl)?

Wenn es erschaffen ist – warum dann **diese** Werte und nicht andere? **Beliebigkeit** droht.

---

#### 10. Die Tragik der Zielvielfalt – Pluralismus ohne Konsens

**Fundamentale Erkenntnis**: Während es bei den **Mitteln** (Regeln) bemerkenswerte Konvergenz gibt (Mäßigung 14/18, Klugheit 15/18, Mitleid 14/18), gibt es bei den **Zielen** radikale Divergenz.

**Das moderne Dilemma**:
- Wir einigen uns auf **Verhalten** (Mäßigung, Ehrlichkeit, Gerechtigkeit)
- Aber **nicht** auf **Zwecke** (Seelenruhe vs. Glücksmaximierung vs. Selbstschöpfung vs. Gottesreich)

**Zwei Interpretationen**:
1. **Optimistisch** (Mill, Kant): Wir können in **pluralistischer Gesellschaft** koexistieren, solange wir Regeln akzeptieren (Rechtsstaat, Menschenrechte) – auch ohne Konsens über Ziele
2. **Pessimistisch** (Nietzsche, MacIntyre): Ohne Konsens über Ziele ist Ethik **fragmentiert** – nur noch Regeln ohne Begründung. Warum tugendhaft sein, wenn wir nicht wissen, **wozu**?

**Die offene Frage für das 21. Jahrhundert**: Können wir mit **Zielvielfalt** leben, oder brauchen wir **Konsens** über das summum bonum?
