# V. Israel entsteht


Die Entstehung des Staates Israel gehört zu den vielschichtigen Vorgängen des 20. Jahrhunderts. Sie ist gleichzeitig eine Geschichte der Befreiung und eine Geschichte der Vertreibung – je nachdem, von welcher Seite man schaut. Dieses Kapitel versucht, beiden Perspektiven gerecht zu werden: der jüdischen, geprägt von Jahrhunderten der Verfolgung und gipfelnd im Holocaust, und der palästinensisch-arabischen, deren Bevölkerung die geopolitischen Folgen der europäischen Judenvernichtung und des kollabierenden britischen Empires zu tragen hatte.

Dabei ist eine Einschränkung von Anfang an wichtig: Der lokale Konflikt zwischen jüdischem und arabischem Nationalismus existierte bereits, bevor der Holocaust ihn radikalisierte. Schon in den 1920er Jahren war er ein gewaltsamer Nullsummenkonflikt auf dem Boden Palästinas. Der Holocaust war der Katalysator, der die Gründung Israels für die internationale Gemeinschaft unausweichlich machte – nicht die alleinige Ursache eines ansonsten externen Problems.

Wer eine dieser Perspektiven ausblendet, versteht weder die Geschichte noch die Gegenwart.

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## 1. Das osmanische Erbe und die neue Ordnung des Nahen Ostens (1880–1922)

### Das Osmanische Reich und seine Völker

Um 1880 herrschten die Osmanen seit über vier Jahrhunderten über einen der größten Staatskörper der Welt: vom Balkan und Nordafrika bis nach Anatolien und Mesopotamien. Das Reich war kein Nationalstaat im europäischen Sinne, sondern ein Vielvölkerreich, das seine Untertanen primär nach Religion, nicht nach Ethnizität ordnete – das sogenannte **Millet-System**. Jede religiöse Gemeinschaft (Muslime, griechisch-orthodoxe Christen, armenische Christen, Juden) verwaltete ihre inneren Angelegenheiten weitgehend selbst: Schulen, Gerichte, Personenstandsrecht. Das war keine liberale Toleranz – es war ein pragmatisches Herrschaftsprinzip, und es war hierarchisch: Muslime hatten rechtlich Vorrang, etwa beim Zeugniswert vor Gericht. Die Reformen der Tanzimat-Ära (1839/1856) milderten diese Asymmetrie rechtlich – die Gleichheit vor dem Gesetz wurde proklamiert –, blieben aber in der Praxis unvollständig. Die ältere rechtliche Asymmetrie erklärt mit, warum die spätere Vorstellung jüdischer Gleichberechtigung – oder gar Vorherrschaft – auf arabischer Seite als Umkehrung der gewohnten Ordnung empfunden wurde.

Die arabischsprachige Bevölkerung des Reiches war demografisch dominant in der Levante, in Mesopotamien und auf der arabischen Halbinsel – aber politisch hatte sie kaum Gewicht. Die osmanische Elite war türkisch; Arabisch war die Sprache der Religion und der Straße, Türkisch die Sprache der Macht.

In **Palästina** selbst lebten um 1880 schätzungsweise 450.000–500.000 Menschen (osmanische Zensusdaten waren Steuererfassungen, nicht Volkszählungen, und entsprechend unsicher; vgl. Justin McCarthy, *The Population of Palestine*, 1990). Davon waren rund 90 Prozent Araber (muslimisch und christlich); der jüdische Anteil – das *Alte Jischuw* – lag bei etwa 5 bis 8 Prozent. Bis zum Vorabend des Ersten Weltkriegs stieg er auf etwa 12 bis 13 Prozent (rund 85.000–95.000 von etwa 700.000). Die jüdische Bevölkerung konzentrierte sich auf die vier heiligen Städte Jerusalem, Hebron, Safed und Tiberias, war religiös orientiert, politisch passiv und lebte von Spenden der Diaspora. Sie war damit urban, während die arabische Bevölkerung zu etwa vier Fünfteln ländlich lebte – ein Gegensatz, der später die Landkonflikte prägte. In Jerusalem selbst stellten Juden bereits ab den 1840er Jahren die größte religiöse Einzelgruppe und spätestens ab den 1870er Jahren die absolute Mehrheit – aber das war eine städtische Enklave inmitten einer ländlichen arabischen Mehrheit. Es war ein Land ohne Nationalstaat, ohne politische Struktur, die über Dorf und Clan hinausgegangen wäre.

### Der Zerfall des Reiches

Das Osmanische Reich kollabierte nicht plötzlich, sondern in einem langen, schmerzhaften Prozess über mehr als ein Jahrhundert. Europa nannte es abschätzig den **„kranken Mann am Bosporus“** – ein Reich, das militärisch immer öfter verlor, wirtschaftlich von europäischem Kapital abhängig wurde und politisch unter dem Druck von Nationalismen zerfiel.

Die wichtigsten Stationen des Zerfalls:

**Auf dem Balkan** verlor das Reich im 19. Jahrhundert Griechenland, Serbien, Rumänien, Bulgarien – eines nach dem anderen. Die Balkankriege 1912/13 kosteten fast alle verbleibenden europäischen Provinzen. Hunderttausende muslimische Flüchtlinge strömten nach Anatolien.

**Im Ersten Weltkrieg** (1914–1918) schloss sich das Osmanische Reich den Mittelmächten (Deutschland, Österreich-Ungarn) an – eine fatale Fehlentscheidung. Als die Mittelmächte verloren, war das Schicksal des Reiches besiegelt.

**Die arabische Bevölkerung** war in dieser Zeit politisch erwachend, aber noch nicht geeint. Arabischer Nationalismus – die Idee, dass alle arabischsprachigen Völker eine Nation bilden und einen eigenen Staat verdienen – war um 1900 eine intellektuelle Bewegung kleiner städtischer Eliten in Beirut, Damaskus und Kairo, keine Massenbewegung.

### Drei Versprechen, ein Gebiet – die widersprüchliche britische Diplomatie

Als das Osmanische Reich 1914 in den Krieg eintrat, brauchte England Verbündete in der arabischen Welt. Was folgte, war eine der folgenreichsten diplomatischen Verwirrungen der Geschichte: Großbritannien machte innerhalb weniger Jahre drei miteinander schwer vereinbare Versprechen über überlappende Territorien.

**Versprechen 1 – Hussein-McMahon (1915/16):** Der britische Hochkommissar in Ägypten, Henry McMahon, versprach dem Scherifen Hussein von Mekka arabische Unabhängigkeit nach dem Krieg, wenn die Araber gegen die Osmanen aufständen. Die entscheidende Unschärfe lag in einer geografischen Formulierung: McMahon schloss die Gebiete „westlich der Distrikte von Damaskus, Homs, Hama und Aleppo“ von der arabischen Unabhängigkeit aus. Die Briten argumentierten später, Palästina liege westlich davon und sei damit ausgenommen; die Araber hielten dagegen, Palästina liege südlich dieser Distrikte und sei gar nicht erfasst. Diese Auslegung ist bis heute strittig. Hussein lieferte: Der Arabische Aufstand begann 1916, begleitet vom britischen Offizier T.E. Lawrence. Arabische Truppen kämpften an der Seite der Briten, nahmen Akaba, marschierten 1918 in Damaskus ein.

**Versprechen 2 – Sykes-Picot (1916):** Während der Arabische Aufstand noch lief, trafen der britische Diplomat Sir Mark Sykes und sein französischer Kollege François Georges-Picot eine geheime Vereinbarung über die Aufteilung desselben Gebiets nach dem erwarteten Sieg. Russland wurde eingeweiht und stimmte zu. Was Hussein nicht wusste: Das Land, für dessen Befreiung er kämpfte, war bereits unter England und Frankreich aufgeteilt.

**Versprechen 3 – Balfour-Deklaration (1917):** Am 2. November 1917 schrieb Außenminister Arthur James Balfour einen Brief an Lord Walter Rothschild, den prominentesten jüdischen Peer Englands. Die britische Regierung betrachte die Errichtung einer „nationalen Heimstätte für das jüdische Volk“ in Palästina wohlwollend – mit dem Zusatz, dass die „bürgerlichen und religiösen Rechte“ der nichtjüdischen Bevölkerung nicht beeinträchtigt werden dürften. Bemerkenswert ist, was der Zusatz nicht erwähnt: politische oder nationale Rechte. Diese Klausel wurde keineswegs ignoriert – sie wurde im Gegenteil zum Angelpunkt der britischen Schaukelpolitik der folgenden Jahrzehnte und immer wieder herangezogen, um jüdische Einwanderungs- und Landkaufbeschränkungen zu rechtfertigen (etwa im Weißbuch 1939).

England hatte damit dasselbe Territorium auf widersprüchliche Weise versprochen: den Arabern, den Franzosen und den Juden. Das strukturelle Dilemma der nächsten dreißig Jahre war damit vorprogrammiert.

### Sykes-Picot: Das Abkommen und seine Umsetzung

Die Linien, die Sykes und Picot über einer Karte in einem Londoner Büro zogen, hatten keine demokratische Legitimation, keine völkerrechtliche Grundlage und keine Rücksicht auf die dort lebenden Menschen. Die reale Grundlage war militärische Überlegenheit, gepaart mit der Ideologie des „Zivilisierungsauftrags“ (*mission civilisatrice*): Europa habe die Pflicht, „rückständige Völker“ zur Selbstverwaltung zu führen. Wer über Reife entschied? Die Kolonisatoren selbst.

Die Aufteilung war komplexer als die spätere Landkarte vermuten lässt; das Abkommen unterschied direkt kontrollierte Zonen von Einflusssphären:
- **Frankreich** beanspruchte Syrien und den Libanon zur direkten Kontrolle sowie eine Einflusssphäre, die ursprünglich auch das Mosul-Gebiet (Nordirak) umfasste
- **England** beanspruchte Irak (Bagdad, Basra) und eine Einflusssphäre über Transjordanien sowie direkte Kontrolle über Haifa und Akko
- **Palästina** sollte teils internationalisiert werden: vorgesehen war eine internationale Verwaltung für einen Korridor um Jerusalem und Jaffa, während die übrigen Teile in britische und französische Einflusszonen fielen

Das Mosul-Gebiet wechselte 1918–1920 in die britische Sphäre – im Tausch gegen eine französische Beteiligung an der Turkish Petroleum Company und britisches Einlenken in Syrien. So kontrollierte England am Ende das gesamte irakische Mandat.

**Wann wurde Sykes-Picot tatsächlich umgesetzt?** Das geschah nicht auf einmal, sondern in mehreren Schritten:

1917 veröffentlichten die Bolschewiki das geheime Abkommen aus den zaristischen Archiven – ein politischer Schock. Die arabische Welt erfuhr, was hinter ihrem Rücken verhandelt worden war.

Im **Oktober/November 1918**, nach der osmanischen Kapitulation, besetzten britische und französische Truppen die Region und begannen, die vereinbarten Zonen zu verwalten. Das war die faktische Umsetzung.

Im **März 1920** rief Faisal – Husseinssohn und Führer des Arabischen Aufstands – in Damaskus einen unabhängigen arabischen Staat aus. Vier Monate später zerstörten französische Truppen in der **Schlacht von Maysalun** diese arabische Hoffnung militärisch. Faisal wurde vertrieben.

Auf der **Konferenz von San Remo (April 1920)** bestätigten die alliierten Siegermächte die Aufteilung formell. Das ist der entscheidende Moment: Sykes-Picot wurde aus einem geheimen Abkommen zur offiziellen internationalen Politik.

Der **Völkerbund genehmigte die Mandate 1922**, in Kraft traten sie 1923 nach dem Vertrag von Lausanne – erst jetzt bekam das System eine (schwache) rechtliche Grundlage: eine völkerrechtliche Bemäntelung kolonialer Interessen.

### Die neuen Staaten und ihre Probleme

Was aus Sykes-Picot entstand, war eine Landkarte, die mit der menschlichen Geographie der Region wenig zu tun hatte:

**Syrien und Libanon** unter französischem Mandat. Frankreich schuf den „Großen Libanon“ durch Angliederung muslimischer Gebiete an das christlich-maronitische Kernland – um eine pro-französische Mehrheit zu sichern. Das demographische Gleichgewicht war von Anfang an instabil. Diese administrativen Sollbruchstellen trugen später zum Bürgerkrieg 1975–1990 bei.

**Irak** unter britischem Mandat. Die künstliche Vereinigung dreier osmanischer Provinzen – das kurdische Mosul, das sunnitische Bagdad, das schiitische Basra – in einen Staat war strukturell brüchig. Als Trostpflaster für den aus Damaskus vertriebenen Faisal machten die Briten ihn zum König eines Landes, das er nie zuvor regiert hatte. Ein Teil der bis heute anhaltenden Instabilität des Irak hat in dieser administrativen Konstruktion seinen Ursprung.

**Transjordanien** – Jordanien –, entstanden 1921 als administrativ geschaffene Einheit, regiert von Abdallah, dem Bruder Faisals. Eine Verwaltungseinheit ohne historisches Vorbild und ohne natürlich gewachsene Grenzen.

**Die Kurden** – das größte Volk der Region ohne eigenen Staat – wurden auf vier Länder aufgeteilt (Türkei, Syrien, Irak, Iran). Der Vertrag von Sèvres (1920) stellte ihnen Autonomie und einen möglichen Pfad zur Unabhängigkeit in Aussicht (Art. 62–64); der Vertrag von Lausanne (1923) strich diese Aussicht wieder, als Atatürk militärisch stark genug war, eigene Bedingungen zu stellen. 25 bis 35 Millionen Kurden sind bis heute staatenlos.

**Palästina** – unter britischer Zivilverwaltung ab 1920, völkerrechtlich abgesichert ab 1922/23, mit der expliziten Verpflichtung der Balfour-Deklaration, dort eine jüdische Heimstätte aufzubauen, ohne die arabische Mehrheitsbevölkerung zu beeinträchtigen. Ein auf Dauer widersprüchlicher Doppelauftrag.

### Israels regionales Umfeld

Der Staat Israel entstand 1948 also nicht im leeren Raum, sondern in einer Region, die gerade erst – und schlecht – aus den Trümmern des Osmanischen Reichs zusammengesetzt worden war. Seine arabischen Nachbarn waren größtenteils junge, instabile Staaten mit unsicherer innerer Legitimität, unter Herrschern, die von europäischen Mächten eingesetzt worden waren. Ihre Ablehnung eines jüdischen Staates in Palästina war nicht nur ideologisch (arabischer Nationalismus, Ablehnung des Zionismus), sondern auch innenpolitisch: Kein arabischer Herrscher konnte es sich leisten, öffentlich die Entstehung Israels auf arabischem Boden zu akzeptieren, ohne seine eigene Legitimität zu gefährden.

Das erklärt – ohne es zu rechtfertigen –, warum die arabischen Staaten 1948 angriffen: nicht aus militärischer Stärke, sondern aus innenpolitischem Zwang und nationalistischem Impuls, in einem regionalen Umfeld, das selbst noch keine stabile Ordnung gefunden hatte.

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## 2. Der Zionismus und die fünf Aliyas

### Herzl und die Geburt des politischen Zionismus

Jüdische Sehnsucht nach Rückkehr nach Zion war religiös so alt wie die Diaspora. Was **Theodor Herzl** 1896 mit seiner Schrift *Der Judenstaat* begründete, war etwas anderes: ein politisches Programm. Herzl, österreichisch-ungarischer Journalist, hatte den Dreyfus-Prozess in Paris hautnah erlebt – einem assimilierten jüdischen Offizier war Verrat angehängt worden, begleitet von offenem Antisemitismus auf den Straßen. Dazu kam seine Überzeugung, dass das jüdische Volk ein Anrecht auf Selbstbestimmung in seiner historischen Ur-Heimat habe. Herzls Schlussfolgerung war radikal: Der Antisemitismus ist in Europa strukturell und unheilbar. Die einzige Lösung ist ein eigener Staat.

1897 organisierte er in Basel den Ersten Zionistischen Kongress. Das Ziel: eine öffentlich-rechtlich gesicherte Heimstätte in Palästina. Herzl selbst war pragmatisch – als England 1903 ein Territorium im East Africa Protectorate (auf dem Uasin-Gishu-Plateau im heutigen Kenia, historisch „Uganda-Plan“ genannt) anbot, erwog er es ernsthaft. Die Bewegung bestand auf Palästina.

Innerhalb des Zionismus gab es von Anfang an verschiedene Strömungen. **Achad Ha'am**, ein früher Kritiker aus der Bewegung selbst, schrieb bereits 1891 nach einem Besuch in Palästina: Die Einwanderer behandelten die arabische Bevölkerung wie Luft – das werde sich rächen. **Ze'ev Jabotinsky** wiederum benannte das Dilemma schonungslos realistisch: Kein Volk gebe freiwillig seine Heimat auf. Die Zionisten müssten sich hinter einer „Eisernen Mauer“ etablieren. Das wurde zur Grundlage des revisionistischen Zionismus, des Vorläufers des heutigen Likud.

### Die fünf Aliyas

Das Wort *Aliya* (hebr. „Aufstieg“) bezeichnet die Einwanderungswellen nach Palästina. Fünf davon prägten die Vorgeschichte des Staates:

- **Erste Aliya (1882–1903):** ca. 25.000 Menschen aus Russland und Rumänien, ausgelöst durch Pogrome
- **Zweite Aliya (1904–1914):** ca. 35.000 aus Osteuropa, geprägt von sozialistischem Pioniergeist – aus dieser Welle stammten Ben-Gurion und andere Gründerväter
- **Dritte Aliya (1919–1923):** ca. 35.000, nach dem Krieg, angetrieben durch neue Pogromwellen
- **Vierte Aliya (1924–1929):** ca. 80.000 aus Polen und Ungarn, ausgelöst auch durch restriktive US-Einwanderungsgesetze
- **Fünfte Aliya (1929–1939):** ca. 250.000 aus Osteuropa und Mitteleuropa; die deutsche und österreichische Einwanderung konzentrierte sich vor allem auf die Jahre 1933–1936, getrieben durch den Nationalsozialismus

Die frühe Einwanderung war alles andere als einfach. Das Osmanische Reich erließ ab 1882 Einwanderungsverbote, die durch Bestechung und Verwaltungsschwäche umgangen wurden. Die Küstenebene war verseucht mit Malaria. Die Pioniere der ersten Aliya – meist Stadtmenschen ohne Landwirtschaftserfahrung – scheiterten zu großen Teilen aus eigener Kraft; erst die zweite Aliya mit ihrer kollektiven Kibbuz-Organisation war dauerhaft erfolgreicher.

### Der „Staat im Staat“ – der Aufbau jüdischer Institutionen

Das Entscheidende an der zionistischen Einwanderung war nicht ihre Zahl, sondern ihre organisatorische Kohärenz. Die Einwanderer kamen nicht als Individuen, die ein besseres Leben suchten – sie kamen mit einem historischen Projekt und bauten über Jahrzehnte sämtliche Institutionen eines modernen Staates auf, lange bevor dieser Staat existierte:

**Histadrut (1920):** Ein Gewerkschaftsdachverband, der zugleich Fabriken, Banken und Krankenhäuser besaß – eine Wirtschaft innerhalb der Wirtschaft.

**Jüdischer Nationalfonds:** Kaufte Land als kollektives jüdisches Eigentum mit einer Stiftungsklausel, die das Land der jüdischen Gemeinschaft dauerhaft vorbehielt und einen Wiederverkauf an Nichtjuden ausschloss (diese Praxis wurde erst nach der Staatsgründung rechtlich relativiert, etwa durch das Ka'adan-Urteil 2000). Der Landkauf war nicht zufällig, sondern strategisch: Priorität hatten Gebiete mit Wasserressourcen (Jesreelebene) und strategischer Lage (Küstenebene). Bis 1947 besaßen Juden etwa 7 Prozent des Landes, aber einen deutlich höheren Anteil der kultivierbaren Flächen – ein Schlüssel für die spätere Staatsfähigkeit. Eng damit verbunden war das Prinzip der *Avoda Ivrit* (jüdische Arbeit) – kein Gesetz, aber ein von der zionistischen Arbeiterbewegung propagiertes und durch die Histadrut aktiv durchgesetztes Programm: Jüdisches Land sollte ausschließlich mit jüdischer Arbeit bewirtschaftet werden. Es verband zwei Motive – eine sozialistische Arbeitsethik der Selbstverwirklichung durch eigene Hände Arbeit und eine nationale Verdrängungslogik. Wer als jüdischer Arbeitgeber arabische Arbeiter beschäftigte, wurde boykottiert. In der Praxis überwog für die arabische Seite die zweite Wirkung.

**Haganah (1920):** Eine geheime Verteidigungsorganisation, die sich zur Keimzelle der späteren israelischen Armee entwickelte. Formal illegal unter dem Mandat – phasenweise toleriert und zeitweise sogar aktiv eingebunden, etwa in Wingates Special Night Squads 1938/39 gegen den arabischen Aufstand; grundsätzlich blieb sie eine illegale Organisation.

**Jewish Agency:** De-facto-Regierung der jüdischen Gemeinschaft, von den Briten offiziell als Verhandlungspartner anerkannt – rechtlich verankert im Völkerbundmandat selbst (Artikel 4).

**Bildungssystem:** Von der Grundschule bis zur Hebräischen Universität Jerusalem (1925) – komplett auf Hebräisch, einer Sprache, die innerhalb einer Generation von toter Liturgiesprache zur lebendigen Muttersprache gemacht wurde. Ein Ereignis ohne Parallele in der Sprachgeschichte.

War das ein „Staat im Staat“? Im Wesentlichen ja – aber einer mit abgestufter Legalität. Die Jewish Agency war völkerrechtlich verankert. Die Histadrut war geduldet. Die Haganah war formal illegal, phasenweise toleriert. Das Bildungssystem war offiziell anerkannt. Als 1948 der Staat ausgerufen wurde, war er nicht aus dem Nichts entstanden – er war institutionell weitgehend vorbereitet.

### Die Haltung der Osmanen und Briten zur Einwanderung

**Die osmanische Phase (1. und 2. Aliya):** Formale Einwanderungsverbote seit 1882, faktisch durch Korruption und Verwaltungsschwäche unterlaufen. Herzl versuchte Sultan Abdülhamid II. persönlich zu überzeugen – mit dem Angebot, die osmanischen Staatsschulden zu begleichen. Der Sultan lehnte ab: Palästina gehöre dem muslimischen Volk und stehe nicht zum Verkauf. Ergebnis: rund 60.000 Einwanderer trotz formaler Verbote.

**Die britische Phase (3., 4. und 5. Aliya):** Die Briten brachten einen modernen Verwaltungsapparat und das **Zertifikatssystem**: Jeder Einwanderer brauchte ein offizielles Zertifikat der Mandatsverwaltung, dessen Gesamtzahl periodisch nach der „Absorptionsfähigkeit“ des Landes festgesetzt wurde – in Wirklichkeit ein politisches Instrument.

Der britische Kurs schwankte erheblich, und die Wendepunkte folgten den Eskalationen vor Ort: den Nebi-Musa-Unruhen (1920), den Jaffa-Unruhen (1921), den Massakern von Hebron und Safed (1929), schließlich dem großen Arabischen Aufstand (1936–1939). In den frühen Mandatsjahren förderte der erste Hochkommissar Herbert Samuel die Einwanderung aktiv. Mit wachsenden arabischen Unruhen begann das Pendel zu schwingen. Die Peel-Kommission empfahl 1937 erstmals eine Teilung des Landes – samt einer offen diskutierten „Transfer“-Idee. Das **Weißbuch von 1939** war der dramatische Wendepunkt, und es war eine direkte Reaktion auf den Arabischen Aufstand, der die Briten militärisch überfordert hatte. Hinzu kam strategisches Kalkül am Vorabend des Zweiten Weltkriegs: Palästina lag nahe dem Suez-Kanal und den Ölquellen des Nahen Ostens, und England war auf arabisches Wohlwollen angewiesen. Die jüdische Einwanderung wurde auf 75.000 über fünf Jahre begrenzt, der Landkauf eingeschränkt und eine palästinensische Unabhängigkeit innerhalb von zehn Jahren mit jüdischer Minderheitenstellung in Aussicht gestellt – für die Zionisten inakzeptabel, und das genau in dem Moment, als die Vernichtungsmaschinerie in Europa anlief. Die *Struma* (1942) – ein Schiff mit 769 jüdischen Flüchtlingen aus Rumänien – wurde von den Briten zurückgewiesen, weil sie keine Einreisezertifikate erteilten; das Schiff wurde von türkischer Seite ins Schwarze Meer zurückgeschleppt und dort von einem sowjetischen U-Boot torpediert. Es gab nur einen Überlebenden.

Das Grundmuster beider Phasen: formale Restriktionen, die durch Realität, Korruption oder politischen Druck unterlaufen wurden. Die Osmanen scheiterten aus Schwäche; die Briten scheiterten an der strukturellen Unlösbarkeit ihrer eigenen widersprüchlichen Versprechen.

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## 3. Die arabische Seite

### Eine fragmentierte Gesellschaft

Die arabische Bevölkerung Palästinas war der zionistischen Bewegung in entscheidender Hinsicht strukturell unterlegen – nicht an Fähigkeit oder Würde, sondern an politischer Organisation. Es gab keine kohärente nationale Bewegung, kein gemeinsames Institutionenprojekt. Die städtische Oberschicht (Effendis) und die Landbevölkerung (Fellachen) hatten unterschiedliche Interessen. Rivalisierende Clans – Husseinis gegen Nashashibis in Jerusalem – lähmten die politische Führung.

Diese Schwäche war nicht allein hausgemacht. Die Mandatsmacht förderte gezielt den Gegensatz zwischen Husseinis und Nashashibis, um eine einheitliche arabische Führung zu verhindern – Spaltung war ein Instrument britischer Herrschaft, nicht bloß deren unbeabsichtigte Folge. Hinzu kam ein wirtschaftlicher Widerspruch: Teile derselben Oberschicht, die den Zionismus politisch ablehnten, verkauften Land an den Jüdischen Nationalfonds.

### Arabische Strategien – zwischen Widerstand und Diplomatie

Es wäre falsch, die arabische Seite nur als fragmentiert und reaktiv zu zeichnen. Es gab handelnde Akteure mit klaren, wenn auch konkurrierenden Zielen:

- **Izz ad-Din al-Qassam**, ein aus Syrien stammender Prediger, organisierte ab etwa 1930 bewaffneten Widerstand und wurde nach seinem Tod 1935 zur Symbolfigur des militanten Flügels.
- **Auni Bey Abdul-Hadi** war eine führende Figur des Arabischen Aufstands 1936 und verhandelte zugleich mit den Briten.
- **Jamal al-Husseini**, ein Verwandter des Mufti, vertrat moderatere Positionen, wurde aber an den Rand gedrängt.
- Christliche Araber wie **George Antonius** formulierten klare staatliche Visionen, wurden aber marginalisiert.

Institutionell blieben diese Ansätze schwach. Das **Arabische Hochkomitee** (1936) war die erste einheitliche Vertretung – die Briten verboten es nach dem Aufstand. Die **All-Palestine Government** (1948) blieb ein von Ägypten gestütztes Gebilde ohne reale Macht. Palästinensischer Nationalismus entstand im Wesentlichen erst als Reaktion auf den Zionismus – und damit strukturell zu spät. Wo die jüdische Seite Jahrzehnte hatte, Institutionen aufzubauen, reagierte die arabische Seite.

### Die arabische Führung und ihre Fehler

**Mohammed Amin al-Husseini**, der Großmufti von Jerusalem, war die dominierende Figur der palästinensischen Nationalbewegung – und ihr größtes Problem. Er war kompromisslos, lehnte jeden Teilungsplan ab und trieb die Bewegung in die Isolation. Sein Amt verdankte er 1921 einer Ernennung durch den Hochkommissar Herbert Samuel, der ihn aus mehreren Kandidaten auswählte; er war also nicht demokratisch gewählt, sondern eine von der Mandatsmacht begünstigte Figur, die ihre Stellung durch Klientelismus hielt.

Schwer wog seine **Allianz mit Nazi-Deutschland**. 1941 floh al-Husseini nach Berlin und lebte dort bis Kriegsende als Gast des NS-Regimes. Er hielt Propagandareden im arabischsprachigen Rundfunk, half bei der Rekrutierung muslimischer Soldaten für die Waffen-SS (insbesondere die Division „Handschar“), und intervenierte nachweislich – etwa im Mai/Juni 1943 schriftlich bei den Regierungen Bulgariens, Rumäniens und Ungarns –, um die Ausreise jüdischer Kinder nach Palästina zu verhindern; stattdessen forderte er deren Deportation nach Polen. Dass er um die tödliche Konsequenz wusste, ist damit dokumentiert. Diese Allianz mit der genozidalen Achsenmacht war zugleich ein strategisches Desaster, das der palästinensischen Nationalbewegung über Jahre einen schweren Imageschaden und diplomatischen Nachteil eintrug.

Gleichzeitig ist eine klare Unterscheidung nötig. Die Kollaboration eines Politikers ist kein Urteil über ein Volk. Innerhalb der palästinensischen Führung gab es erheblichen Widerstand gegen ihn. Und al-Husseini war kein Einzelfall: Mehrere arabische Nationalisten, etwa Rashid Ali al-Gaylani im Irak, suchten den Schulterschluss mit den Achsenmächten – weniger aus Ideologie als aus Feindschaft zur britischen Kolonialherrschaft. Die palästinensische Bevölkerung hatte keine Kontrolle über die Entscheidungen ihrer Führung. Die Nakba von 1948 wurde nicht durch al-Husseinis Berliner Jahre verursacht – sie wurde durch militärische Macht und politische Entscheidungen verursacht, die beide Seiten während des Krieges von 1948 trafen.

Auf der **zionistischen Seite** gab es spiegelbildliche Fehler. Die **Irgun** – eine revisionistisch-nationalistische jüdische Untergrundorganisation unter Menachem Begin – operierte mit Methoden, die auch die eigene Führung verurteilte. Das Massaker von **Deir Yassin** (April 1948), bei dem Irgun und Lehi etwa 100–120 Dorfbewohner töteten, war völkerrechtswidrig und löste massenhafte Panikflucht in der arabischen Bevölkerung aus. Die Sprengung des **King-David-Hotels** (1946) tötete 91 Menschen – Briten, Araber und Juden; die Irgun hatte zuvor Warnanrufe abgesetzt, die die britische Verwaltung ignorierte, was die Zahl der Opfer nicht mindert, aber die Tat von einem reinen Massaker wie Deir Yassin unterscheidet. Jüdische Gewalt hatte stark reaktive Züge – die Massaker von Hebron und Safed 1929 und die etwa 400 jüdischen Toten des Arabischen Aufstands 1936–1939 erklären (ohne zu entschuldigen) die spätere Härte –, daneben aber auch eine eigenständige offensive Dimension (Irgun, Lehi). Beide Seiten hatten ihre Extremisten. Beide Führungen trugen Verantwortung für das, was in ihrem Namen geschah.

### Landkauf und stille Verdrängung

Die frühe zionistische Strategie war zunächst legaler Landkauf über den Jüdischen Nationalfonds. Eine entscheidende Rolle spielte dabei **Baron Edmond de Rothschild** – der Pariser Bankier, der ab 1882 die frühen jüdischen Siedlungen in Palästina finanziell rettete, als sie zu scheitern drohten. Ohne sein Geld wäre die erste Aliya weitgehend zusammengebrochen. Seine Unterstützung hatte jedoch einen Preis: Rothschilds Verwalter übten eine enge, oft als bevormundend empfundene Aufsicht über die Siedlungen aus und schrieben vor, was angebaut wurde und wie gewirtschaftet werden sollte. Die Pioniere schätzten das Geld – und hassten die Kontrolle.

Der Landkauf selbst war formal legal. Gelegentlich wird daraus das Argument abgeleitet, die arabische Bevölkerung habe keinen Grund zur Beschwerde gehabt – schließlich sei nichts gestohlen worden. Dieses Argument ist falsch, und zwar nicht wegen juristischer Spitzfindigkeiten, sondern weil es Legalität mit Gerechtigkeit verwechselt.

Hier ist der osmanische Rechtshintergrund entscheidend. Das osmanische Landgesetz von 1858 verlangte die Registrierung von Land (*Tapu*). Viele Fellachen registrierten ihr Land aus Angst vor Steuern und Wehrpflicht auf den Namen reicher städtischer Händler – der späteren Großgrundbesitzer. So entstand eine rechtliche Entkoppelung von tatsächlicher Bewirtschaftung und formalem Eigentum, die den späteren Verkauf erst ermöglichte. Das Land gehörte oft abwesenden Großgrundbesitzern in Beirut oder Istanbul – die Familie Sursock etwa verkaufte ausgedehnte Ländereien in der Jesreelebene wissentlich an den Jüdischen Nationalfonds. Wenn solches Land verkauft wurde, verloren die arabischen Pächter, die es seit Generationen bewirtschafteten, ihre Existenzgrundlage – ohne Entschädigung, ohne Rückkehrmöglichkeit, ohne dass sie auch nur gefragt worden wären. Nach osmanischem *Tapu*-Recht waren sie rechtlich Pächter, nicht Eigentümer; an der menschlichen Realität ändert das nichts. Ein Rechtsgeschäft zwischen einem fernen Eigentümer und einem Käufer, das die tatsächlichen Bewohner ihres Lebensunterhalts beraubt, mag legal sein. Gerecht ist es nicht.

Dazu kam das Prinzip der *Avoda Ivrit*: Die vertriebenen Pächter konnten auf dem verkauften Land nicht als Lohnarbeiter bleiben, weil jüdische Arbeit gefordert war. Gleichzeitig betrieb die zionistische Arbeiterbewegung, vor allem die Histadrut, einen Boykott arabischer Waren und Arbeit – dem auf arabischer Seite später ein eigener Boykott jüdischer Waren entgegenstand. Es entstand eine weitgehende Segregation der Arbeits- und Gütermärkte mit wenigen Berührungspunkten: Was für die jüdische Seite ein Aufbauprojekt war, bedeutete für die arabische Seite weitgehenden Ausschluss.

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## 4. Das britische Mandat und sein Scheitern (1920–1948)

England erhielt 1920/22 das Völkerbundmandat über Palästina und war damit offiziell verantwortlich für die Umsetzung zweier unvereinbarer Versprechen: nationale Heimstätte für die Juden und Schutz der arabischen Bevölkerung. Das war auf Dauer widersprüchlich – und England wusste es.

Jede Maßnahme zugunsten der Juden provozierte arabischen Widerstand; jede Maßnahme zugunsten der Araber verletzte die Balfour-Verpflichtung und erzeugte jüdischen Widerstand. England versuchte, beide zu beschwichtigen, und verfeindete sich mit beiden. Wo es seine Herrschaft bedroht sah, schlug es hart zu: Während des Arabischen Aufstands 1936–1939 ging die Armee mit Kollektivstrafen, Hauszerstörungen und Massenverhaftungen gegen die arabische Landbevölkerung vor.

Die **Weißbücher** – 1922, 1930, 1939 – zeigen das Pendel: Mal wurden Einwanderung und Landkauf eingeschränkt (auf arabischen Druck), mal wurden Einschränkungen zurückgenommen (auf zionistischen Druck). Das Weißbuch von 1939 war ein extremes Beispiel: Im Moment der größten Not europäischer Juden schloss England die Tür.

Nach dem Zweiten Weltkrieg bekämpften jüdische Untergrundorganisationen – Haganah, Irgun, Lehi – die Briten offen, phasenweise koordiniert in der Jewish Resistance Movement (1945–1946). Die Irgun sprengte 1946 das King-David-Hotel. England, erschöpft und bankrott nach dem Krieg, gab im Februar 1947 das Mandat an die UNO zurück – weniger als souveräne Entscheidung, mehr als Kapitulation vor einer unlösbaren Situation.

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## 5. Staatsgründung und Nakba (1947–1949)

### Der UN-Teilungsplan

Die UNO schlug mit **Resolution 181** (November 1947) die Teilung Palästinas vor: ein jüdischer Staat (rund 55 % des Gebiets), ein arabischer Staat (rund 45 %), Jerusalem als *Corpus separatum* unter internationaler Verwaltung. Der dem jüdischen Staat zugedachte Anteil bestand zu einem großen Teil aus der damals kaum besiedelten Negev-Wüste; die fruchtbaren Küstenebenen und Teile Galiläas wären mehrheitlich arabisch bewohnt, aber unter jüdischer Hoheit gestanden. Die arabische Ablehnung war also nicht nur nationalistisch, sondern auch pragmatisch begründet. Demographisch war der Plan heikel: Innerhalb des vorgesehenen jüdischen Staates hätten nach den Daten der UNSCOP-Kommission etwa 498.000 Juden rund 497.000 sesshaften Arabern (plus etwa 90.000 nomadisierenden Beduinen) gegenübergestanden. Insgesamt machten Juden nur etwa ein Drittel der Gesamtbevölkerung Palästinas aus. Diese knappe demographische Marge erklärt, warum Teile der zionistischen Führung die spätere massenhafte Flucht und Vertreibung der Araber als demographische „Notwendigkeit“ für einen jüdisch-demokratischen Staat betrachteten.

Die zionistische Führung akzeptierte den Plan als Ausgangsbasis. Ben-Gurion sah ihn dabei als taktischen Schritt – mit der Erwartung, dass ein Krieg die Grenzen zugunsten Israels verschieben würde, was auch geschah. Die arabischen Staaten und die palästinensische Führung lehnten ab – aus ihrer Sicht nachvollziehbar: Eine internationale Organisation verfügte über die Teilung eines Landes, in dem die Palästinenser die Bevölkerungsmehrheit stellten, ohne deren Zustimmung; die arabischen Staaten waren 1947 UN-Mitglieder, die Palästinenser als Kollektiv jedoch nicht vertreten. (Dass große Flächen Staats- oder Gemeindeland waren und nicht in arabischem Privatbesitz, ändert nichts am Kern: Es ging um politische Selbstbestimmung, nicht nur um Grundbucheinträge.) Über ernsthafte Alternativen – etwa den binationalen Staat, den Judah Magnes und der Brit-Schalom-Kreis vorschlugen – wurde damals diskutiert; sie fanden auf keiner der beiden Seiten eine Mehrheit. Das zeigt: Der spätere Verlauf war keine Naturnotwendigkeit, sondern Ergebnis politischer Entscheidungen.

### Pragmatische Planung gegen militärischen Zufall

Etwa elf Minuten nach Ben-Gurions Unabhängigkeitserklärung am 14. Mai 1948 erkannte Truman Israel an. Am folgenden Tag griffen die Armeen Ägyptens, Jordaniens, Syriens, des Irak und des Libanon an. Das klingt nach einem vorbereiteten Ablauf – und war es auf der einen Seite auch, auf der anderen gerade nicht.

Trumans Anerkennung war nicht spontan. Sie war vorbereitet, die Formulierung abgestimmt, der Zeitpunkt kalkuliert – um der Sowjetunion zuvorzukommen, die am 17. Mai ebenfalls anerkannte. Auch der Einmarsch der arabischen Armeen war angekündigt.

Was nicht koordiniert war: die arabische Koalition selbst. Sie war tief zerstritten. Jordanien unter König Abdullah hatte heimlich mit der Jewish Agency verhandelt und wollte primär das Westjordanland – nicht Israel vernichten. Ägypten wurde von nationalistischem Innendruck getrieben, nicht militärischem Kalkül. Syrien und Irak verfolgten eigene Agenden. Es gab kein gemeinsames Kommando, keine gemeinsame Strategie.

Der Gegensatz ist der eigentliche Punkt: Während die jüdische Seite den Übergang vom „Staat im Wartestand“ zur Souveränität minutiös organisiert hatte – Haganah einsatzbereit, Planung gemacht, und ab Frühjahr 1948 mit erheblichen Waffenlieferungen aus der Tschechoslowakei (mit sowjetischem grünem Licht) ausgerüstet, die Israels Kriegsfähigkeit entscheidend stärkten –, war die arabische Kriegsanstrengung durch Spaltung gelähmt. Ben-Gurion wusste besser als die meisten, dass der Krieg kommen und Israel ihn gewinnen könnte. Das war kein Zufall und keine Provokation im klassischen Sinne, sondern die nüchterne Einschätzung, dass dieser Moment die einzige Gelegenheit war – und dass man bereit sein musste.

### Die Nakba

Was im israelischen Unabhängigkeitskrieg (November 1947 – Frühjahr 1949) mit der arabischen Bevölkerung Palästinas geschah, bezeichnen Palästinenser als *Nakba* („Katastrophe“).

Der Prozess war kein einzelnes Ereignis, sondern ein etwa 18-monatiger Ablauf mit mehreren Phasen:

Bereits vor der Staatsgründung, im Zuge des Bürgerkriegs zwischen jüdischen und arabischen Gemeinschaften (November 1947 – Mai 1948), flohen etwa 50.000–100.000 Palästinenser – überwiegend städtische Mittelklasse aus Haifa, Jaffa und Jerusalem. Im April 1948 töteten Irgun und Lehi in **Deir Yassin** etwa 100 bis 120 Dorfbewohner; die Nachricht verbreitete sich schnell und löste Panikflucht aus. (Die früher kolportierten Berichte über systematische Vergewaltigungen gelten in der neueren Forschung, etwa bei Matthew Hughes, als propagandistisch übertrieben.)

**Plan Dalet** (März 1948) wird unterschiedlich gedeutet: formal ein militärischer Operationsplan zur Sicherung des vorgesehenen Staatsgebiets und der Verbindungswege. Sein Wortlaut enthält keinen generellen Vertreibungsbefehl; in seinem Vollzug aber wurden zahlreiche Dörfer geräumt, zerstört und entvölkert, die Widerstand leisteten oder strategisch im Weg lagen. Ob er primär als Defensivkonzept oder als Vertreibungsrahmen zu lesen ist, bleibt umstritten.

Nach der Staatsgründung und dem Einmarsch der arabischen Armeen folgten weitere Vertreibungen. **Lydda und Ramle** (Juli 1948): Etwa 50.000–70.000 Einwohner wurden zur Abreise gezwungen. Eine Passage in Yitzhak Rabins Memoiren, die einen mündlichen Räumungsbefehl Ben-Gurions beschreibt, wurde von der israelischen Zensur gestrichen; die genaue Befehlskette ist unter Historikern umstritten.

Insgesamt flohen oder wurden vertrieben etwa **700.000–750.000** Palästinenser – rund 80 Prozent der arabischen Bevölkerung auf dem Gebiet des späteren Israel; rund 150.000 blieben und wurden israelische Staatsbürger. Israel ließ die Geflohenen nicht zurückkehren – nicht nur aus Sicherheitsgründen, sondern auch aus demographischer Logik: Eine große arabische Minderheit hätte aus Sicht der Führung den jüdischen Charakter des Staates in Frage gestellt. Das **Abwesenheitseigentumsgesetz (1950)** erklärte alle Geflohenen zu „Abwesenden“ – ihr Eigentum fiel automatisch an den Staat, auch das jener, die nur in benachbarte Dörfer geflüchtet waren (formal traf das Gesetz auch jüdische Geflohene, in der Praxis jedoch fast ausschließlich Araber). Rund 400–500 arabische Dörfer wurden zerstört oder überbaut.

Die offizielle israelische Lesart behauptete bis in die 1980er Jahre, die arabische Bevölkerung sei freiwillig geflohen, teils auf Anweisung ihrer eigenen Führung. Die *Neuen Historiker* (Benny Morris, Ilan Pappé) zeigten auf Basis israelischer Staatsarchive, dass systematische Vertreibung eine erhebliche, dokumentierte Rolle spielte – neben Panikflucht und Kriegsumständen, wenn auch nicht durchweg zentral koordiniert. Benny Morris, der diese Dokumente auswertete, hielt die Vertreibung für historisch „notwendig“ zur Staatsgründung – und bedauerte, dass sie nicht vollständiger gewesen sei. Das ist keine historische Feststellung, sondern eine politische Bewertung: Sie sicherte Israels jüdische Mehrheit – auf Kosten der palästinensischen Bevölkerung. In ihrer zynischen Offenheit diskutiert sie die Frage immerhin nicht weg.

### Die internationale Dimension

Mehrere Mächte spielten entscheidende Rollen:

**USA:** Truman erkannte Israel elf Minuten nach der Unabhängigkeitserklärung an – gegen den Rat des State Department und des Pentagons. Der Holocaust, innenpolitischer Druck im Wahljahr 1948 und persönliche Überzeugung wirkten zusammen.

**Sowjetunion:** Die UdSSR stimmte im UN-Teilungsplan für einen jüdischen Staat und erkannte Israel am 17. Mai 1948 an. Stalin erhoffte sich einen sozialistisch orientierten Verbündeten im Nahen Osten und eine Schwächung der Briten – eine Fehlkalkulation. Indirekt trug die UdSSR über die tschechoslowakischen Waffenlieferungen wesentlich zu Israels militärischem Sieg bei.

**Die arabischen Nachbarstaaten** griffen an – und verloren. Die Waffenstillstandsabkommen wurden gestaffelt geschlossen: Ägypten (Februar 1949), Libanon (März), Jordanien (April), Syrien (Juli). Am Ende kontrollierte Israel **78 Prozent** des Mandatsgebiets statt der rund 55 Prozent, die der Teilungsplan vorgesehen hatte. Jordanien behielt das Westjordanland und Ostjerusalem; Ägypten behielt den Gazastreifen. Ein palästinensischer Staat entstand nicht.

### Die Gegenrichtung: jüdische Flucht aus arabischen Ländern

Der Krieg von 1948 leitete eine fast vollständige Entflechtung der Bevölkerungsgruppen im gesamten Nahen Osten ein – vergleichbar mit den Bevölkerungstransfers zwischen Griechenland und der Türkei (1923) oder Indien und Pakistan (1947). Zwischen 1948 und etwa 1970 mussten rund 700.000 Juden aus arabischen Ländern fliehen oder wurden zur Auswanderung gedrängt. Die Ursachen waren unterschiedlich: Im Irak führten Enteignung und Ausbürgerung 1950/51 als direkte Reaktion auf Israels Gründung zur Massenflucht; in Ägypten folgte die Vertreibung erst nach der Suez-Krise 1956; in Marokko und Tunesien war die Auswanderung teils auch wirtschaftlich motiviert, im Kontext der französischen Kolonialpolitik. Auch ihr Eigentum wurde nie entschädigt.

Beide Vertreibungen sind historisch real, aber nicht symmetrisch: Die palästinensische war unmittelbar mit der Staatsgründung verbunden, die jüdische eine Folge dieser Gründung in den umliegenden Staaten. Vertreibung war damit keine Einbahnstraße – aber Ursache und Wirkung lagen verschieden.

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## Schluss: Das unauflösbare Dilemma

Der Zionismus war die Antwort auf ein reales, dringendes Problem: Jahrhunderte des europäischen Antisemitismus, gipfelnd im systematischen Mord an sechs Millionen Juden. Diese historische Notlage war real. Die Reaktion darauf war menschlich verständlich und historisch nachvollziehbar.

Und doch: Die Lösung wurde auf Kosten einer Bevölkerung realisiert, die für das europäische Verbrechen keine Verantwortung trug. Die Palästinenser haben den Holocaust nicht begangen – sie trugen dennoch einen Teil der Folgen mit einem großen Teil ihrer Heimat. Das ist keine antisemitische Aussage; es ist die nüchterne historische Einschätzung, die viele israelische Historiker selbst teilen.

Der Konflikt ist bis heute so schwer zu lösen, weil beide Seiten historisch Recht haben – nur leider nicht gleichzeitig. Das ist das Paradigma von *Righteous Victims*: Beide betrachten sich als die Gerechten und die Opfer. Beide haben damit teilweise Recht. Hinzu kommt eine strukturelle Asymmetrie, die man nicht übersehen sollte: Die zionistische Bewegung hatte die Mittel, ihren Anspruch durchzusetzen – eine kohärente Führung, internationale Unterstützung und am Ende militärische Überlegenheit. Das macht den Konflikt nicht ungerecht, aber ungleich. Das ist die Tragödie, nicht die Lösung.

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*Quellen und Vertiefung:* {cite}`morris2008` und {cite}`morris2004`; {cite}`segev2000`; {cite}`fromkin1989` (Sykes-Picot und Nachkriegsordnung); {cite}`barr2011` (britisch-französische Rivalität); {cite}`khalidi2020`; {cite}`shlaim2000`; {cite}`mccarthy1990`; {cite}`hughes2019`.